Unglaubliche Gnade

Jona  •  Sermon  •  Submitted   •  Presented
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“Wenn ich du wäre…”

Also, letztens habe ich ein Video gesehen, das mich wirklich zum Lachen gebracht hat. Es war in einem Möbelhaus, ihr kennt das ja, diese riesigen Hallen mit all den perfekt arrangierten Zimmern, die einem suggerieren, dass man nur noch das richtige Sofa braucht, um das perfekte Leben zu führen. Da waren eine Mutter und ihre Tochter, und die Mutter sagt plötzlich: "Wenn ich du wäre, dann würde ich jetzt in den Stauraumkasten des Sofas steigen."
Und tatsächlich, das Mädchen klettert in diesen Stauraumkasten rein. Die Mutter geht dann los und holt eine Verkäuferin. Sie erklärt ihr, dass sie ein Sofa sucht, das viel Stauraum hat und sich zu einem Bett ausklappen lässt. Die Verkäuferin nickt verständnisvoll und geht mit der Mutter zurück zum Sofa. Sie öffnet den Stauraumkasten, um den Platz zu demonstrieren – und da liegt die Tochter drin! Die Verkäuferin hat sich richtig erschreckt.
Dieses Spiel "Wenn ich du wäre..." kann richtig lustig sein. Es kann zu wirklich spaßigen, aber auch zu skurrilen Situationen kommen. Unser Alltag ist kein Spiel, aber genau diesen Gedanken verfolgen wir auch in diesem. Wie oft denken wir: "Was würde ich tun, wenn ich in ihrer oder seiner Haut stecken würde?"
Stellt euch vor, eine Freundin erzählt euch, dass ihre Tochter in der Schule ständig geärgert wird. Ihr denkt: "Wenn ich sie wäre, würde ich sofort zur Schule gehen und den Lehrern sagen, dass sie härter durchgreifen sollen."
Freitag vor einer Woche hat wahrscheinlich jeder in Deutschland gedacht: "Wenn ich der Schiedsrichter wäre, dann hätte ich den Elfmeter gegeben."
Vielleicht merkt ihr schon an diesen kleinen Beispielen, dass wir uns wünschen, dass eine andere Person anders handeln soll, wenn wir uns darüber ärgern oder emotional betroffen sind; und wenn wir die Entscheidung des anderen nicht nachvollziehen können.
Wir erleben oft einen Aufschrei oder eine Empörung in uns, wenn etwas in unseren Augen Unrechtes passiert, aber nicht angemessen geahndet wird. Wenn wir von Gewalttätern hören, die jemanden töten, denken wir: "Wenn ich der Richter wäre, würde ich lebenslange Haft ohne Bewährung verhängen." Oder bei Vergewaltigern und Triebtätern empfinden wir: "Wenn ich entscheiden könnte, würde ich die härtesten Strafen aussprechen, damit sie nie wieder jemandem Leid zufügen können." Diese Empörung zeigt sich besonders dann, wenn wir das Gefühl haben, dass das Gerichtsurteil zu mild ist oder die Täter zu leicht davonkommen. Wir sehnen uns nach Gerechtigkeit und haben oft das Bedürfnis, dass die Strafe dem Verbrechen entspricht.
Und genau so war es bei Jona. Jona hatte diesen Gedanken: "An Gottes Stelle würde ich so handeln."

Jona - verärgert und bitter

Was ist bisher passiert?
Also, lasst uns kurz zurückschauen. Wir haben uns bereits die ersten Kapitel des Buches Jona angesehen. Zuerst hatten wir Jona, den Propheten, der von Gott den Auftrag erhielt, nach Ninive zu gehen und gegen die Stadt zu predigen. Aber was macht Jona? Er rennt in die entgegengesetzte Richtung! In den vorherigen Predigten haben wir auch gehört, wofür die Niniviten bekannt waren. Es war ein richtig krasses und brutales Volk. Er steigt deswegen auf ein Schiff und versucht, vor Gott und seiner Aufgabe wegzulaufen. Wie ihr euch denken könnt, funktioniert das nicht so gut. Gott schickt einen gewaltigen Sturm, und die Seeleute sind völlig verzweifelt. Schließlich wird Jona über Bord geworfen, und der Sturm beruhigt sich sofort. Die Seeleute opfern und beten zu Gott – ein kleines, witziges Detail, wenn man bedenkt, dass sie vorher fremde Götter anriefen.
