Ich sehe nur, was ich glaube
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Transcript
Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich’s nicht glauben. Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!
Ihr Lieben,
ich habe euch eine Kiste mitgebracht. Ich mache sie nicht auf, aber ich verrate euch, was sich in dieser Kiste befindet: Hier drin ist eine Tafel Schokolade. Glaubt ihr mir das? Ihr könnt es auch anzweifeln. Aber weil ich Pfarrer bin, glaubt ihr mir natürlich, weil der Pfarrer darf ja nicht lügen… Aber was, wenn hier doch keine Tafel Schokolade drin ist?
Wir Menschen sind ja sehr unterschiedlich. Den einen fällt es leicht, etwas zu glauben – vielleicht neigen sie sogar zu Leichtgläubigkeit. Den anderen fällt es schwer, etwas zu glauben, das ihnen nur erzählt wird, das sie aber nicht selbst gesehen haben. Denn genau darum geht es ja beim Glauben: Ich muss jemand anderem vertrauen. Ich muss etwas fürwahrhalten, das ich nicht mit meinen eigenen Augen nachprüfen konnte. – Glaubt ihr mir, dass in dieser Kiste Schokolade ist? Könnt ihr mir vertrauen, ohne es mit euren eigenen Augen zu überprüfen?
Manche Menschen sagen von sich selbst: „Ich glaube nur, was ich sehe!“ Das scheint zunächst, ein sehr vernünftiger Ansatz zu sein. – Ich verlasse mich nur auf für mich nachprüfbare Tatsachen. Allerdings würden wir damit jegliches Vertrauen außer Kraft setzen – wir würden dann niemandem mehr vertrauen. Denn das heißt ja glauben: Ich sehe es nicht selbst, kann es selbst nicht wissen, sondern muss mich auf die Aussagen anderer verlassen; ich muss meine eigene Sicherheit verlassen und jemandem vertrauen. Nur dann kann ich glauben. Wenn also jemand sagt: „Ich glaube nur, was ich sehe!“, dann hat dieser Mensch ein Vertrauensproblem.
Und wenn wir etwas genauer hinschauen, merken wir schnell, dass das zwar auf den ersten Blick eine vernünftige und ehrbare Einstellung wäre, dass es aber keinen Menschen gibt, der wirklich danach lebt: „Ich glaube nur, was ich sehe!“
Zwei Beispiele:
Mir ist niemand bekannt, der beim Einsteigen in einen Linienbus schon einmal den Busfahrer nach dessen Führerschein gefragt hätte. Wir glauben einfach, dass der Fahrer natürlich alle nötigen Ausbildungen für seinen Beruf durchlaufen hat und dass er zur Zeit auch im Besitz eines gültigen Führerscheins ist. Gleiches gilt natürlich für Taxis, Züge und Flugzeuge. Wir glauben selbstverständlich daran, dass die Personen, denen wir ja unsere Gesundheit und unser Leben anvertrauen, wenn wir unseren Fuß in ihr Gefährt setzen, dazu befähigt und dazu berechtigt sind, uns sicher an unser Ziel zu bringen.
Mir ist niemand bekannt, der beim Einkaufen erstmal alle undurchsichtigen Verpackungen aufreißt, nur um sicher zu gehen, dass auch wirklich das drin ist, was auf der Verpackung draufsteht. – Natürlich glauben wir, dass in der Schokoladenverpackung auch tatsächlich Schokolade drin ist und natürlich glauben wir, dass sich im Karton mit dem aufgedruckten Bild der vorzüglich aussehenden Steinofenpizza tatsächlich eine solche befindet – wenn auch im gefrorenen Zustand.
Wenn wir ehrlich sind, glauben wir Menschen ganz schön viel, ohne dass wir es selbst gesehen hätten. Sogar die, die diesen Satz „Ich glaube nur, was ich sehe!“ vor sich hertragen.
Natürlich gibt es dabei Abstufungen. Es gibt Fragen, die für unser Leben weniger wichtig sind. Ob sich nun in der Schokoladenverpackung tatsächlich die superleckere Schokolade mit Nüssen und Rosinen befindet oder doch viel zu süße weiße Schokolade, wäre zwar ein Grund zum Ärgernis, aber hätte keineswegs größere Auswirkungen auf mein Leben. Beim Einkaufen fällt es mir leicht, daran zu glauben, dass auch das in den Verpackungen ist, was außen drauf steht, auch weil ich schon sehr oft die Erfahrung gemacht habe, dass es stimmt.
Aber es gibt auch Fragen, die tatsächlich etwas für mein Leben bedeuten, Fragen, deren Antwort mein Leben verändert. Es gibt Fragen, bei denen mein Glaube oder mein Unglaube mein Leben in die ein oder andere Richtung entscheidet.
Die allerhöchste Glaubensfrage lautet: Ist Jesus, den wir den Christus nennen, tatsächlich von den Toten auferstanden? Ist vor 2.000 Jahren etwas so bedeutendes und weltentscheidendes geschehen – oder nicht?
Wenn Jesus nicht von den Toten auferstanden wäre, wären wir Christen sehr arme Schweine. Alle Hoffnung wäre doch vergebens. Schmerz bliebe Schmerz, Krankheit bliebe Krankheit, Tod bliebe Tod.
