Draußen vor der Tür! (2)
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Draußen vor der Tür!
Draußen vor der Tür!
Liebe Gemeinde,
„Was kommt nach dem Tod?“
Das ist doch die große Frage, die viele Menschen und auch wir sich immer wieder einmal stellen. Besonders dann wenn wir an dem Grab eines geliebten Menschen stehen – oder gerade selbst schwere Lebenskrisen durchmachen.
Sicher könnten wir als Christen, mit dem Hinweis auf Karfreitag und Ostern da schnell eine Antwort geben.
Aber dann müssen wir uns immer wieder ganz neu fragen und fragen lassen: Glauben wir das denn auch, was wir da sagen, - dass wir nach dem Tod eine Hoffnung auf das ewige Leben haben?
Wir wollen uns heute in diesem Gottesdienst ein wenig daran tasten.
Denn eins ist klar. Das Leben auf dieser Erde hat einen Anfang in der Geburt des Menschen und ein Ende in seinem Tod.
Und noch etwas ist klar, alle Menschen müssen sterben 100% und keiner kann irgend etwas mitnehmen. Das Sprichwort sagt ja: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“
Das Leben aller Menschen hat einen Anfang und hat ein Ende, darin sind sich alle Menschen gleich.
Doch dann stellt sich uns die Frage:
Wie sieht die Mitte aus, die Spanne zwischendrin?
Wie sieht das Leben zwischen Geburt und Tod aus?
Eines ist klar, wir Menschen sind soziale Wesen, da brauchen wir keine wissenschaftliche Studien um das zu ergründen. Das macht uns schon die schon die Bibel auf ihren ersten Seiten deutlich. Und wir spüren es alle an uns selber. Jeder von uns braucht es: Geborgenheit, etwas Warmes wie Nähe, Zuwendung, und Sicherheit, so etwas wie ein warmes Nest.
Jeder von uns sucht Anerkennung, Zuneigung, soziale Resonanz.
Nichts ist schlimmer für uns Menschen, als allein gestellt zu sein.
Nichts ist schlimmer als ohne Beziehungen zu leben – mutterseelenallein. Warum haben denn die sozialen Netze des Internets einen so hohen Zuspruch? Weil sie auf ihre Art Beziehungen herstellen!
Dass wir soziale Wesen sind und Beziehungen brauchen, bringt ein sehr bekanntestes Theaterstück nahe. Es ist von Wolfgang Borchert und heißt „Draußen vor der Tür“ Es ist ein Nachkriegswerk und gehört zur Trümmerliteratur.
Im Zentrum des Theaterstücks steht der deutsche Kriegsheimkehrer Beckmann, dem es nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft nicht gelingt, sich wieder ins Zivilleben einzugliedern. Während er noch durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägt ist, haben seine Mitmenschen die Vergangenheit längst verdrängt. Auf den Stationen seiner Suche nach einem Platz in der Nachkriegsgesellschaft richtet Beckmann Forderungen nach Moral und Verantwortung an verschiedene Personentypen, Gott und den Tod. Am Ende bleibt er von der Gesellschaft ausgeschlossen und erhält auf seine Fragen keine Antwort.
Es ist ein Nachhausekommen, das kein Zuhause sein mehr sein kann und nicht mehr ist.
Das Stück zieht eine erschreckende Bilanz: „Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür.“ Es ist ein Sturz ins Bodenlose. Ein Leben ohne wirkliches Zuhause. Ist so etwas nicht schrecklich?
Umso mehr ist die Sehnsucht da, nach dem, das da bleibt umso mehr wir spüren, dass vieles im Vorübergehen ist.
Heute geht es darum dass auch wir Sicherheiten, Halt, Kontinuität und Geborgenheit des Irdischen hinter uns zu lassen müssen.
Ist vielleicht auch unser Zuhause draußen vor der Tür?
Auf jede Fall mutet uns der Predigttext aus Hebräer 13,9-14 in diese Richtung einiges zu:
Hebräer 13,9-14
9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen.
10 Wir haben einen Altar, von dem zu essen kein Recht haben, die der Stiftshütte dienen.
11 Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt.
12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.
14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Liebe Gemeinde,
da begegnet uns in unserem Predigttext eine Passionsgeschichte der ganz besonderen Art gehört. Diese können wir in einem Satz zusammenfassen: Jesus litt --,,draußen vor der Tür".
Da der Hebräerbrief, wie sein Name es schon sagt, ein Brief an Hebräer, als an Judenchristen war, können wir davon ausgehen, dass diese mit der alttestamentlichen Opfertheologie vertraut waren. So hat der Schreiber des Hebräerbriefes das Opfer von Jesus mit dem alttestamentlichen Opfergeschehen verglichen. Da wurde die Körper der Opfertiere, welche im Tempel geopfert wurden, „draußen vor der Tür“ - vor der Stadt in der Wüste verbrannt. Sie wurden als Sündenböcke sozusagen verbrannt.
Damit war „Draußen vor der Tür“ also alles andere als ein Ort des Lebens.
Es ist der Ort des Todes, weil er alles andere als ein Ort der Gemeinschaft war. Und genau da litt und starb auch Jesus. Er litt und starb außerhalb von Jerusalem, außerhalb des Ortes, außerhalb der Gemeinschaft, nur die Richter und Gaffer waren dabei
Die Schädelstätte, der Ort an dem Jesus gekreuzigt wurde, war am Rande der Stadt, draußen vor dem Tor. Es war die frühere Müllkippe der Stadt Jerusalem.
So wurde Jesus ausgegrenzt von der Gesellschaft, von den Menschen -- verraten und verkauft. Er war ein Außenseiter, er war draußen, weil er eben nicht nach drinnen passte.
