Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen
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Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen
Predigt Jahresschluss 2019 – Hiob 42,1-6
1 Da antwortete Hiob dem Herrn und sagte:
2 Jetzt weiß ich, dass alles in deiner Macht steht. Man kann dich an keinem deiner Vorhaben hindern.
3 Du hast gefragt: »Wer ist es, der meinen Plan verdunkelt, mit Worten, gesprochen ohne Verstand?« Ich war’s! Ja, ich habe ohne Einsicht geredet. Ich sprach von Dingen, die ich nicht verstand.
4 Du hast mich aufgefordert: »Hör zu, wenn ich mit dir rede! Ich will dir meine Fragen vorlegen. Belehr mich doch, wenn du es kannst!«
5 Ja, bis dahin kannte ich dich nur vom Hörensagen. Doch jetzt hat mein Auge dich wirklich gesehen.
6 Darum bereue ich meine Worte und finde Trost, so wie ich hier in Staub und Asche sitze.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus Amen.
Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen
Liebe Gemeinde,
das Weihnachtsfest ist vorbei. Der Jahreswechsel steht an. Vor einem Jahr lag es vor uns wie ein weißes Blatt Papier. Vielleicht standen schon ein paar Bemerkungen und Termine drauf. Jetzt ist es vollgeschrieben. Wir finden viele Aussagen, Termine, Ausrufezeichen, Fragezeichen, Unterstrichenes und Durchgestrichenes. Wir finden Dinge zum Lachen und zum Weinen – Fröhliches und Trauriges. Da finden wir auch das große Warum. Wir finden Klagen und Schreie, zerknüllt und gerissen.
Irgendwo steht auch: Danke Gott! Und dann steht da: Warum Gott?
„Warum schenkte mir Gott kein gesundes Kind?“ So fragt die junge Frau, die schon zwei Fehlgeburten hinter sich hat. „Warum ich kann nicht mehr reden?“ So fragt sich der Mann Anfang 50, der durch einen Schlaganfall seine Sprache verloren hat; den man früher wegen seiner Redegabe bewundert hat.
„Warum hat mein Freund sich das Leben genommen?“ So fragt die junge Frau, die sich mit ihm eine Zukunft zu zweit ausgemalt hat.
„Warum hat Gott den Unfall nicht verhindert, durch den meine Freundin ums Leben kam?“ Warum? Warum?
Sind es nicht die Fragen leidender Menschen? Fragen die uns jeden Tag in ähnlicher Form begegnen? Fragen bei Schicksalsschlägen, die auch wir erfahren Tag für Tag.
Fragen, die von Gott eine Antwort fordern. Fragen, die Gott anklagen. All das sind keine erfundenen Fragen. Es sind Fragen, die Menschen wirklich jeden Tag stellen. Nicht nur heute, sondern schon in allen Generationen und zu allen Zeiten.
Einer, dessen Name der Inbegriff des leidenden Menschen geworden ist, war Hiob. Sein Name ist immer noch Synonym für die schlimme Nachricht, die uns ereilt – die Hiobsbotschaft. Und er hatte allen Grund zu hadern, zu klagen und zu schreien, auch gegen Gott. Doch am Ende kommt er zu einem überraschenden Ergebnis. Das möchte ich jetzt einmal schon vorwegnehmen.
Wir lesen aus Hiob 42 die Verse 1-6:
Hiob 42,1–6 (LU)
1 Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:
2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.
3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.
4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!«
5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.
6 Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.
Das Leben eines Menschen wurde von Grund auf umgekrempelt
Fromm und gottesfürchtig war er – so steht es am Anfang des Hiobbuches und erfolgreich, hatte eine glückliche Familie, er war gesellschaftlich anerkannt. Also das , was man sich doch so als guter Bürger wünscht.
Doch dann kam alles anders im Leben. Einen Schicksalsschlag nach dem anderen ereilte ihn in seinem Leben. Seine Kinder starben bei einem Unglück. Es ging ihm wirtschaftlich immer schlechter. Eine Pleite nach der anderen. Eine furchtbare Hautkrankheit überzog seinen Körper, die dann seine Frau dazu brachte, sich von ihn zu trennen und ihm zu empfehlen: Er solle sich von seinem Gott lossagen und sterben.
Nun gut, seine Freunde blieben ihm, aber das war auch nicht gerade das Beste, denn die gingen ihm mit ihrem dummen Gerede nur noch mehr auf die Nerven.
So begann er doch auch bald selbst zu hadern und fragte am Ende: Gott, wo bist du? Oder mache wenigstens ein Ende mit mir!
Doch so einfach war das auch mit Gott nicht!
Wer ist er denn? Besonders wie begegnet er uns hier in dem Hiobbuch? Und natürlich wie begegnet uns heute am Ende des Jahres 2019 Gott?
Ist er allmächtig? Ist er schwach? Ist er willkürlich? Was vermag er? Begegnet Gott uns dennoch als der Wunderbare?
Wie sieht es denn mit seiner Gerechtigkeit aus, besonders wenn wir an die Beispiele vom Anfang denken, an unser eigenes Leben und Erleben oder überhaupt an die großen Ungerechtigkeiten und Kriege in unserer Welt? Ist er dennoch in seinem Handeln immer gerecht? Kann er doch als der gerechte Richter mit dem Bösen umgehen?
Kann man mit ihm rechten? Oder hat er sich den Fragen des Hiob nicht entzogen und wird sich auch unseren Fragen entziehen?
