Wenn Gott durch seine Schöpfung spricht

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1. Ein Wurm verändert den Blick

Stell dir vor, du gehst einen staubigen Weg entlang, die Sonne scheint warm auf deine Haut, und plötzlich siehst du ihn – einen kleinen Wurm, der sich langsam über den Weg schlängelt. Die meisten würden achtlos darüber hinweggehen oder ihn gar nicht bemerken. Aber nicht Franz von Assisi. Er bleibt stehen, beobachtet das kleine Geschöpf, wie es sich mühsam vorwärtsarbeitet, und dann – ganz behutsam – nimmt er es in seine Hand. Sanft setzt er es ins hohe Gras, fort von den Füßen der Vorübergehenden. Für Franziskus war dieser Wurm nicht einfach nur ein Kriechtier. Die Würmer haben etwas in ihm ausgelöst und ich verrate euch auch gleich was.
Ich denke, viele von uns kennen das. Wir gehen durch die Natur, vielleicht am frühen Morgen, wenn der Tau noch auf den Blättern liegt. Oder wir stehen plötzlich vor einem mächtigen alten Baum, hören das Rauschen eines Flusses oder sehen einen Sonnenuntergang, der den Himmel in Gold taucht – und in diesem Moment spüren wir: Da ist mehr. Etwas berührt uns tief im Innern, als ob die Schöpfung selbst zu uns spricht.  
Wann habt ihr das letzte Mal in der Natur innegehalten und etwas Größeres gespürt? 
Wir befinden uns gerade in einer Predigtreihe, die "Wenn Gott spricht" heißt. Gott ist einer, der mit uns kommunizieren will. Er möchte mit uns reden. Und ich glaube, dass er viele Arten und Weisen nutzt, um mit uns zu sprechen. In der Predigtreihe werden wir Gottes Stimme auf vielfältige Weise entdecken – heute in der Schöpfung selbst. Wie redet Gott durch das, was er geschaffen hat? Welche Spuren seiner Handschrift finden wir in der Natur? Und wie können wir lernen, besser hinzuhören?
Vielleicht kennt ihr das, wenn Kinder zum ersten Mal einen Regenwurm auf der Hand haben. Erst kommt das Zögern, dann die Neugier, dann das Staunen. "Der ist ja ganz weich!" – "Der lebt ja richtig!" Genau dieses Staunen, dieses Entdecken wollen wir heute auf die Schöpfung übertragen. Denn wenn wir genauer hinsehen, können wir mehr als nur Natur erkennen – wir können einen sprechenden Gott entdecken.

