Predigt (Wofür sind wir bekannt? - Phil 4,5)
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Transcript
Wofür sind wir bekannt?
Wofür sind wir bekannt?
“Wenn ich groß bin, will ich mal berühmt sein!”
Zumindest der eine oder andere hier wird diesen Gedanken schonmal gehabt haben. Und selbst wenn nicht so konkret formuliert, wird sich bestimmt jeder von uns schonmal zumindest vorgestellt haben, wie es wäre, wenn man berühmt wäre - ansonsten wisst ihr jetzt zumindest, woran ich schonmal gedacht habe.
Wenn man dann älter wird, tritt dieser Gedanke dann eher zurück. “Berühmt sein” ist bei manchen zwar immer noch, bei vielen aber nicht mehr das große Ziel (zumindest gibt man es nicht mehr so gerne zu). Man stellt sich mehr und mehr die Frage “wofür will ich ‘berühmt’ sein” - nicht im Sinne von weltweit bekannt, sondern im Sinne von “Was will ich, das andere, das die Menschen, mit denen ich zu tun habe von mir denken und sagen?” “Wofür will ich bekannt sein?” Wie sieht es bei dir aus? Wofür willst du bekannt sein? Vlt wärst du gerne bekannt für deinen Humor – als der, der immer einen witzigen – und zwar echt witzigen und nicht “danach ist peinliche Stille” witzigen – Spruch bringen kann. Vlt wärst du gerne bekannt als gastfreundlich, der immer die Tür offen hat oder als großzügig, der gerne und viel gibt oder als treu und gewissenhaft, der die Aufgaben, die ihm übertragen werden, gut und zuverlässig erledigt. (Oder vlt als der gute Prediger, der mit seinen Predigten nicht nur Gedanken, sondern Herzen bewegt und mit vollmacht redet, als der perfekte Jugendmitarbeiter, der die Teens begeistert und für sie die absolute Vertrauensperson ist oder der Gemeindetechniker, der auf alle technischen Fragen die Antwort weiß ...)
Ich z.B. wäre gerne jemand, der dafür bekannt ist, immer – oder doch zumindest oft - eine gute Antwort oder Anregung geben zu können. Jemand, von dem andere sagen “das, was der Silas mir da und da gesagt hat, das hat mir echt geholfen, das war genau die Antwort, die ich gesucht habe oder das begleitet mich noch heute” ...
Ich denke, wir alle wollen für irgendwas bekannt sein und das sind (meistens) ja auch gute Eigenschaften, die wir anstreben und auch anstreben können und sollen. Aber was sagt eig die Bibel? Wofür sind wir bekannt? Oder wofür sollen wir bekannt sein? Nennt uns die Bibel ein Merkmal, wofür wir als Nachfolger Jesu, als seine Gemeinde bekannt sein sollen? Was wäre dieses eine Merkmal?
Dazu wollen wir uns gleich gemeinsam einen Vers aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi anschauen und im Nachdenken darüber drei Fragen stellen. Die erste Frage wird sein: “Wer sollte ich, wer sollten wir sein?” - wie sollten wir uns verhalten? Wofür sollten wir, nach diesem Text, bekannt sein? Danach gehen wir in die Reflexion und fragen uns “Wer bin ich, wer sind wir?” - Wofür sind wir bekannt? Sind wir wirklich für das bekannt, wofür wir bekannt sein sollten oder verfehlen wir das? Und als drittes heben wir dann den Blick, schauen nicht mehr primär auf uns, sondern fragen uns “Wer ist das?” - Wodurch oder durch wen wird es vlt möglich, dass wir mehr so leben wie wir sollten und dafür bekannt werden, wozu der Text uns aufruft.
Also lasst uns nun zunächst in Gottes Wort schauen und uns fragen, wofür wir bekannt sein sollten. Schlagt doch dazu mit mir Philipper 4, 5 auf und ich lese den Vers nun vor:
“Eure Güte soll allen Menschen bekannt werden. Der Herr ist nahe!” (2x)
Von all den Dingen, wofür man bekannt sein könnte, nennt Paulus hier ausgerechnet “Güte” als das zentrale Merkmal der Gemeinde – Wer sollen wir sein? Wofür sollen wir bekannt sein? Für unsere Güte.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Was heißt “Güte”, “gütig sein”? Das ist ja ein Wort, das wir in unserem Sprachgebrauch eher weniger verwenden. Andere Bibelübersetzungen versuchen, dieses Wort etwas aufzugliedern und besser verständlich wiederzugeben. So heißt es in der Basisbibel z.B.:
“Lasst alle Menschen sehen, wie herzlich und freundlich ihr seid!”