Nun begegnet uns Hiob als einer, der durch das dunkle Tal des Lebensschicksals hindurchgegangen ist, der auch versagt hat, der gehadert und gezweifelt hat. Der aber eins nicht getan hat, er hat trotz allem nicht von Gott losgelassen. Er hat sich an ihn geklammert.
Sein bisheriges Wissen über Gott bekam er nur aus zweiter Hand – vom Hörensagen. Vielleicht von den Eltern, von den Priestern, den Propheten, aus den Heiligen Schriften, von seinen Freunden und von wem auch immer.
Doch jetzt erfuhr er Gott aus der direkten Begegnung mit ihm. Er machte eine direkte Erfahrung. Wenn das Hörensagen zur eigenen Gewissheit wird, dann ist das ein ganz anderer Vorgang. Die Offenbarung kommt, wie eine Erleuchtung oder sie wächst geheimnisvoll verborgen in uns und ist plötzlich da.
Hiob ist jetzt bereit zur Umkehr und Buße. Er ist bereit zu einer 180 Grad Wende. Er gibt sein Klagen und Fragen und seine Zweifel auf. Er, der bisher in Gott als einen Chaoten und Feind sieht, hat ein neues Bild von Gott.
Diese verzweifelte Sehnsucht Hiobs hat sich nun erfüllt. Seine Augen haben Gott geschaut, Gott ist ihm neu begegnet. Gott bleibt nicht fern von ihm, er ist ihm nahegekommen, er hat zu ihm gesprochen. Hiob kann nun wieder glauben, dass Gott da ist, dass sein Schicksal Gott nicht gleichgültig ist.
Uns begegnet jetzt ein erneuerter Hiob, der sein verdunkeltes Gottesbild ablegt und sogar für seine Freunde Fürbitte tut, als er noch selbst krank war. Sein Handeln ist nun nicht mehr von Klage und Unverständnis durchdrungen, sondern ist geprägt von einer neuen Gotteserkenntnis, von einem neuen Gottesbild, welches seine ganze Lebenshaltung ändert.
Auch für uns heute gilt das: Wenn Gott redet, dann ändern sich unsere Vorstellungen und Überzeugungen, ja sogar das ganze Leben.
Hiob findet am Ende zur Buße: Er erkennt, dass er Gott mit seinen eigenen Vorstellungen verfehlt hat. Er gesteht ein, dass Gott unfasslich und ganz anders ist und sein Handeln alles Verstehen übersteigt, aber auch übersteigen darf – eben weil er nicht bloß ein menschlicher Abklatsch, sondern weil er Gott ist. Hiob tut radikal Buße, lässt Gott so Gott sein und erkennt, dass er selbst im Unterschied zu Gott nur ein Mensch ist.
Da kommt natürlich auch für ihn die Frage: Wer bin ich? Wie sieht mein Leben aus? Meine menschliche Erkenntnis – Wie steht es denn mit meiner eigenen Erkenntnis?
Es war für ihn schon ein weiter Weg der Gotteserkenntnis.
Und wenn wir so am Ende das Jahres in das neue Jahr hineinblicken, mit dem Wissen, dass Gott unser morgen mit allen Höhen und Tiefen in seiner Hand hält, stellen auch wir uns die Fragen:
Wie sieht es mit den Plänen Gottes in meinem Leben aus? Sind sie wirklich so schlecht, wie ich sie sehe und jetzt auch erfahre? Oder führen sie mich nicht vielleicht doch zum Guten? Wie erkenne ich das? Erst im Nachhinein?
Was Hiob am Ende hier lernt, ist, dass Gott eben auch unfassbar und unbegreiflich bleibt. Nicht auf alle Fragen gibt es sofort oder überhaupt eine Antwort . Er spürt und hat es verstanden: „Der Macht und den Möglichkeiten Gottes sind keine Schranken gesetzt.“ Gott kann, was er will. Und, im Unterschied zu uns Menschen, was er will, das kann er auch.
Hiob erkennt, dass er in der Art und Weise, wie er Gott gegenüber gehandelt hat, an Gott schuldig geworden ist, auch wenn er äußerlich gesehen als Gerechter aufgetreten ist, weil er Gott nicht hat Gott sein lassen, sondern weil er sich angemaßt hat, über Gott selbst richten zu können.
Darum tut er jetzt hier Buße und nimmt seine törichten Worte zurück.
Das Rätsel um sein eigenes Leid ist immer noch nicht gelöst. Seine äußere Lage ist immer noch die gleiche. Doch sein eigenes Verhältnis zu Gott hat sich geändert. Gott ist da und er hat jetzt die Gewissheit gefunden, dass Gott lebt und dass dieser sein Leben in seiner Hand hält.
Auch wenn Hiob noch keine vollständige Antwort auf sein Schicksal gefunden hat, hat er an Gott glauben und ihm vertrauen gelernt und will weiter an ihm festhalten.
Dazu möchte ich auch Ihnen gerade am Ende des Jahres Mut machen, dass auch sie eine neue Sicht für ihr Leben finden, dass auch sie sehen, dass wenn man es auch nicht gleich immer sieht, unser Leben in Gottes Hand ist.
Gerade für uns als Christen wird das durch Jesus Christus leichter gemacht. Dennoch bleibt unser Leben und Glauben Stückwerk bis zu dem Tag, an dem wir schauen können.
Ich wünsche ihnen, dass Sie mit der Gewissheit des Glaubens wie sie Hiob fand in das neue Jahr hineingehen: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.
Amen.
