Eine Bootsgeschichte – Wenn der Glaube ins Wanken gerät?

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Eine Bootsgeschichte – Wenn der Glaube ins Wanken gerät?

Liebe Gemeinde,
auf einem Boot zu fahren, das ist gar nicht so einfach. Diese Erfahrung musste ich im Jahr 2020 machen, als die Corona-Zeit begann. 2019 kam ich auf die Idee, dass Tamara und ich 2020 auf der Müritz einen Bootsurlaub machen könnten. Nun vom Bootfahren hatten wir keine Ahnung. Aber wir haben dann trotzdem ein Boot gechartert, so eins wo man noch kein Bootsschein benötigt. Nun dann habe ich dennoch die Ausbildung für den Bootsführerschein begonnen. Aber dann kam eben Corona und die Ausbildung musste abgesetzt werden. Ich hatte dann noch eine Übungsstunde am Zwenkauer See.
Wir sind dann an die Müritz gefahren, haben das Boot gechartert, aber mit dem Fahren hat das nicht so richtig geklappt. Es war dann ein Urlaub an Bord, aber eben im Hafen. Doch wegen Corona war es letztlich besser als in irgendeinem Hotel.
Nun um eine Bootsgeschichte geht es uns auch heute.
Nach einem anstrengenden Tag wollte Jesus nun mit seinen Jüngern die Seite des See Genezareth wechseln. Er hatte am Tag über von einem Boot aus zu den Menschen gepredigt und ihnen verschiedene Gleichnisse über das Reich Gottes erzählt.
Am Abend ziehen sich Jesus und seine Jünger zurück, indem sie über den See fahren. Doch man muss wissen: Die auf dem See Genezareth plötzlich aufkommenden Fallwinde und Stürme sind gefährlich. Sie können zu jeder Jahreszeit unerwartet losbrechen. Die aufgepeitschten Wellen werden hier besonders hoch, da die engen Küsten kein Ausrollen der See gestatten.
Wir lesen aus Markus 4:
Markus 4,35–41 B:NTPS
35 Am Abend dieses Tages sagte Jesus: »Lasst uns zum anderen Ufer hinüberfahren!« 36 So schickten sie die Menschenmenge nach Hause und nahmen Jesus mit in ihr Boot. Es waren auch noch andere Boote dabei. 37 Da erhob sich ein gewaltiger Wirbelwind. Die Wellen schlugen gegen das Boot, sodass es unterzugehen drohte. 38 Jesus hatte sich im Heck des Bootes auf einem Kissen zum Schlafen niedergelegt. Da weckten seine Schüler ihn auf und sagten: »Lehrer, ist es dir ganz gleichgültig, dass wir untergehen?« 39 Da stand er auf und wies den Wind in seine Schranken. Und zum See sagte er: »Sei still!« Der Wind legte sich und eine große Stille breitete sich aus. 40 Dann sagte er zu seinen Schülern: »Wie ängstlich ihr doch seid! Habt ihr immer noch kein Vertrauen?« 41 Doch sie fürchteten sich nur noch mehr und sagten zueinander: »Wer ist nur dieser Mensch? Selbst der Wind und der See tun, was er befiehlt!«
Ihr Lieben,
diese Geschichte von Jesus und den Jüngern auf dem See Genezareth gehört zu den bewegendsten Geschichten des Neuen Testaments. Sie kommt bei allen drei Synoptikern, also bei Markus, Matthäus und Lukas vor. Aber am ausführlichsten wird sie gerade im kürzesten Evangelium bei Markus erzählt. Es ist eine Geschichte über Vertrauen, Angst und besonders über die Größe Jesu. Hier offenbart sich die Göttlichkeit Jesu. Es zeigt sich eben, dass er mehr ist als ein Rabbi oder ein einfacher Messias, wenn ihm sogar die Kräfte der Natur gehorchen. Zugleich fordert diese Geschichte uns heraus, über unseren eigenen Glauben nachzudenken.  
Der See Genezareth ist ein faszinierender Ort, der vieles in sich vereint: Schönheit, Ruhe, aber auch Gefahr. Wenn wir uns Fotos vom See Genezareth ansehen, sehen wir einen See, der da spiegelglatt und friedlich ist, umgeben von einer Landschaft, die zum Verweilen einlädt. Doch diese Idylle trügt. Bis heute warnen Schilder an den Ufern davor, dass der See gefährlich werden kann. Plötzliche Fallwinde, die über die umliegenden Hügel hereinbrechen, können ihn in einen tobenden Strudel verwandeln. Ein Boot auf dem See wird dann ganz plötzlich herumgewirbelt, als sei es ein Spielzeugboot. Autos, die scheinbar sicher am Strand geparkt sind, werden von den Wellen weggespült.   
