Lebensdurst
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Er kommt nun in eine Stadt Samarias, genannt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab.Es war aber dort eine Quelle Jakobs. Jesus nun, ermüdet von der Reise, setzte sich ohne weiteres an die Quelle nieder. Es war um die sechste Stunde.Da kommt eine Frau aus Samaria, Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!– Denn seine Jünger waren weggegangen in die Stadt, um Speise zu kaufen. –Die samaritische Frau spricht nun zu ihm: Wie bittest du, der du ein Jude bist, von mir zu trinken, die ich eine samaritische Frau bin? – Denn die Juden verkehren nicht mit den Samaritern. –Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du die Gabe Gottes kenntest und <wüßtest>, wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken! so hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.Die Frau spricht zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief. Woher hast du denn das lebendige Wasser?Du bist doch nicht größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab, und er selbst trank daraus und seine Söhne und sein Vieh?Jesus antwortete und sprach zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten;wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.
Ihr Lieben,
wir waren letzte Woche zur Konfirmanden-Rüstzeit und haben und mit dem Thema Abendmahl beschäftigt. Beim Abendmahl geht es u.a. um Gemeinschaft, um miteinander essen. Ich habe die Konfirmanden gefragt: „Mit wem würdet ihr euch an einen Tisch setzen und zusammen Mittagessen?“ Sie mussten sich dann immer im Raum positionieren zwischen Das kann ich mir gut vorstellen! und Auf gar keinen Fall! –
Ihr müsst heute dafür nicht aufstehen, aber ihr könnt ja mal darüber nachdenken (und Hand heben??), mit wem ihr euch zum Mittagessen an einen Tisch setzen würdet. Ein paar Beispiele: Mit eurem Arbeitskollegen? Mit eurem Bürgermeister? Mit eurem alten Mathe-Lehrer (falls er noch lebt)? Mit einem Obdachlosen?
Wir würden im ersten Moment vielleicht sagen: „Natürlich setze ich mich mit jedem an den Tisch.“ Aber wenn wir uns konkrete Personen vor Augen führen, müssen wir doch erstmal schlucken.
Zu der Zeit als Jesus als Mensch über diese Erde ging, war für die Juden sehr klar geregelt, mit wem sie an einem Tisch sitzen und zusammen essen dürfen! Wichtig war damals das Thema der Reinheit! Wenn man sich mit unreinen Menschen umgibt, drohte man, selbst unrein zu werden – und das ging gar nicht. Wer unrein wurde, durfte zum Beispiel nicht mehr zum Gottesdienst gehen, weder in die Synagoge noch in den Tempel. Derjenige musste sich erst wieder reinigen.
Deswegen ist es so erschütternd, für die Frommen der damaligen Zeit so anstößig, wenn Jesus zu den Sündern geht, zu den Kranken, den Aussätzigen, den Ausgestoßenen. Und in unserer Geschichte heute sogar in doppelter Hinsicht: Ein Jude sprach niemals allein mit einer Frau, solange es nicht seine eigene ist, und ein Jude hatte keine Gemeinschaft mit einem Heiden, einem Nichtjuden.
Jesus durchbricht dieses Denken. Er wendet sich dieser ausländischen Frau zu, die offensichtlich in ihrem Ort sehr verachtet wurde. Jeder schaute sie schief an. Wenn sie einem entgegenkam, wechselte man lieber schnell die Straßenseite. Niemand wollte mit ihr gesehen werden. Weil sie natürlich darum wusste und sich schämte, ging sie in der sengenden Mittagshitze zum Brunnen.
Jesus ist egal, was die Leute denken. Er bemerkt auch, dass die Frau sich schämt, dass sie gern für sich sein würde. Aber Er wendet sich nicht auch von dieser Frau ab, sondern im Gegenteil: Jesus wendet sich ihr zu!
