Sehnsucht & Hoffnung

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Römer 8,18-25
18 Ich bin überzeugt: Das Leid, das wir gegenwärtig erleben, steht in keinem Verhältnis zu der Herrlichkeit, die uns erwartet. Gott wird sie an uns offenbar machen. 19 Die ganze Schöpfung wartet doch sehnsüchtig darauf, dass Gott die Herrlichkeit seiner Kinder offenbart. 20 Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen – allerdings nicht durch eigene Schuld. Vielmehr hat Gott es so bestimmt. Damit ist aber eine Hoffnung verbunden: 21 Denn auch die Schöpfung wird befreit werden aus der Sklaverei der Vergänglichkeit. Sie wird ebenfalls zu der Freiheit kommen, die Gottes Kinder in der Herrlichkeit erwartet. 22 Wir wissen ja: Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz wie in Geburtswehen – bis heute. 23 Und nicht nur sie: Uns geht es genauso! Wir haben zwar schon als Vorschuss den Geist Gottes empfangen. Trotzdem seufzen und stöhnen auch wir noch in unserem Innern. Denn wir warten ebenso darauf, dass Gott uns endgültig als seine Kinder annimmt. Dabei wird er auch unseren Leib von der Vergänglichkeit erlösen. 24 Denn wir sind zwar gerettet, aber noch ist alles erst Hoffnung. Und eine Hoffnung, die wir schon erfüllt sehen, ist keine Hoffnung mehr. Wer hofft schließlich auf das, was er schon vor sich sieht? 25 Wir aber hoffen auf etwas, das wir noch nicht sehen. Darum müssen wir geduldig warten.
Ihr Lieben,
spürt ihr die Sehnsucht, die hier aus Paulus’ Herz strömt? Und vielleicht spürt ihr diese Sehnsucht auch in euch: Die Sehnsucht, die Gott uns ins Herz gelegt hat. Die Sehnsucht nach Ihm! – Die Sehnsucht, ganz nah bei Gott zu sein.
Ich möchte euch einmal mit in die Berge nehmen. Diese gigantischen Riesen, die sich aus der Landschaft erheben und die uns Menschen durch ihre Dimensionen auf eine besondere Art und Weise faszinieren. Der Gipfel eines solchen Berges ist heute unser Ziel.
Früh am Morgen machen wir uns dazu unten im Tal auf den Weg. So wirklich wissen wir nicht, auf was wir uns da einlassen und was uns auf dem Weg erwartet. Wir haben eine Vorstellung, dass es nicht ohne Anstrengung vonstatten gehen wird. Wir rüsten uns gut aus, um auf dem Weg gewappnet zu sein. Und doch bleibt einiges an Ungewissheit: Wie wird der Weg beschaffen sein? Wie wird das Wetter werden? Mit welchen Herausforderungen werden wir konfrontiert?
Doch da sind wir schon längst auf dem Weg. Und kaum beginnt der lange Aufstieg, steigt in uns zum ersten Mal die Frage auf: „Was tu ich mir hier eigentlich an? Lohnt sich das überhaupt?“ Bald wird uns der erste Stein im Schuh drücken. Später geht der schöne Weg in ein Geröllfeld über, auf dem uns immer wieder der Boden unter den Füßen wegrutscht. Und schließlich beginnt auch noch die Sonne, erbarmungslos von oben zu brennen. Es mag unterwegs zwar auch angenehme Wegstrecken geben, aber die Strapazen haben es in sich! Gott sei Dank, erspähen wir von Zeit zu Zeit den Gipfel – und damit unser Ziel. Dieser Blick gibt uns neue Kraft und neuen Mut.