Auch die Jünger kannten diese Gefahren. Viele von ihnen waren Fischer, die auf diesem See groß geworden waren. Sie hatten die Stürme des Genezareth-Sees erlebt, wussten um die tückischen Windverhältnisse und wie man ein Boot auch in schwierigen Situationen steuert. Doch an diesem Tag war es anders. Der Sturm, der sie traf, war zu groß. Ohne leckzuschlagen, kam wegen der hohen Wellen Wasser ins Boot. Es muss mehr als furchterregend ausgesehen haben, als das Boot der Jünger zwischen hohen Wellenbergen und -tälern hin und her geworfen wurde, mal nach links und mal nach rechts zu kentern und wegen der Wassermenge im Boot zu sinken drohte. Alle Versuche, das Segel richtig zu setzen oder mit den Rudern das Boot zu steuern, waren vergeblich, denn Wind und Wellen waren übermächtig. Selbst ihre Erfahrungen als Fischer reichten nicht aus. 
 Vielleicht erkennen wir uns in dieser Szene wieder. Da glauben wir oft, dass wir unser Leben unter Kontrolle haben. Wir bauen auf unsere Fähigkeiten, unsere Erfahrung und unsere Stärke. Und dann, dann kommt auf einmal ein Sturm, der all das infrage stellt: eine Diagnose, die alles verändert; ein Verlust, der uns den Boden unter den Füßen wegreißt; eine Krise, die wir nicht mehr allein bewältigen können.  Wie gehen wir damit um? Was machen wir in solchen Situationen?
 Die Jünger geraten erst einmal in Panik. Und das sind erfahrene Seeleute. Das Boot wird von den Wellen hin- und hergeworfen, und sie fürchten, dass sie untergehen. Und während sie kämpfen, schläft Jesus auf einem Kissen. Jesus war Mensch und wurde von der Arbeit müde, wie jeder andere Mensch auch. Also schlief er ein – hinten im Boot, dort, auf dem leicht erhöhten Heck, wo im Normalfall der Steuermann saß. Trotzdem man muss sich das einmal vorstellen. Jesus liegt im Heck des Bootes und schläft. Jesus schläft trotz des Sturmes seelenruhig weiter. Warum macht er das? Nun ich nehme einmal die Antwort vorweg: Er weiß: Was auch immer geschieht, über allem steht Gott. Seine Kraft ist immer noch größer. Auf ihn kommt es an. Auf nichts sonst.
Doch seine Jünger sehen das jetzt nicht. Sie sehen die Situation so: Die Welt geht unter und Jesus schläft! Kein Wunder, dass jetzt diese vorwurfsvolle Frage der Jünger kommt: „Kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?“
In diesem Wort steckt eine halboffene Anklage: Ist es dir gleichgültig, wie es uns geht? Scherst du dich nicht um uns und unser Leben und nicht zuletzt auch um dein eigenes Leben? Unsere Lage ist derart gefährlich, dass es nicht geraten ist, hinten im Schiff auf einem Kissen zu schlafen! Wenn du Gott bist und alles kannst, dann tu endlich was dagegen! Hier liegt so viel: Angst, Verzweiflung, aber auch eben der Vorwurf.
Aber wenn wir an uns denken: Wie oft haben auch wir gegenüber Gott, gegenüber Jesus ähnliche Worte in unseren Gebeten gesprochen? „Gott, wo bist du? Warum hilfst du nicht? Warum lässt du das zu?“ 
Es ist bemerkenswert, dass Jesus auch in unserer Geschichte nicht sofort handelt. Er lässt die Jünger ihre Angst spüren. Doch dann handelt er.
Markus 4,39 B:NTPS
39 Da stand er auf und wies den Wind in seine Schranken. Und zum See sagte er: »Sei still!« Der Wind legte sich und eine große Stille breitete sich aus.
Auf sein Wort hin verstummte der Wind und legten sich die Wellen. Doch es war nicht das normale Abflauen des Windes, die langsame Beruhigung des Sees, sondern der unmittelbare, schlagartige Wetterumschwung. Das Ergebnis war eine große Stille – das ganze Gegenteil von dem, was eben noch kurz zuvor war. Die Bedrohung und die Angst hatten ein Ende.