Wenn Jesus aber von den Toten auferstanden ist, bedeutet das, dass Jesus den Tod besiegt hat, dass Er über alles gesiegt hat, was sich Ihm in den Weg stellen wollte, dass Er selbst Gott ist, der einzige, der Allmächtige. Dann bedeutet das, dass Seine Aussagen die Wahrheit sind, dass Seine Worte glaubwürdig sind. Dass Er uns tatsächlich liebt – sonst wäre Er nicht erst für uns in den qualvollen Tod gegangen. Wenn Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist, dann verlangt das von uns eine entsprechende Reaktion: Nämlich, dass wir Jesus „Herr“ nennen, dass wir Ihm die Herrschaft über unser Leben anvertrauen, dass wir ihn als Gott bekennen und anbeten.
Die Frage nach der Auferstehung von Jesus ist die alles entscheidende Frage der Weltgeschichte. Und sie ist die alles entscheidende Frage für dein und mein Leben.
Deshalb muss es uns nicht verwundern, dass Thomas, einer der verbliebenen 11 Jünger, so seine Probleme mit dem Glauben hat und von sich sagt: „Ich glaube nur, was ich sehe!“ – „Ich kann erst glauben, dass Jesus auferstanden ist, wenn ich Ihn selbst gesehen habe, ja wenn ich Seine Wunden berührt habe!“
Irgendwie ist mir Thomas sympathisch. Ich stelle mir vor, wie die anderen Jüngern voller Freude und Enthusiasmus auf ihn einreden – übrigens eine ganze Woche lang –, ihn ermutigen, um ihn werben, dass er ihnen doch glauben möge. Doch seine Reaktion ist zutiefst menschlich. So etwas Großes kann er nicht einfach glauben.
Oft wird Thomas deshalb als der Zweifler betitelt, der den Aussagen seiner Freunde nicht vertraut. Dies hat sicherlich seine Berechtigung; doch wenn wir ehrlich sind, ging es doch den anderen Jüngern nicht anders: Als die Frauen am Ostermorgen vom leeren Grab geeilt kommen, glaubt ihnen zunächst auch niemand. Auch die anderen Jünger glauben erst, als der auferstandene Jesus ihnen selbst begegnet. – So gesehen, befindet sich Thomas in bester Gesellschaft.
Immer wieder musste Jesus ja Seinen Jüngern vorwerfen, dass sie Kleingläubige sind, dass sie Jesus nicht vertrauen. Es ist also zutiefst menschlich, zu zweifeln und um den Glauben zu ringen. Auch wenn Jesus es gern anders hätte: Er gesteht uns unsere Zweifel zu, Er verurteilt uns nicht, sondern Er ist uns trotzdem nah. Selbst wenn die Zweifel alles zu erdrücken drohen, wird sich Jesus nicht von uns abwenden, sondern Er wird zu uns halten!
Und Er wird uns begegnen! Denn das brauchen wir zum Glauben: Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus, mit dem lebendigen Gott.
Aus der Geschichte mit Thomas lernen wir, dass wir darauf manchmal etwas warten müssen: Volle acht Tage lässt sich Jesus Zeit – oder vielleicht müsste man besser sagen: Lässt Er Thomas Zeit. Wir können diesen Text so schön schnell hintereinanderweg lesen, aber zwischen den beiden Erscheinungen Jesu lagen acht Tage. – Acht quälende Tage für Thomas. Sicher hat er sich Vorwürfe gemacht, warum er denn nicht bei den anderen war, als Jesus ihnen begegnete. Dann hätte er dasselbe gesehen wie sie. Doch er kann sich nicht überwinden, zu glauben.
Bis zu dem Moment, in dem er tatsächlich selbst sehen darf, was ihm zum Glauben fehlte. Nach diesen acht Tagen tritt Jesus noch einmal in ihre Mitte. Diesmal ist Thomas dabei; trotz seiner Zweifel war er bei seinen Freunden geblieben. Jesus wendet sich direkt an Thomas, Er bietet ihm sogar an, dass er Seine Wundmale berühren darf, wie Er es verlangt hatte; doch das ist gar nicht mehr nötig: Thomas hat mit seinen eigenen Augen gesehen, dass Jesus lebt. Ein Blick genügt. Ihm bleibt nichts anderes, als Jesus anzubeten und zu bekennen: „Mein Herr und mein Gott!“ (V.28) – „Jesus, Du bist der Herr meines Lebens, Du allein bist mein Gott!“
Thomas legt alles vor Jesus hin und unterstellt sich Seiner Herrschaft. Waren vorher noch große Zweifel, ist er nun der Erste, der ausspricht und bekennt: „Jesus, Du bist Gott!“
Wie lautet unser Bekenntnis? Können wir die Worte von Thomas mitsprechen? Glauben wir, dass Jesus der Christus, der Messias, ist, dass Er von den Toten auferstanden ist, dass Er Gott ist?
Jesus ruft uns zu: „Selig – gerettet zum ewigen Leben – sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (V.29b)
Denen, die an Ihn glauben, verspricht Jesus, dass Schmerz nicht Schmerz bleibt, sondern getröstest wird. Denen die an Ihn glauben, verspricht Jesus, dass Krankheit nicht Krankheit bleibt, sondern geheilt wird. Denen die an Ihn glauben, verspricht Jesus, dass Tod nicht Tod bleibt, sondern zu neuem Leben aufersteht. Er ist zu neuem Leben auferstanden, so werden auch wir zu einem neuen Leben auferstehen.
Jesus können wir vertrauen. An Ihn können wir glauben. Ihm können wir unser Leben in die Hände legen. Er wird uns dabei helfen und auch uns begegnen.
Amen.