Wo schämen wir uns? Mit welchen Dingen in unserem Leben trauen wir uns nicht vor die Tür? – Jesus weiß bereits um diese Dinge. Er klopft bei uns an, damit wir Ihm die Tür öffnen. Damit Er sich unserer Schuld und unserer Scham annehmen und sie uns abnehmen kann.
Ja, Jesus legt den Finger in die Wunde. Das tut Er im weiteren Gesprächsverlauf auch bei dieser Frau. – Das Gespräch geht ja noch viel länger als wir es heute in der Lesung gehört haben. Jesus legt den Finger in die Wunde, aber nicht, um die Frau zu quälen, so wie es ihre Mitmenschen immer getan haben, sondern um ihre Wunde zu heilen, um das Herz dieser Frau zu heilen. Wenn Jesus uns mit unserer Schuld konfrontiert, wenn Er das hervorkramt, wofür wir uns schämen, dann immer, weil Er uns davon befreien will, weil Er unsere Wunden heilen will.
Jesus spricht die Frau also an.
Als ich letzte Woche mit einem Freund über diesen Bibeltext geredet habe, wies er mich darauf hin, dass oft der erste Satz, den Jesus sagt, ganz entscheidend sei.
Weiß noch jemand, was Jesus zuerst sagt? … Er sagt: „Gib mir [etwas] zu trinken.“
Jesus ist durstig, denn die Hitze der Mittagssonne setzt Ihm zu. Doch eigentlich ist die Frau viel durstiger, denn die Hitze des Lebens setzt ihr zu. „Gib mir etwas zu trinken.“ Jesus spricht gleich zu Beginn aus, was die Frau hätte aussprechen müssen.
Er weiß längst, wer diese Frau ist, wie es ihr geht, was sie schon alles durchlebt hat – das zeigt der weitere Gesprächsverlauf. Er kennt ihr tiefstes Bedürfnis, nämlich dass ihr Lebensdurst gestillt wird. Jesus kennt uns besser als wir uns selbst kennen. Er weiß, was wir wirklich brauchen, noch bevor wir es selbst wissen. Ich finde diese Vorstellung wunderschön und so tröstlich: Gott weiß, was ich brauche, sogar dann, wenn ich es selbst noch nicht weiß. Er will mir geben, was mein Herz wirklich braucht.
Im Gespräch mit der Frau verwendet Jesus dazu naheliegender Weise das Bild vom Wasser. In unserem Leben spüren wir immer wieder einen Durst, eine Sehnsucht. Und es gibt so viele Dinge auf dieser Welt, die uns versprechen, die uns vorgaukeln, diesen Durst zu stillen, uns letztlich aber nur noch durstiger machen.
Denken wir einmal an einen heißen Sommertag. Manch einer freut sich, wenn er die kaltgestellte Cola aus dem Kühlschrank nehmen und trinken kann. Sie ist süß, schmeckt gut, sie erfrischt uns. Aber nicht selten ist man danach durstiger als vorher. Sie gaukelt uns vor, dass sie unseren Durst stillt, doch das Gegenteil ist der Fall.
So gibt es Dinge in dieser Welt, die uns versprechen, unseren Durst zu stillen. Aber wenn wir unser Herz an sie hängen – in der Hoffnung, sie könnten unseren Durst stillen – dann werden wir genau das Gegenteil erleben: Wir werden immer durstiger danach. Sei es Geld und Reichtum, sei es Macht. Sei es das Ringen um Anerkennung; die neuesten technischen Geräte; sportliche Erfolge; das Streben nach Schönheit mit möglichst viel Make-up; die Suche nach dem perfekten Partner; … Nichts davon ist per se schon schlecht, aber wenn wir versuchen, damit unseren Lebensdurst zu stillen, werden wir immer durstiger zurückbleiben.