Jesus lässt seine Jünger zu ihm kommen, ihren Hilferuf aussprechen. Erst dann erhebt er sich, gebietet dem Sturm Einhalt, und es wird vollkommen still. Diese Stille ist nicht nur die Abwesenheit von Wind und Wellen. Sie ist ein Ausdruck der göttlichen Macht, die alles Chaos ordnet und jede Bedrohung bannt.
Dann kommt die Frage Jesu an seine Jünger: Markus 4,40
Markus 4,40 B:NTPS
40 Dann sagte er zu seinen Schülern: »Wie ängstlich ihr doch seid! Habt ihr immer noch kein Vertrauen?«
Habt Ihr nicht auch schon die Erfahrung der Nähe Gottes gemacht? Ihr dürft Euch in SEINER Hand geborgen wissen! Die Stürme, denen Ihr ausgesetzt seid, können Euch nicht wirklich schaden! Ich lasse Euch nicht zugrunde gehen! Macht Euch bewusst, dass Ihr in Gottes Hand geborgen seid.  Und wenn der Sturm um Euch herum so richtig tobt und Eure Angst groß ist, dann dürft Ihr immer zu mir rufen und mit meiner Hilfe rechnen. Ich bin Euer Retter! 
Die Jünger sind überwältigt. „Wer ist dieser, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?“ Diese Frage steht am Ende der Geschichte und lädt auch uns ein, darüber nachzudenken, wer Jesus für uns ist. Doch bevor wir diese Frage beantworten, wollen wir die Geschichte in einen größeren Zusammenhang stellen. 
Im Judentum hatte das Meer eine besondere Symbolik. Es stand für Chaos, Bedrohung und die Mächte des Bösen. Die Israeliten waren kein Seefahrervolk; sie überließen das Meer den Phöniziern und anderen Nachbarn. In den Psalmen wird das Meer oft als Sinnbild für die unbändige Kraft des Chaos dargestellt, die nur Gott beherrschen kann. Psalm 93 sagt: Psalm 93,4
Psalm 93,4 B:NTPS
4 Doch mächtiger als das Tosen der Wassermassen und als die gewaltige Brandung des Meeres ist ADONAI in der Höhe!
Die Geschichte von Jesus und den Jüngern erinnert an andere biblische Erzählungen. Denken wir an Jona, der in einem Sturm gerettet wurde, oder an die Israeliten, die durch das Rote Meer zogen. Beide Geschichten zeigen, wie Gott seine Macht über die Natur einsetzt, um sein Volk zu retten. Auch die Schöpfungsgeschichte spricht davon, wie Gottes Wort das Chaos besiegt und Ordnung schafft. 
In Jesus erkennen wir diese göttliche Macht. Doch er ist mehr als ein Prophet wie Jona oder ein Führer wie Mose. Jesus zeigt, dass die Kraft Gottes in ihm selbst wohnt. Er ist nicht nur der Übermittler göttlicher Hilfe; er ist derjenige, der sie ausführt. 
Die ersten Leser des Markusevangeliums wussten, was es bedeutet, in einem Sturm zu sein. Viele von ihnen lebten in einer Zeit der Verfolgung. Sie mussten sich verstecken, wurden verspottet und bedroht. Die Gefahr war real, und sie konnten sich leicht mit den verängstigten Jüngern im Boot identifizieren.
Doch die Geschichte sollte ihnen Mut machen. Sie zeigt: Auch wenn der Sturm tobt, ist Jesus bei uns. Auch wenn wir das Gefühl haben, dass er schläft, wacht er doch über uns. 
Die Jünger haben diese Sturmstillung als Wunder erlebt. Die anderen Boote, die zu Beginn der Geschichte auftauchen, sind Zeugen dafür. Auch sie staunen. Jesus will helfen, denn das ist sein Beruf: Retter zu sein in Zeit und Ewigkeit.
Für uns heute hat diese Geschichte eine ähnliche Bedeutung. Wir alle kennen die Stürme des Lebens. Sie kommen plötzlich, unerwartet und bringen uns an unsere Grenzen. Doch sie sind auch Gelegenheiten, unseren Glauben zu vertiefen und Jesus auf eine neue Weise kennen zulernen. 
Viele Menschen haben das erleben dürfen: das Wunder, dass Gott sie herausriss aus Nöten und Krankheit. Wie Stürme und Krisen sich legten mit Jesu Hilfe. Wie Gott drückende Schuld vergeben hat. Hoffnung gegeben hat und Kraft, selbst in dunkelsten Situationen nicht aufzugeben.
