Wie oft vergeben?

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Wie oft vergeben?

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
heute bestimmt ein Thema unseren Gottesdienst, dass uns im Leben einerseits allen schwerfällt, aber anderseits wissen wir, dass ohne dieses Thema und das wir es dann auch leben, ein Zusammenleben von uns Menschen unmöglich ist. Es ist die Frage der Vergebung.
„Wie oft muss ich meinen Bruder, meinen Mitmenschen vergeben?“ Diese Frage des Petrus haben wir doch alle im Ohr und haben sie vielleicht auch selber schon gestellt. Besonders dann, wenn einer uns besonders böse und hart kommt.
Die Gleichnisgeschichte die Jesus darauf hin erzählt haben wir ja im Evangelium gehört. Ich lese sie noch einmal nach der Neuen Genfer Übersetzung aus Matthäus 18, 21-35
21 Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte: »Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er immer wieder gegen mich sündigt? Siebenmal?« –
22 »Nein«, gab Jesus ihm zur Antwort, »nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal!«
Das Gleichnis vom Schuldner, der Barmherzigkeit erfährt, aber selbst nicht gewährt
23 »Darum ´hört dieses Gleichnis`: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der mit den Dienern, die seine Güter verwalteten, abrechnen wollte.
24 Gleich zu Beginn brachte man einen vor ihn, der ihm zehntausend Talente schuldete.
25 Und weil er nicht zahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und seinem ganzen Besitz zu verkaufen und mit dem Erlös die Schuld zu begleichen.
26 Der Mann warf sich vor ihm nieder und bat auf den Knien: ›Hab Geduld mit mir! Ich will dir alles zurückzahlen.‹
27 Da hatte der Herr Mitleid mit seinem Diener; er ließ ihn frei, und auch die Schuld erließ er ihm.
28 Doch kaum war der Mann zur Tür hinaus, da traf er einen anderen Diener, der ihm hundert Denare schuldete. Er packte ihn ´an der Kehle`, würgte ihn und sagte: ›Bezahle, was du mir schuldig bist!‹
29 Da warf sich der Mann vor ihm nieder und flehte ihn an: ›Hab Geduld mit mir! Ich will es dir zurückzahlen‹.
30 Er aber wollte nicht darauf eingehen, sondern ließ ihn auf der Stelle ins Gefängnis werfen, ´wo er so lange bleiben sollte,` bis er ihm die Schuld zurückgezahlt hätte.
31 Als das die anderen Diener sahen, waren sie entsetzt. Sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles.
32 Da ließ sein Herr ihn kommen und sagte zu ihm: ›Du böser Mensch! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast.
33 Hättest du da mit jenem anderen Diener nicht auch Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?‹
34 Und voller Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er ihm alles zurückgezahlt hätte, was er ihm schuldig war.
35 So wird auch mein Vater im Himmel jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von Herzen vergibt.«
Da steht sie nun im Raum die Frage des Petrus: „Wie oft muss ich vergeben?“ Es ist ja Petrus, der uns immer wieder als einer aus dem Kreis der Jünger begegnet, der die Dinge, die alle denken, einprägsam in Worte fasst.
Und es auch eine Frage, die uns heute bewegt. Stellte euch vor, Ihr bekommt neue Nachbarn, die Kinder haben. Ihr freuen sich. Endlich junges Leben in der Nachbarschaft! Ein paar Tage später klingelt es
an der Haustür. Sie sind gerade im Keller, doch als sie oben ankommen und die Tür öffnen, steht niemand mehr da. Sie denken sich nichts dabei. Doch am gleichen Tag passiert das noch zwei Mal: Immer ist niemand da. Der Ärger steigt. Am Abend kommt der Vater ihrer neuen Nachbarsfamilie und klingelt. Sie beeilen sich, schnell zur Haustür zu kommen. Er steht da und hat sein 6-jähriges Kind an der Hand: »Bitte entschuldigen Sie, Frau Schmid, aber mein kleiner Sohn und meine Tochter haben erzählt, sie hätten heute bei ihnen auf die Klingel gedrückt und seien dann weggerannt. Das tut mir leid. Nick, kannst du dich bitte entschuldigen?
« »Entschuldigung«, kommt es ganz leise hervor. »Ist schon gut, ich war ja auch mal jung«, sagen Sie.
Doch als am nächsten Tag die ganze Kindermeute Fußball spielt und das
blecherne Garagentor des Nachbarhauses zum Fußballtor macht, steigt Ihr Ärger merklich, vor allem, als dann auch noch der Ball in Ihrem Garten liegt und eines der Kinder über die Hecke steigt, um ihn zu holen. »Entschuldigung, Frau Schmid!« – schon wieder?
Wie oft muss ich vergeben? Wann ist es genug? Wenn mein Partner mir untreu ist? Wenn mein Kind mich bestiehlt? Wenn ich angelogen werde? Wenn andere mich ausnutzen? Wie oft noch?
Die Frage von Petrus ist also allzu verständlich aktuell. Man kann nicht immer vergeben, die Gutmütigkeit muss auch eine Grenze haben und sollte nicht ausgenutzt werden!
Und Petrus – er ist doch recht großzügig, so denkt er zumindest: Sieben Mal – das ist reich bemessen! Mehr kann Jesus doch nicht verlangen! Und vermutlich wusste Petrus, von was er geredet hat. Er hatte einen
Bruder, der auch einer der 12 Jünger war, und er musste neben ihm auch die Zehn anderen Tag und Nacht aushalten. Das konnte einem schon auf die Nerven gehen.