Und dann, nach vielen Stunden des mühsamen Aufstiegs erreichen wir endlich den Gipfel. So sehr hatten wir uns auf diesen Moment gefreut, hatten auf seine Schönheit gehofft – und sind jetzt vollkommen überwältigt! Unsere Vorfreude und unsere Hoffnung reichten nicht einmal im Ansatz an das heran, was unsere Augen jetzt sehen: Die unbeschreibliche Schönheit der Gipfelketten türmt sich um uns herum auf. Die Weite, die unser Ausblick uns bietet, macht uns sprachlos. Hier spüren wir die gigantische Gewalt der Schöpfung, hier spüren wir einen Hauch von der Größe des Schöpfers. – Und wir wissen: Alles, was wir auf dem Weg zum Ziel durchmachen mussten, war es Wert!
Ihr Lieben, unser Leben verläuft doch ähnlich: Wir laufen auf ein Ziel zu, ein wunderschönes und wundervolles Ziel, das unsere Vorstellungskraft bei Weitem übersteigt. Doch dieser Lauf hat sehr harte Phasen. Manche Zeiten im Leben kommen uns wie ein steiniges Geröllfeld vor. Wir haben das Gefühl, dass unsere Kräfte kaum ausreichen. Andere Zeiten wiederum sind erfrischend wie eine Pausenbank am Rand des Wanderwegs, die uns Schöpfung, Aussicht und den Moment einfach genießen lässt.
Jeder von uns hat dabei seinen ganz eigenen Lebensweg, sein ganz eigenes Verhältnis von Herausforderndem und Leichtem. Das Tolle daran, dass wir als Christen gemeinsam unterwegs sind, ist dabei, dass wir die Wege miteinander teilen können. So können wir dem Herausgeforderten mitten auf seinem Geröllfeld plötzlich eine zutiefst erholsame Bank anbieten, auf der er zur Ruhe kommen kann. Oder wenn es zu schwer wird, können wir einander sogar das Gepäck abnehmen oder dem anderen von unserer Verpflegung etwas abgeben, damit er wieder neue Kraft bekommt.
Auch unser Leben ist ein Lauf. Und wir sehnen uns danach, das Ziel zu erreichen. Auch wenn der Weg selbst unglaublich schöne Zeiten hat, wissen wir doch, dass das Eigentliche erst noch kommt.
Es kommt nicht von ungefähr, dass dieser Text, der von Sehnsucht und Hoffnung erzählt, inmitten eines der schönsten und bedeutendsten Kapitel der Bibel steht: Das 8. Kapitel des Römerbriefes beginnt mit dem neuen Leben, mit der neuen Freiheit, die uns durch Jesus Christus geschenkt ist: Wir dürfen selbst Kinder Gottes sein, denn sein Geist wohnt in uns und führt uns durchs Leben. Als Gottes Kinder wird uns zugesagt, dass wir den Himmel – die Ewigkeit in Gottes Gegenwart – erben werden. Inmitten von Gottes Herrlichkeit zu leben, wird alles übersteigen, was wir auf dieser Erde erdulden müssen! Das ist die tiefe Hoffnung unseres Glaubens – Gott hat sie uns als Sehnsucht ins Herz gelegt. In Seiner Gegenwart wird diese größte und tiefste Sehnsucht unseres Herzens gestillt. Bis dahin leben wir eben in dieser Hoffnung – und – so schließt Paulus das Kapitel – in der Verheißung von Gottes unverbrüchlicher Liebe zu uns.
Paulus stellt mit der Platzierung des Textes, den wir heute als Predigttext haben, heraus: Es geht hier nicht um etwas nebensächliches, sondern um ein ganz zentrales Stück unseres Glaubens: Die Hoffnung auf das, was uns am Ziel erwartet.
Nicht nur wir sehnen uns nach diesem Ziel – so schreibt er –, sondern die ganze Schöpfung sehnt sich danach, dass wir dieses Ziel erreichen.