Das klingt zwar jetzt schon verständlicher aber die Frage stellt sich dennoch: Was heißt das jetzt?! Sollen wir einfach den Menschen auf der Straße “Hallo”-sagen? Was ist damit gemeint?
Das hier verwendete Wort kommt nämlich gar nicht so oft vor. Aber Paulus verwendet es zumindest noch an zwei anderen Stellen. So schreibt er an seinen Mitarbeiter Timotheus in 1Tim 3,2-3
“Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig [...]”
Und auch an Titus, einen anderen Mitarbeiter, schreibt er in Tit 3,1-2
“Erinnere sie daran, dass sie sich den Obrigkeiten, die die Macht haben, unterordnen, dass sie gehorsam seien und zu allem guten Werk bereit, niemanden verleumden, nicht streiten, freundlich (gütig) seien und alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen.”
“Gütig sein”, “Güte zeigen” wird also der Gewalt und dem Streit entgegengestellt. Es ist das Gegenteil von dem Verhalten, welches zur Entzweiung, welches zum Zerbruch menschlicher Beziehungen führt. “Güte” bezeichnet also das Verhalten, welches sich nicht nur für einen Waffenstillstand, sondern für echten Frieden in den Beziehungen einsetzt, ein Verhalten, welches diese Beziehungen erhält und pflegt und die bereits kaputten Beziehungen wiederherstellt und versöhnt. Ein Verhalten der Nachgiebigkeit. Ein Verhalten, welches den anderen höher achtet als sich selbst und ihm dienen will, statt sich bedienen zu lassen. Es geht also um mehr als einfach nur Freundlichkeit; in einem Kommentar habe ich gelesen, was es gut auf den Punkt bringt, nämlich das Güte das “[...] Gott entsprechende und gemäße Verhalten des Menschen”4 ist. Güte ist das “Gott entsprechende und gemäße Verhalten des Menschen”; Güte heißt also, dass wir uns unseren Mitmenschen gegenüber so verhalten, wie es Gottes Willen entspricht und wie Er es uns in Jesus vorgelebt hat – der, der dazu aufrief, selbst seine Feinde zu lieben, der, der Menschen geholfen hat, obwohl sie sich nicht mal bei ihm bedankten, der, der sich den Ausgestoßenen und Abgelehnten zugewandt hat, der, der selbst für die gebetet hat, die ihn geschlagen, verspottet und angespuckt haben; der, der aus Liebe zu uns sich selbst hingegeben hat, Mensch geworden ist, gelitten hat und auf grausame Weise gestorben ist, damit wir leben können. Dieses Vorbild ist der Innbegriff von “Güte”. Und diese “Güte”, diese Liebe für den anderen, die das Wohlergehen des anderen vor das eigene stellt ist es, für die wir als Gemeinde bekannt sein sollen. Dafür sollen wir bekannt sein.
Und jetzt müssen wir ehrlich mit uns selbst sein: Sind wir dafür bekannt? Stimmt das wirklich, trifft das zu oder ist das Quatsch? Wer sind wir? Wer bist du? Wofür sind wir bekannt?
Auf Gutefrage.net - der zweifellos beste Ort zum Recherchieren – habe ich eine Frage gefunden, die lautet wie folgt:
“Warum hasse ich religiöse Menschen?
Irgendwie sind die mir sehr unsympathisch. So kaltherzig. Lieben die nur ihren Gott und keine Menschen?
Liebe Grüße”5
“Lieben die nur ihren Gott und keine Menschen?” - das ist eine Frage, die, so reißerisch sie hier vielleicht formuliert ist, nicht unberechtigt ist und wir müssen sie uns stellen und stellen lassen. Lieben wir die Menschen? Und ist das für die auch wahrnehmbar? Sind wir für unsere Güte bekannt?
Vielleicht sitzt du jetzt auch hier und denkst dir eben genau das: “Güte ist das Letzte, was ich mit Christen verbinden würde...” Vielleicht kannst du nicht mal die abgeschwächte Form der “Freundlichkeit” mit Christen verbinden. Vielleicht hast du Christen bisher als kalt, lieblos, hartherzig oder hochmütig erlebt.
Dann will ich dir, dann wollen wir dir sagen: Es tut uns aufrichtig leid! Es tut uns leid, dass wir als Christen, als Nachfolger Jesu viel zu oft doch nicht so handeln und so mit anderen, so mit dir umgegangen sind, wie wir eigentlich sollten, wie es – wie du jetzt hoffentlich gesehen hast – eigentlich unser Auftrag ist und wie Jesus mit dir umgehen würde. Es tut uns leid, bitte verzeih uns!