Auch die Menschen nervten manchmal, die da zu Hunderten kamen, wenn sie mit Jesus irgendwo um die Ecke bogen. Keine ruhige Minute – wann ist es genug?
Wie ist das, wenn uns jemand etwas schuldet oder wir selbst bei anderen Schulden haben?
Im Normalfall gehen wir doch davon aus, dass Schulden auch beglichen
werden (können). Jede Bank legt sehr viel Wert darauf, dass sie eine
Sicherheit hat, falls der Kredit nicht zurückbezahlt werden kann. Wenn dann mal eine oder zwei Raten ausbleiben, dann kann es sehr schnell gehen, dass diese Sicherheit eingezogen wird. Im schlimmsten Fall gibt es die Möglichkeit, Privatinsolvenz anzumelden und nach einer Frist und vielen Auflagen eine Restschuldbefreiung zu beantragen.
Der Mann, der da vor dem König steht – er hat offensichtlich eine riesige
Summe veruntreut, mehr als er jemals wird verdienen können. Er stand ja schon zuvor in der Schuld seines Herrn, aber jetzt wird es überdeutlich: Da geht gar nichts mehr. Die Schuld ist so hoch, er wird sie nicht mehr zurückbezahlen können.
Was mag den Mann bewogen haben? Was kann ihm passiert sein? Falsche Gewinnversprechen, ein »Börsencrash«, für den er vielleicht gar nichts kann?
Wir denken nur an die Finanzsituation in Griechenland, die ja aufgrund der Flüchtlingproblematik jetzt etwas in den Hintergrund gerückt ist.
In Griechenland sind Reedereibesitzer von jeder Art von
Steuer ausgenommen, und »der kleine Mann« muss bezahlen, weil er sein Vermögen nicht ins Ausland bringen kann. Dass Menschen in die Schuld anderer hineingezogen werden, ist auch uns nicht fremd
»Ich will dir alles bezahlen!« – das ist kein schlagkräftiges Argument. Selbst wenn er viele sehr gute Jahre vor sich hat – es wird nicht reichen. An dieser Stelle geht das Gleichnis in seiner Spitze weit über das Denkbare hinaus.
Allein aus Gnade – das Reformationsfest liegt gerade einen Tag zurück. Da bietet es sich an, darüber zu reden, dass Gott uns aus Gnade und um Christi willen vergibt und wir nur so Vergebung erlangen können.
Doch dann passiert das eigentlich Unfassbare: Derjenige, der selbst Gnade erfahren hat, dem selbst das Leben noch einmal geschenkt wurde – er wird zum harten Richter seinem Mitknecht gegenüber und weist jede Bitte um Gnade und Vergebung zurück. Dieses Verhalten hat zur Folge, dass er noch einmal zum König kommen muss und dort sein Urteil empfängt.
Aus der Vergebung leben
Aus der Vergebung leben – das hat der erste Knecht wohl versäumt. Gerne hat er sich seine Schuld vergeben lassen, aber sein Herz wurde dadurch nicht verändert.
Gnadenlos fordert er von seinem Mitknecht die (kleine) Schuldensumme ein und lässt ihn sogar ins Gefängnis werfen.
Ich haber schon letzten Sonntag in Zipsendorf über die holländische evangelistin Corrie ten Boom gesprochen. Sie lebte von 1892 bis 1983. Ihre ursprüngliche Heimat war Haarleem, eine kleine Stadt in den Niederlanden, nördlich von Amsterdam.
Man kann heute noch das Haus der Familie ten Boom besichtigen.
Ihre Familie hatte im Dritten Reich Juden in ihrem Haus versteckt. Als das Haus von deutschen Soldaten durchsucht wurde, fand man zwar keine der Fremden im Haus, wohl aber Lebensmittelmarken. Corrie, ihr Vater und ihre Schwester Betsie wurden verhaftet. Der Vater starb kurz darauf. Corrie und ihre Schwester Betsie wurden in das KZ Ravensbrück gebracht. Im KZ lernten sie das Vertrauen auf Gott – mitten im Leid. Sie übten sich in der Vergebung und im Vertrauen auf Gottes Gnade. Betsie verstarb noch im Lager, Corrie aber wurde – irrtümlich, wie
sich später herausstellte – kurz vor dem Jahreswechsel 1944/45 entlassen. Ihre Schwester hatte das vorausgesehen. Nach Kriegsende erzählte Corrie ten Boom in vielen Ländern der Erde von den tiefen Glaubenserfahrungen im KZ. Immer wieder betonte sie, wie wichtig gelebte Vergebung ist.
Eines Tages wurde ihre Botschaft auf eine harte Probe gestellt. In einem Gottesdienst in München traf sie auf einen ehemaligen KZ-Aufseher, der sie nach dem Gottesdienst ansprach. Er sagte: »Wie dankbar bin ich für Ihre Botschaft … dass er … meine Sünden abgewaschen hat.« Er reichte Corrie die Hand, doch sie konnte ihre Hand nicht heben. Zu lebendig waren all die schlimmen Erfahrungen im KZ. So betete sie um die Vergebung von Jesus und kämpfte im Innern. Als es ihr dann doch gelang, dem Mann die Hand zu reichen, war das für sie selbst eine
überwältigende Erfahrung.
Hier wird deutlich Vergebung will gelebt werden – in all unseren Beziehungen, auch in der Gemeinde.
Weil Christus mir vergeben hat und weil ich aus seiner Vergebung lebe,
kann ich auch vergeben – wann immer jemand zu mir kommt und mich um Vergebung bittet. Nur so kann unser Miteinander als Christen, unser Leben als Gemeinde gelingen.
Und der Friede Gottes welcher höher ist als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
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