2. Gottes Stimme in der Schöpfung – Biblische Einsichten und Jesu Vorbild

Bevor jetzt jemand denkt, ich wäre auf einem esoterischen Trip – lasst mich euch zeigen, dass diese Idee, dass Gott durch die Schöpfung spricht, direkt aus der Bibel kommt. Die Bibel ist nämlich angefüllt mit Aufforderungen, gegenüber Gottes Schöpfung aufmerksam zu sein und zuzuhören, was er uns durch die Natur sagen möchte. Schon in den Psalmen heißt es: "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und das Firmament verkündigt seiner Hände Werk" (Psalm 19,2). Paulus schreibt im Römerbrief, dass Gottes unsichtbares Wesen, seine ewige Kraft und Göttlichkeit, seit Erschaffung der Welt in seinen Werken wahrgenommen werden kann (Römer 1,20). Und auch Hiob stellt fest: "Frag die Tiere, sie werden dich lehren, die Vögel des Himmels, sie werden es dir sagen" (Hiob 12,7). Die Schöpfung ist also nicht stumm – sie ist ein Echo der Stimme Gottes. 
Gott benutzt seine Schöpfung als Kommunikationsmittel, um mit uns in einen Dialog zu kommen. So kann uns die Natur auf irgendeine Weise emotional berühren und uns wird etwas von Gottes Wesen bewusst. Das was wir sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken oder tasten kann ein Gleichnis für Gottes Wahrheiten werden. 
Jesus selbst hat genau das aufgegriffen. Jesus hat oft im Freien geleert, vielleicht weil er dort direkt zeigen konnte, was er mit seinen Bildern meinte. Wer weiß, ob nicht die Vögel über seinem Kopf kreisten, als er von Gottes Fürsorge für diese Geschöpfe erzählte. Oder ob er nicht auf echte Blumen zeigen konnte, als er von ihrer Schönheit sprach. Immer wieder hat er Bilder aus der Natur genutzt, um tiefe geistliche Wahrheiten zu vermitteln. Er sprach vom Weinstock und den Reben, um die Beziehung zu Gott zu erklären. Er zeigte mit den Lilien des Feldes, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, weil Gott für uns sorgt. Das Senfkorn wurde zum Sinnbild für den Glauben, der klein beginnen, aber riesig wachsen kann. Und wenn er vom Sämann sprach, der Saat ausstreut, dann sprach er gleichzeitig über das menschliche Herz und die Aufnahme des Wortes Gottes. 
Ich komme jetzt zurück auf Franz von Assisi. Er war berühmt dafür, dass er sich um die Würmer gekümmert hat. Sie haben ihn an die Beschreibung des Gedemütigten Erlösers im Psalm 22,7 erinnert: "Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk."
Antonius, geboren um 251, ein Wüstenvater, der durch die Schriften des Athanasius berühmt geworden ist, wurde einmal gefragt: "Wie kannst du zufrieden sein, Vater, ohne den Trost der Bücher?" Antonius antwortete: "Mein Buch ist das Wesen der geschaffenen Dinge, und immer wenn mir danach ist, die Worte Gottes zu lesen, dann sind sie schon da."
Gott nutzt die Schöpfung , um sich sichtbar zu machen. Warum? Weil die Natur ein Spiegel ist, der Gottes Wesen und seine Prinzipien offenbart.

3. Gottes Stimme über die Körpersinne wahrnehmen

Ich denke, als Freikirchler und Baptisten sind wir ziemlich verkopft unterwegs. Vieles findet auf einer intellektuellen Ebene statt. So nehme ich es jedenfalls wahr. Dabei übersehen wir oft, dass Gott uns nicht nur durch Worte und Theologie begegnet, sondern auch durch unsere Sinne – durch das, was wir sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Die Schöpfung ist ein vielschichtiges Zeugnis seiner Gegenwart, das wir nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Wesen erfassen können. Wir machen uns viel zu wenig klar, dass das, was die Natur - die Schöpfung - in uns auslöst, auch Gottes Stimme sein kann. 
In der jüdischen Tradition, so wie in der Kirchengeschichte – vor allem im Mönchtum – bindet man die Schöpfung in sein Glaubensleben mit ein, damit die Dinge etwas verdeutlichen. Dabei spielen die Sinne eine zentrale Rolle. Denken wir an das Tasten: Die rauen Kanten eines Steins oder die Glätte eines Blattes erinnern an die Vielfalt der Schöpfung und damit an Gottes kreative Handschrift. Oder das Hören: Der Wind, der durch die Bäume rauscht, oder das Plätschern eines Baches – beides kann uns an Gottes beständige Gegenwart erinnern. Mönche haben daher schon sehr früh in der Kirchengeschichte angefangen, Gebetsspaziergänge zu machen. 
Auch das Schmecken spielt eine besondere Rolle, besonders im Abendmahl. Jesus setzte Brot und Wein als sichtbare und schmeckbare Zeichen für sein Opfer ein. „Nehmt und esst, das ist mein Leib“, sagte er. Der Geschmack des Brotes auf der Zunge, das Aroma des Weines – all das erinnert uns leibhaftig an die Realität des Evangeliums. 
Im jüdischen Pessachfest wird dies noch intensiver erfahrbar: Jede Speise soll mit ihrer Form, Geschmack oder Symbolik an etwas ganz Bestimmtes erinnern. Der bittere Geschmack der Kräuter symbolisiert die Härte der Sklaverei, das süße Charosset erinnert an den Lehm der Ziegel, die Israel in Ägypten formen musste. Selbst der Geruch des gerösteten Lamms ruft die Geschichte Gottes mit seinem Volk ins Gedächtnis. Ein gekochtes Ei erinnert daran, wie zerbrechlich unser Leben und unsere Pläne sein können. Gleichzeitig steht es für Fruchtbarkeit und neues Leben – und es symbolisiert die Trauer über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem.
Durch diese sinnlichen Erfahrungen spricht Gott zu uns. Er erinnert uns dann Dinge, die er getan hat. Und er zeigt uns, wer er ist – dass er ein Gott der Befreiung ist, ein Gott, der mitten in unserer Realität gegenwärtig ist und uns auf allen Ebenen begegnen will. 