Viel zu oft noch sind wir kaltherzig, überheblich, können die Menschen von der Liebe und Güte, die wir zu ihnen (und auch zueinander) haben sollten nichts merken – vlt auch weil wir diese eben auch gar nicht haben?!
Diese Frage stelle ich jetzt wieder dir als Christ, als Nachfolger Jesu. Wofür bist du bei den Menschen in deinem Umfeld – deinen Nachbarn, Freunden, Kommilitonen (Arbeitskollegen), aber auch in der Gemeinde - wofür bist du bekannt? Hast du diese Liebe zu den Menschen, mit denen du täglich unterwegs bist? Wärst du bereit, ihnen in Güte zu begegnen, so wie Jesus es tut und ihre Bedürfnisse über die deinen zu stellen?
Ich muss leider zugeben, dass ich da für mich nicht die Hand ins Feuer legen könnte...
Ich erinnere mich an einen Abend. Ich kam von der FTH nach Hause und, wie meistens, aß ich dann mit meiner Frau gemeinsam zu Abend. Wir erzählten einander von unserem Tag. Meine Frau erzählte u.A., dass sie so einen Rewe-Gutschein, auf dem vlt noch so 10-15€ übrig waren einer Frau geschenkt hat, die sie angebettelt hat. Aber das war scheinbar so eine von dem Schlag, die einen recht aggressiv anbetteln und das scheinbar hauptberuflich machen. Ich weiß nicht mehr genau, was ich gesagt habe; ich war jetzt auch nicht groß böse oder so, aber ich dachte mir intuitiv und habe das dann auch zum Ausdruck gebracht: “Die hat das gar nicht verdient!” - Die hat das nicht verdient... Den ganzen Tag habe ich mich mit Gott, seinem Wort, seinem Auftrag an uns beschäftigt und meine erste Reaktion auf die Freundlichkeit meiner Frau zu einem Menschen, der – auch wenn ich die genauen Hintergründe nicht kenne - höchstwahrscheinlich deutlich schlechter dasteht als wir ist: “Die hat das nicht verdient!”
Eure Güte soll allen Menschen bekannt werden...
Wir können jeden Sonntag in den Gottesdienst und unter der Woche auch in diese und jene Kleingruppe gehen und dennoch nicht für das bekannt sein, wofür wir bekannt sein sollen. Im schlimmsten Fall sind wir sogar für das Gegenteil bekannt...
Wofür bist du bekannt?
Oder vielmehr – zumindest, wenn ich auf mich selbst schaue – wie kann ich, wie können wir mehr für das bekannt werden für das wir bekannt sein sollen?
Hier kommt der zweite Teil des Verses und unsere dritte Frage ins Spiel: Wer ist das? Mit Paulus heben wir den Blick, weiten wir die Perspektive – weg von uns als Gemeinde und dem Anspruch, dem Auftrag, der an uns gestellt wird und auch weg von den Menschen, die wir viel zu oft enttäuschen und so behandeln, wie wir es gerade nicht sollten – hin zu Jesus, zu unserem Herrn.
“Der Herr ist nahe!”
In der Mitte der Aufforderungen, die Paulus an die Gemeinde stellt, steht dieser kurze Satz.
“Der Herr ist nahe!”
Damit sind all diese Aufforderungen und so auch der Aufruf zur Güte begründet.
“Der Herr ist nahe!”
Aber was heißt das jetzt? Prinzipiell gibt es ja zwei Möglichkeiten. Entweder heißt es, dass Jesu Wiederkunft kurz bevorsteht, also dass Jesus bald wiederkommt und sein Reich auf der Erde vollendet. Davon schreibt Paulus auch nur ein paar Sätze vorher in Phil 3,20f. Aber es könnte auch meinen, dass Jesus uns jetzt bereits nahe ist; ähnlich wie es auch in Ps 145,18 heißt:
“Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen [...]” (Ps 145,18)
Aber in diesem Kontext bietet sich auch eine dritte Option an, nämlich die, dass Paulus bewusst mit dieser Doppeldeutigkeit spielt, um beide Perspektiven ins Bewusstsein zu rufen.
Die Begründung für den Aufruf zur Güte gegenüber allen Menschen liegt also sowohl darin, dass Jesus bald wiederkommt, als auch darin, dass er uns jederzeit nahe ist.