Denn Jesus passte nicht in die Gemeinschaft, die mit ihrer Macht der Gewohnheiten, sich an allem stoßen musste, was anstößig und ungewöhnlich war. Für sie war es einfach und undenkbar und unerhört, dass ein Gott sichtbar zu den Menschen kam? Es war für sie unerhört, dass dieser Gott, als ärmliches Kind in einer erbärmlichen Höhlengrotte zu den Menschen kam. Er kam alles andere als glanzvoll und glorios.
Darum kam er ja schon ausgesperrt aus dem Ort des Lebens zur Welt.
Keiner wollte ihn.
Ist das nicht ungeheuerlich, dass der Gott der Liebe und des Lebens zu einem Opfer der Sünde und des Todes wird?
Es ist doch unglaublich Dass Gott im wahrsten Sinne des Wortes herunterkommt zu denen, die vom Leben ausgeschlossen sind.
Der Schöpfer geht ein in seine Schöpfung, ohne dann in dieser aufzugehen. Gott zieht aus. Er zieht aus, aus der Stadt der Gerechten, hinaus zu den scheinbar Gottverlassenen, zu denen, die am Rande oder draußen sind.
Er geht hinaus zu denen, „die draußen vor der Tür sind“ und dort leben und leiden.
Aber noch mehr: Er geht hinaus an den Ort der Ausgrenzung, des Leidens und des Todes, um dort selbst als Ausgegrenzter den Tod zu erleiden.
Das Ganze ist der große Aufbruch Gottes, der Mauern aufbrechen lässt. Es sind die fest zementierte Mauer zwischen Leben und Tod, zwischen Gottlosen und Gerechten, zwischen drinnen und draußen.
Und Gott spricht die große Einladung aus. Denn jetzt lädt Gott beide ein, die Sünder und die Gerechten. Es werden die eingeladen, die sich für abgrundtief verloren halten, und auch die, die meinen, sie müssen vor Gott gerecht sein.
Wir erleben hier den Aufbruch Gottes, als ein Aufbruch der Verlorenen zur Rettung wird, als ein Aufbruch aus der Knechtschaft von Sünde und Tod.
Und wir erleben ihn als ein Aufbruch für die, die meinten immer schon gerecht zu sein, als Auszug aus den schützenden Mauern falscher Selbstsicherheit, Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit.
So ist es der Auszug Gottes in die unsagbare Freiheit, dass Gott alles für uns tut: Er leidet und stirbt für uns.
Damit macht er uns klar, dass er jeden Menschen ohne Grenzen liebt.
Darum wenn Gott jetzt aufbricht, um Festgefahrenes aufzubrechen, wenn Gott auszieht um uns zum Auszug aus alten Mustern einzuladen, dann bleibt eigentlich auch uns nur eine Möglichkeit, dass auch wir bereit sind das alte Lager unseres Lebens zu verlassen. Dass wir bereit sind, die ersten Schritte der Nachfolge zu tun.
Das alte Lager unseres Lebens zu verlassen ist ein Schritt, der Mut braucht und Vertrauen. Das kann sicher vieles bedeuten: anderen sagen, dass man jetzt an diesen Jesus glaubt, vor Gott seine Sünden bekennen und um Vergebung bitten, Dinge im Leben wieder in Ordnung bringen, Menschen um Verzeihung bitten, sein Leben ändern, und einen Neuanfang wagen und auf Gott vertrauen und zu ihm beten. Ja es erfordert viel Mut und Gottvertrauen, nach „Draußen vor die Tür zu gehen.“
Es ist ein Schritt der Nachfolge, ein Schritt der Nachfolge nach draußen.
Herauszutreten aus dem Alten, sich verändern und verändern lassen, ist nicht immer leicht. Denn das Neue ist nicht immer greifbar wird damit angreifbar. Und sehr oft auch unverständlich dazu.
Der Auszug Gottes stellt alles auf den Kopf, was menschenmöglich erscheint. Denn nach unserem menschlichem Ermessen ist es unmöglich, dass ein Gott leidet und stirbt. Und es ist auch nach unseren menschlichen Vorstellungen unmöglich, dass ein Gott sich um Menschen kümmert, die nichts von ihm wissen wollen. Es widerspricht darum jeglicher menschlichen Vernunft, dass der Ort des Todes zum Ort des Lebens wird.
Darum war es damals und ist es auch heute immer noch ein Skandal, diesem Gott nachzufolgen. Sich auf etwas einzulassen, was nicht mit den Händen zu ergreifen ist, geschweige denn mit dem Kopf zu begreifen.
Mancher hält unser Hoffen auf das Zukünftige ein Vertrösten auf eine ferne Welt. Doch genau das ist es nicht.
Sehen wir doch einmal genauer hin. Dass genau sind wir Christen nicht: Menschen, die gerade diese Welt hier und heute nicht sich selbst und ihrem Schicksal überlassen. Mit unserem Blick in Gottes neue Welt vergessen wir die alte nicht. Sondern wir brechen auf, diese Welt in der Verantwortung vor Gott zu gestalten. Wir nehmen diese Welt sehr ernst, denn es ist Gottes Schöpfung, die bebaut und bewahrt werden soll.
Darum noch einmal der Ort, wo wir meinen, dass der Tod zu Haus ist, wird zum Ort des Lebens, weil der lebendige Gott das Leben schenkt.
Das Kreuz Christi als Zeichen des Todes, wird zum Zeichen des Lebens, weil Jesus Christus stellvertretend für uns gelitten und gestorben ist und dann vom Tode auferstanden ist.
Und das geschah „Draußen vor der Tür!“
Amen.