Es scheint, als würde die ganze Schöpfung der Sklaverei mit all ihrer Vergänglichkeit unterworfen sein, wie es einst die Israeliten in Ägypten waren. Und alles wartet darauf, dass Gott uns herausholt und erlöst aus der Sklaverei, um uns endlich in das verheißene Land zu führen, hinein in die Freiheit, hinein in Gottes Herrlichkeit.
Mitten in diesem Seufzen leben wir, mitten in der Sehnsucht nach der Erlösung, mitten in der tiefen Sehnsucht nach Gott. Wer einmal von Gottes unendlicher Liebe berührt wurde, der weiß, dass es genau das ist, was unser Herz braucht und wofür wir gemacht sind: in Gottes Gegenwart zu leben.
Das zu erleben – die Herrlichkeit, die uns erwartet – so schreibt es Paulus – übertrifft die Leiden, die wir auf dieser Welt durchleben müssen, unermesslich. Oder andersherum formuliert: „Das Leid, das wir gegenwärtig erleben, steht in keinem Verhältnis zu der Herrlichkeit, die uns erwartet. Gott wird sie an uns offenbar machen.“ (V.18)
Es ist ein Wort voller Trost und voller Hoffnung, voller Erbauung. Es ist besonders dann wichtig, wenn unser Lebensweg beschwerlich wird und uns zu überfordern droht. Im Blick zu behalten, dass selbst das größte und schwerste Leid in keinem Verhältnis zu der Herrlichkeit steht, die uns erwartet, ist unsere tiefe Hoffnung.
Ist das eine Vertröstung aufs Jenseits? Ja, natürlich! Denn erst im Jenseits erwarten wir die vollkommene Herrlichkeit Gottes. Natürlich dürfen – und sollen – wir uns mit dem Ziel trösten, auf das wir zulaufen. Und gleichzeitig ist es doch so viel mehr, denn wir wissen: Gott ist auch jetzt schon bei uns, nicht erst in der Ewigkeit. Er hat uns seinen Heiligen Geist jetzt schon gegeben, als „Erstlingsgabe“, wie es Luther übersetzt hat, bzw. als Vorschuss, wie die BasisBibel übersetzt. Er ist unser Wegbegleiter, der uns den richtigen Weg zeigt, der uns hilft, auf diesem Weg zu gehen, der uns aufbaut, tröstet, neue Kraft gibt, wenn wir am Ende sind.
Der Heilige Geist hilft uns, das umzusetzen, was Paulus zum Abschluss dieses Abschnittes schreibt: „Wir hoffen auf etwas, das wir noch nicht sehen. Darum müssen wir geduldig warten.“ (V.25) – Eines Tages wird unsere Geduld belohnt und wir dürfen Gott gegenüberstehen, dürfen Ihm in die Augen schauen, über Seine unendliche Größe und Herrlichkeit staunen und uns von Seiner Liebe völlig durchdringen lassen. Dann ist unsere Sehnsucht gestillt, denn dann sind wir an dem Ort, für den wir geschaffen sind.
Bis dahin sind wir als Christen, als Gemeinde, ja als ganze Kirche gerufen, sowohl an der Hoffnung, als auch am Leid Anteil zu haben. In dieser Welt – und besonders mitten in ihrem Leid – ist es unser Auftrag, Hoffnungsträger für die Menschen zu sein. Mitten im Leiden der Menschen die Hoffnung Gottes aufzurichten und sie in diese Welt und in die Herzen der Menschen hineinzustrahlen.
Das kann von Zeit zu Zeit eine große Herausforderung sein. Wir dürfen uns nicht von den Menschen dieser Welt abwenden, sondern müssen vielmehr mit der Hoffnung auf Gott in ihr Leben leuchten.
Deswegen sind wir hier. Und deswegen mutet Gott uns selbst das Leid dieser Welt zu.
„Aber“, so schreibt Paulus einige Verse später, „in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.“ (V.37) – Denn die Herrlichkeit, die uns erwartet überwindet unermesslich alles, was wir auf dieser Erde durchleben müssen.
Amen.
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