Timothy Keller, ein amerikanischer Theologe, schreibt einmal, dass es 4 Arten gibt, wie wir mit unserem Lebensdurst umgehen:
Wir schieben die Schuld für unseren Durst auf die Dinge, mit denen wir versuchen unseren Durst zu stillen: „Wenn ich erst meine Traum-Frau gefunden habe, dann wird mein Durst gestillt sein.“ – „Wenn ich erst meinen Traum-Job gefunden habe, dann wird mein Durst gestillt sein.“ – „Wenn ich erst mein Traum-Auto fahren kann, dann wird mein Durst gestillt sein.“
Die Folge von dieser Einstellung sind Scheidung und Verschuldung. Aber der Durst ist immer noch da. Tim Keller schreibt: Wer so handelt, ist ein Dummkopf.
Wir geben uns selbst die Schuld an unserem Durst: „Ich bin Schuld daran, dass ich keinen Partner habe. Ich bin Schuld daran, dass ich keinen Beruf finde, der mich erfüllt. Ich bin nicht so gut wie die anderen; ich bin nicht so schlau wie die anderen.“ Wenn wir so denken, werden wir bald depressiv.
Wir geben dem Universum die Schuld an ihrem Lebensdurst, dem großen Ganzen. Wir sind enttäuscht vom Leben generell. Unsere Ideale entpuppen sich nur als Träume, das reale Leben macht uns zynisch. Alles kam anders, als wir es gern gehabt hätten – obwohl wir doch soviel investiert haben. Es führt dazu, dass wir auch anderen nichts gönnen, weil sie es sich bitte – ebenso wie wir – erstmal verdienen müssen. Und vielleicht schieben wir die Schuld sogar auf Gott. Wenn wir so denken und handeln werden wir zynisch, bitter und zutiefst misstrauisch.
Wer weder ein Dummkopf sein will, noch in dieser Form depressiv, noch zynisch für den bleibt Möglichkeit 4, um mit seinem Lebensdurst umzugehen:
4. Schuld an unserem Durst ist unsere Trennung von Gott. Weil wir von der Quelle des Lebens abgeschnitten sind, sind wir durstig, weil wir nicht von der Quelle des Lebens trinken.
C. S. Lewis hat es gut auf den Punkt gebracht: Für jedes in uns vorhandene Verlangen, für jede Sehnsucht, gibt es etwas, das diesen Durst, diese Sehnsucht stillt. Wenn wir also in uns einen so tiefen Durst spüren, den nichts in dieser Welt stillen kann, bedeutet das, dass wir für eine andere Welt geschaffen sind.
Wir sind dafür geschaffen, mit Gott in Gemeinschaft zu leben, in Seiner Nähe zu sein, von Ihm erfüllt zu werden. Die wunderschönen Dinge, die es auf dieser Welt gibt, sind wirklich gut und schön, und sie erfreuen unser Herz immer wieder, aber sie werden diesen letzten tiefen Durst niemals stillen können. Das kann nur Gott, der unser Ziel, der unser Sinn ist. Er stillt unseren Durst.
Jesus sagt: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden: Ihr Wasser fließt und fließt – bis ins ewige Leben.“ (Joh 4,14)
Jesus möchte unseren Durst stillen. Er möchte uns geben, wonach unser Herz sich wirklich sehnt. Er möchte mit uns zusammen leben. Er möchte unser Herz erfüllen.
Und Er möchte uns sogar so viel geben, dass wir selbst zu einer Quelle lebendigen Wassers werden, dass wir übersprudeln und anderen davon geben. Dass wir sogar den Menschen geben, denen sonst niemand etwas geben möchte, den Menschen, mit denen sonst niemand am Tisch sitzen möchte.
Durch das, was unser Leben ausstrahlt, was aus unserem Leben fließt – wenn wir mit Jesus leben – an Liebe, an Frieden, an Hoffnung, an Freude wird für andere Menschen zum Vorgeschmack auf das, was Jesus auch für sie bereithält.
Jesus möchte unseren Durst stillen. Wir dürfen ihn bitten: „Gib mir zu trinken!“
Amen.