Also:
“Eure Güte soll allen Menschen bekannt werden. (Denn) der Herr kommt bald!”
Jesus kommt bald wieder! Wenn du wissen würdest, dass Jesus jetzt an Heiligabend wiederkommt – wie würdest du leben, wie würdest du dich verhalten? Gegenüber den anderen Geschwistern in der Gemeinde – denen, mit denen du dich gut und denen mit denen du dich nicht so gut verstehst? Gegenüber deinen Dozenten (Lehrern, Chef) und Kommilitonen (Schulkameraden, Arbeitskollegen)? Gegenüber deinen Eltern (Kindern)? Gegenüber denen, die dich enttäuscht haben? Oder gegenüber dem, der, wenn du es eilig hast, 5 km/h unter der Geschwindigkeitsbegrenzung fährt?
Und diese Perspektive, sagt uns Paulus, sollen wir einnehmen. All das, was wir hier tun und erleben ist letztlich vorläufig. Das Ziel kommt, wenn Jesus wiederkommt. Das Einzige, was bestand hat, ist das, was wir für sein Reich investieren, das Einzige, was zählt ist, dass Menschen zu ihrem Herrn finden. Oder wie C.S. Lewis sagt: “Alles was nicht ewig ist, ist in der Ewigkeit wertlos.” Und dafür sollen wir uns investieren, darum sollen Menschen an uns die lebensverändernde Kraft des Evangeliums sehen und spüren, indem wir ihnen – ob sie es verdient haben oder nicht – in Güte begegnen.
Eine Güte, die zunächst uns selbst zuteilgeworden ist. Und auch das macht Paulus uns hier klar.
“Eure Güte soll allen Menschen bekannt werden. (Denn) der Herr ist nahe bei euch!”
Jesus ist gekommen, er ist Mensch geworden, hat alles Leid, Schmerz und Einsamkeit auf sich genommen und ist gestorben, damit wir Gemeinschaft haben können; damit er bei uns und wir bei ihm sein können. (Damit er nahe bei uns sein kann und wir ihm nahen können.) Und er ist auch jetzt bei uns, ist uns nahe. Und aus dieser Nähe, aus dieser Gemeinschaft heraus, können wir diese Liebe und Güte, die er für uns hatte und hat auch anderen zeigen. Wie ein Kommentar zu diesem Vers es sagt: “Solche Nähe ermöglicht erst das Tun des Guten, sie ist Grund, Kraft und Motivation.” - Diese Nähe ist Grund, Kraft und Motivation, dass auch wir allen Menschen in Güte begegnen können.
In diesem kurzen Vers sehen wir also, wofür wir als Gemeinde, als Nachfolger Jesu bei allen Menschen bekannt sein sollen - nämlich für unsere Güte, dass wir Frieden und ihr Wohl vor dem unseren suchen, dass wir ihnen so begegnen, wie Jesus selbst ihnen begegnet wäre. Und wir sehen dann aber auch, wenn wir auf uns selbst schauen, dass wir viel zu selten dafür und viel zu oft sogar für das Gegenteil bekannt sind, dass wir Menschen menschlich begegnen, dass unser Wohl uns wichtiger ist als das der anderen, dass wir mit unserem Verhalten nicht Jesus widerspiegeln, sondern Menschen von ihm abschrecken. Wir mussten und müssen uns da immer wieder prüfen. Und auf unsere Frage, wie wir mehr für das bekannt sein können, für das wir bekannt sein sollen, lenkt Paulus unseren Blick auf unseren Herrn, auf Jesus und zeigt uns zwei zentrale Perspektiven: Jesus kommt bald wieder – also ist alles letztlich nur vorläufig. Was bleibt und ewige Bedeutung hat ist, dass Menschen hier eine Beziehung mit ihm anfangen, dass Menschen zu ihm kommen und wir sollen so leben und ihnen so begegnen, dass sie dazu eingeladen und nicht abgeschreckt werden. Und: Jesus ist bei uns – er hat sich so sehr erniedrig, bis ans Kreuz und ins Grab, um Gemeinschaft mit uns zu haben. Er ist jeden Tag bei uns. Aus dieser Güte heraus können auch wir Menschen in Güte begegnen, um sie eben auch auf diese perfekte Güte hinzuweisen. Und so kann auch unsere Liebe zu Gott und zu den Menschen eig kein Widerspruch sein, sondern bildet in Kombination mit Gottes Liebe zu uns eine Einheit – oder, wie Luther gesagt hat:
“Vollkommen sein heißt, Gott fürchten und lieben und dem Nächsten alles Gute tun.”