Dann kommt der berühmte Teil: Jona wird von einem großen Fisch verschluckt. Drei Tage und drei Nächte verbringt er im Bauch dieses Fisches, wo er endlich zu sich kommt und zu Gott betet. Gott lässt den Fisch Jona an Land spucken, und diesmal gehorcht Jona. Er geht nach Ninive und verkündet die Botschaft Gottes: "Noch vierzig Tage, und Ninive wird zerstört werden!"
Überraschenderweise, und das ist wirklich erstaunlich, hören die Leute von Ninive auf ihn. Sie bereuen ihre bösen Taten, vom König bis hin zum einfachsten Bürger, und Gott sieht ihre Reue und verschont die Stadt. Man könnte denken, dass Jona sich darüber freuen würde. Stellt euch das mal vor: Ein Prophet predigt und eine ganze Stadt, Tausende von Menschen, kehrt um und wendet sich Gott zu. Wie würden wir uns freuen, wenn plötzlich in unserer Stadt oder Gemeinde so viele Menschen ihr Leben ändern und sich zu Gott bekennen würden? Es wäre eine riesige Feier, wir würden jubeln und feiern, weil so viele Menschen gerettet sind.
Aber nein, Jona ist wütend. Er wollte sehen, wie die Stadt untergeht. So lesen wir folgendes in Kapitel 4:
Jonah 4:1–5 NeÜ
Jona ärgerte sich sehr darüber. Voller Zorn betete er zu Jahwe: „Ach, Jahwe! Genau das habe ich mir gedacht, als ich noch zu Hause war! Deshalb wollte ich ja nach Tarschisch fliehen. Ich wusste doch, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, dass du große Geduld hast und deine Güte keine Grenzen kennt, und dass du einer bist, dem das angedrohte Unheil leidtut. Nimm jetzt mein Leben von mir, Jahwe! Denn es wäre besser für mich, zu sterben, als weiterzuleben.“ Aber Jahwe fragte: „Ist es recht von dir, so zornig zu sein?“ Da verließ Jona die Stadt und baute sich östlich davon eine Laubhütte. Er setzte sich in ihren Schatten, um zu sehen, was mit der Stadt passieren würde.
Also, hier sind wir nun. Jona ist wütend. Wirklich wütend. Er ärgert sich so sehr darüber, dass Gott Ninive verschont hat, dass er richtig zornig wird. Im Hebräischen steht da "ra'ah", was so viel wie "böses" oder "schlechtes" bedeutet. Für Jona war Gottes Barmherzigkeit gegenüber Ninive etwas absolut Schlechtes, fast schon wie ein Verbrechen.
Und dieser Zorn, das ist nicht nur ein bisschen verärgert sein, nein, das hebräische Wort "harah" beschreibt ein Brennen vor Wut. Jona kocht förmlich vor Wut. Er kann es nicht fassen, dass Gott gnädig ist, wo er doch Gericht erwartet hatte. Stellt euch das mal vor: Jona hat gepredigt, die Leute haben Buße getan, und Gott hat Gnade gezeigt. Anstatt sich darüber zu freuen, dass Tausende von Menschen gerettet wurden, wünscht sich Jona, dass die Stadt doch zerstört worden wäre.
Er betet zu Gott und sagt: "Ach, Jahwe! Genau das habe ich mir gedacht, als ich noch zu Hause war! Deshalb wollte ich ja nach Tarschisch fliehen. Ich wusste doch, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, dass du große Geduld hast und deine Güte keine Grenzen kennt, und dass du einer bist, dem das angedrohte Unheil leidtut." Jona wollte wirklich lieber sterben, als weiterzuleben und diese Gnade mitzuerleben. Er sagt zu Gott: "Nimm jetzt mein Leben von mir, Jahwe! Denn es wäre besser für mich, zu sterben, als weiterzuleben."
Warum war Jona so zornig? Jona kannte seine Dogmatik, seine Lehrsätze. Er wusste, dass Gott barmherzig, gnädig und geduldig ist – langsam zum Zorn und reich an Güte. Das steht überall im Alten Testament: in Exodus, im Buch der Psalmen, in Nahum, in Nehemia und eben auch hier im Jona-Buch (s.u.a. Exodus 34,6 || Numeri 14,18 || 2. Chronik 30,9 || Nehemia 9,17 || Nehemia 9,31 || Psalm 86,15 || Psalm 103,8 || Psalm 111,4 || Psalm 112,4 || Psalm 145,8 || Joel 2,13 || Jakobus 5,11). Jona wusste das im Kopf, er kannte die Lehre. Aber diese grenzenlose Liebe Gottes, die ging ihm zu weit. Die Liebe Gottes machte ihn wütend. Diese weiten Grenzen der Liebe Gottes, die konnte er nicht akzeptieren. Er würde sogar lieber sterben, als miterleben, dass seine Feinde mit ihm Gottesdienst feiern. Er würde sich lieber von der Erde verabschieden, als so viel Güte zu sehen.