Wann haben wir schon selbst erlebt, dass wir in Gottes Hand geborgen sind? Dass Gott uns nahe ist. Dass Jesus Dich an der Hand genommen hat. Dass ER Dich beschützt und in Deinem Leben geführt hat. Wann und wo hat Gott Dinge gefügt, die Du selber so gut nicht hättest einrichten können?
Es ist bemerkenswert, dass Jesus die Jünger am Ende fragt: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Diese Frage ist keine Anklage, sondern eine Einladung. Jesus möchte, dass wir ihm vertrauen, auch wenn die Umstände uns Angst machen. Er möchte, dass wir lernen, unseren Blick von den Wellen abzuwenden und auf ihn zu richten. 
Aber das Handeln Gottes ist nicht pauschal. Nicht automatisch. Seine Hilfe ist nicht berechenbar, nach dem Motto: „Wer mir nur genug vertraut oder dient, für den gibt es jetzt das schöne, einfache Leben!“ Wir brauchen Helfer beim Glauben. Die Jünger waren mit Jesus unterwegs und haben einander und andere ermutigt mit dem, was sie mit Jesus erlebt und von ihm verstanden haben. Einander zu fragen und dabei zu helfen, Jesus zu suchen, füreinander zu beten in den Stürmen, einander Begleiter zu sein – das ist unsere Berufung. Darum gehört ein wichtiger Aspekt dazu, den wir nicht übersehen dürfen. Das ist das Gebet. Die Jünger wenden sich in ihrer Not direkt an Jesus. Ihr Gebet ist roh, ungeschliffen und voller Emotionen. Doch es wird erhört. Diese Geschichte zeigt, dass wir in jeder Situation zu Jesus rufen können. Es spielt keine Rolle, wie unsere Worte klingen oder wie groß unser Glaube ist. Entscheidend ist, dass wir uns an ihn wenden. 
 Die Frage „Wer ist dieser?“ bleibt am Ende der Geschichte offen. Sie fordert uns auf, selbst eine Antwort zu finden. Wer ist Jesus für uns? Ist er nur ein Lehrer, ein Vorbild, ein Retter in der Not? Oder erkennen wir in ihm den Herrn der Schöpfung, der alles in seiner Hand hält? Erkennen wir, dass in Jesus der gnädige Gott Mensch geworden ist, der über den Dingen und Geschehnissen dieser Welt steht, und dass er alle Dinge nach seinem Rat verfügt und handhabt. Er ist nicht nur der allmächtige Gott, sondern auch der gnädige Gott, der das Heil der Menschen will und der es vermag, sogar das Unheil, das seinen Kindern widerfährt, zu ihrem Besten zu wenden.
Ihr Lieben, diese Geschichte ist mehr als eine Erzählung von damals. Sie ist eine Einladung, unseren eigenen Glauben zu prüfen und zu vertiefen. Sie fordert uns auf, Jesus zu vertrauen – in den Stürmen des Lebens, im Gebet und in der Stille seiner Gegenwart. 
Mögen wir immer wieder neu erkennen, dass er bei uns ist, selbst wenn der Sturm tobt. Und mögen wir durch ihn die Kraft finden, unseren Blick von den Wellen abzuwenden und auf ihn zu richten. 
Amen. 

Gebet

Für Menschen, die in den Stürmen ihres Lebens stehen – in Krankheit, Trauer, Angst oder Einsamkeit.
Für unsere Gemeinde, dass sie ein Ort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe bleibt.
Für Frieden in der Welt, besonders in Ländern, die von Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit gezeichnet sind.
Für die anstehende Bundestagswahl, dass Weisheit, Gerechtigkeit und das Wohl aller die Entscheidungen leiten.
Für alle, die politische Verantwortung tragen, dass sie mit Weitsicht, Demut und Ehrlichkeit handeln.
Für unsere eigene Glaubensreise, dass wir auch in schweren Zeiten auf Jesus vertrauen und uns von ihm führen lassen.
Für all das, was uns persönlich bewegt und was wir Gott in der Stille anvertrauen.
Schlusssegen:
Der Herr segne dich, wenn du auf ruhigem Wasser fährst, und er begleite dich, wenn Stürme dein Leben erschüttern.
Der Herr lasse dich seine Nähe spüren, wenn du rufst, und schenke dir Vertrauen, auch wenn du ihn nicht siehst.
Der Herr bewahre dich in Angst und Zweifel und erfülle dich mit seinem Frieden, der größer ist als jede Sorge.
So segne und behüte dich der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.
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