Des Weiteren ist Jona ein Prophet, und als solcher hat er eine gewisse Verantwortung. Ein Prophet, dessen Worte nicht eintreffen, läuft Gefahr, als falscher Prophet abgestempelt zu werden. Das wäre ein riesiges Problem für ihn. Er hat das Gericht angekündigt, und es ist nicht eingetreten, weil die Stadt Buße getan hat. Jona fühlt sich dadurch persönlich getroffen und in seiner Rolle als Prophet infrage gestellt. Es ist, als ob seine Glaubwürdigkeit und seine Identität auf dem Spiel stehen.
Und Gott antwortet ihm: "Ist es recht von dir, so zornig zu sein?" Das ist schon fast eine rhetorische Frage, oder? Aber Jona ist so in seiner Wut gefangen, dass er gar nicht aufhört. Der Mann schaut auf sich und was das mit ihm zu tun hat. Er verlässt dann die Stadt, baut sich eine kleine Hütte (wobei man sich das eher als einen Shelter vorstellen sollte) und setzt sich in deren Schatten. Er will zusehen, was mit der Stadt geschieht, vielleicht hofft er ja doch noch auf ein Spektakel.
Wir haben gesehen, wie Jona dachte: "Wenn ich an Gottes Stelle wäre, würde ich ganz anders handeln." Jona hätte die Stadt vernichtet, er hätte Gerechtigkeit walten lassen, so wie er sie verstand.
Aber jetzt kommt der spannende Teil, wo Gott Jona eine pädagogische Lektion erteilt. Ab Vers 6 lesen wir, dass Gott eine Rizinusstaude wachsen lässt, die schnell groß wird und Jona angenehmen Schatten spendet. Endlich mal was Positives, denkt Jona. Er freut sich riesig über diese Pflanze, die ihm ein wenig Komfort in seiner selbstgewählten Isolation bietet. Doch am nächsten Tag schickt Gott einen Wurm, der die Pflanze angreift, und sie verdorrt. Zusätzlich schickt Gott einen heißen Ostwind, der Jona richtig zusetzt.
Mein AT-Professor hatte von einem Erlebnis erzählt, wie so ein Wind ist. Er war bei Ausgrabungen in Jordanien dabei und man konnte die Uhr danach stellen - immer zur Mittagszeit kam der heiße Ostwind, der den ganzen Sand transportierte. Der war dann in allen Körperritzen und -öffnungen zu finden. Kein angenehmes Gefühl. Eine Dusche wäre hier genau das richtige. Nur Jona hatte keine. Jona ist jetzt so verzweifelt, dass er wieder sagt, er wolle lieber sterben.
Und Gott fragt ihn erneut: "Ist es recht von dir, wegen dieser Staude zornig zu sein?" Und Jona, immer noch in seiner egoistischen Perspektive gefangen, antwortet trotzig: "Ja, mit vollem Recht bin ich zornig und wünsche mir den Tod!" (V9).
Jonah 4:9 NeÜ
Aber Gott fragte Jona: „Ist es recht von dir, wegen dieser Staude zornig zu sein?“ – „Ja“, erwiderte Jona, „mit vollem Recht bin ich zornig und wünsche mir den Tod!“
Jonah 4:10–11 NeÜ
Da sagte Jahwe: „Dir tut es leid um die Rizinusstaude, um die du keine Mühe gehabt und die du nicht großgezogen hast. Sie ist in einer Nacht entstanden und in einer Nacht zugrunde gegangen. Und mir sollte nicht diese große Stadt Ninive leidtun, in der mehr als 120.000 Menschen leben, die rechts und links nicht unterscheiden können, und dazu noch das viele Vieh?“
Hier sehen wir Gottes Herz. Er benutzt die Pflanze, um Jona zu zeigen, wie sehr er sich nur auf sich selbst konzentriert. Und wir sehen hier Jonas Herz. Jona weint um eine Pflanze, die er nicht mal gepflanzt hat, während er eine ganze Stadt voller Menschen und Tiere verurteilt. Die Lektion ist immer noch nicht angekommen. Wir wissen auch nicht, ob sie angekommen ist. Das Buch endet wie kein anderes Buch in der Bibel: Mit einer Frage. Aber es ist mehr als nur eine rhetorische Frage. Es ist eine Frage, die uns als Leser aufrütteln soll. Sie lässt uns nicht einfach das Buch zuschlagen und weitermachen wie bisher. Nein, sie fordert uns heraus, weiterzudenken, uns selbst zu reflektieren, unseren "inneren Jona" zu identifizieren. Wir sollen uns fragen, ob unsere Aufregungen und unser Zorn wirklich angemessen sind. Jona regt sich über Luxusprobleme auf, während er die Gnade und Barmherzigkeit Gottes völlig missachtet.

Gott gibt niemanden auf

Die Frage, die Gott am Ende des Buches Jona stellt, richtet sich nicht nur an Jona, sondern auch an uns. Sie zeigt uns, wie Gott in seiner unergründlichen Liebe und Gnade handelt, aber auch, wie wir Menschen in unserer maßlosen Eigenliebe und grenzenlosen Selbstgerechtigkeit sein können. Gottes unendliche Güte steht im scharfen Kontrast zur Härte des menschlichen Herzens.
Doch was bedeutet das für uns heute? Wie oft sind wir wie Jona, sitzen in unserer Komfortzone, fest entschlossen, unser Urteil über andere zu fällen und zu glauben, dass wir besser wissen, wer Gnade verdient und wer nicht? Die Wahrheit ist, dass Gottes Liebe und Barmherzigkeit unsere menschlichen Vorstellungen übersteigen.
Gott gibt niemanden auf. Auch wenn Jona voller Zorn und Frustration war, auch wenn er es vorzog, den Untergang von Ninive zu sehen, anstatt die Möglichkeit der Umkehr und Vergebung zu akzeptieren, blieb Gott geduldig und gnädig. Er stellte Jona in Frage, brachte ihn zum Nachdenken und zeigte ihm durch den Rizinus und den Wurm, dass seine Perspektive begrenzt und selbstgerecht war.
Lasst uns diese Geschichte auf unser eigenes Leben anwenden. Wir alle haben Momente, in denen wir vorgefasste Meinungen über andere Menschen haben. Vielleicht regen wir uns über die kleinen Unannehmlichkeiten auf, wie wenn jemand im Gemeindecafé den letzten Kaffee nimmt und ich dann keinen mehr bekomme. Oder wir fühlen uns ungerecht behandelt, wenn unser Engagement nicht die Anerkennung findet, die wir uns wünschen.
Gott ruft uns dazu auf, unser Herz zu öffnen, genauso wie er es bei Jona tat. Wir sollen nicht in unseren Urteilen verharren, sondern die Möglichkeit der Veränderung und der Gnade sehen.
Vielleicht sollten wir uns fragen, wie oft wir in der Gemeinde unseren Ärger und unsere Frustrationen über Kleinigkeiten an andere auslassen. Stellen wir uns vor, wie es wäre, wenn wir in diesen Momenten Gottes Geduld und Gnade zeigen würden.
Denken wir an das letzte Mal, als jemand unseren Parkplatz vor der Kirche eingenommen hat. Wie haben wir reagiert? Oder als der Gottesdienst länger dauerte als geplant und wir einen wichtigen Termin hatten. Haben wir uns geärgert oder Gottes Frieden gesucht?
Diese alltäglichen Herausforderungen sind Gelegenheiten, Gottes Liebe und Gnade zu leben und zu zeigen. Gott gibt niemanden auf, und das sollten auch wir nicht. Unser Auftrag ist es, Menschen mit Gott bekannt zu machen, ihnen seine Liebe und Gnade zu zeigen und sie einzuladen, Teil seiner Familie zu werden. So wie Gott Jona nutzte, um Ninive zur Umkehr zu bewegen, so kann er auch uns nutzen, um in unserer Umgebung ein Licht der Hoffnung und der Vergebung zu sein.
Lasst uns diesen Auftrag ernst nehmen und in unserer Gemeinschaft, in unserer Stadt und in unserem Land ein Zeugnis für Gottes unergründliche Liebe und Barmherzigkeit sein. Amen.
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