4. Mit Gott durch die Schöpfung gehen

Vieles von der Heiligkeit Gottes ist in den einfachen täglichen Momenten unseres Lebens verborgen. Um etwas von seiner Heiligkeit im täglichen zu sehen, müssen wir unser Lebenstempo drosseln, um so in stärkerer Wahrnehmung leben zu können. Nicht einfach aus Stress an den Dingen vorbeilaufen oder fahren. Nicht in Hektik alles schnell, schnell in sich rein schaufeln. Drosseln heißt dann auch, sich bewusst Zeit zu nehmen. 
In den Vorbereitungen lass ich von einem Christen, der folgendes zeugnishaft berichtete:
Am späten Nachmittag ging ich spazieren und nahm im kühlen Wind und in den Farben der Blätter die ersten Anzeichen des Herbstes war. Während ich alleine unter grauem Himmel ging, hatte ich plötzlich das überwältigende Gefühl, dass Gott mit mir ging. Ich musste an 1. Mose 3,8 denken: „Am Abend, als es kühler wurde, hörten sie, wie Gott, der Herr durch den Garten ging.“ 
Als ich über diesen Vers nachdachte, konnte ich wahrnehmen, wie Gott in meinem Herzen sagte: „Ich wandle immer noch inmitten meiner Schöpfung." Mit dieser neuen Einsicht wurde mir bewusst, dass Gott überall inmitten seiner Schöpfung in Bewegung ist, sei es im Dschungel von Thailand, auf den Bergen Nordindiens, entlang der Atlantikküste Europas oder sogar hier im Park um die Ecke. Ich war überwältigt vom Gefühl der Präsenz Gottes, die ich in diesem Moment verspürte. Vor meinem geistigen Auge konnte ich sehen, Gott spazierte täglich inmitten seiner Schöpfung, mit dem Wunsch, dass ich ihn dabei begleiten würde.
Ich finde, das ist ein schönes Bild: Mit Gott spazieren gehen. Man ist dann achtsam auf Gottes Reden durch das, was man in seiner Schöpfung wahrnimmt. Aber wie gelingt das? Ich denke, da müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Wir können aus der Kirchengeschichte und -tradition aus hunderten Jahren Erfahrungen etwas nehmen. 
Bonaventura, ein Anhänger Franz von Assisis, schlägt Schritte vor, mit denen wir uns darin schulen können, Gott in der Natur zu suchen und zu begegnen. Zunächst sollen wir uns die Größe der Schöpfung vor Augen halten – die Berge, den Himmel und die Meere, sie spiegeln die Unendliche macht, Weisheit und Güte des Dreieinigen Gottes wieder. 
Dann sollten wir die Vielfalt der Schöpfung betrachten – in einem Wald gibt es mehrere Pflanzen und Tierarten, als wir je in unserem Leben erforschen könnten. Das zeigt uns, dass Gott unendlich viel auf einmal tun kann. Wer sich fragt, wie Gott all die vielen, gleichzeitig gesprochenen Gebete hören kann, war viel zu lange nicht mehr in einem Wald. 
Schließlich sollten wir auf die Schönheit der Schöpfung blicken – die Schönheit der Felsen in ihren verschiedenen Formen, Farben und Schattierungen, die Schönheit einzelner Dinge (die zum Beispiel eines Baumes) und die Schönheit ganzer Einheiten (wie die von Wäldern). Gottes Schönheit kann nicht durch eine Form allein offenbart werden. Sie ist so groß und unendlich, dass sie eine ganze Welt mit Wundern füllt.
Wie wäre es, wenn du dir diese Woche bewusst Zeit nimmst, einen Spaziergang zu machen und dabei auf Gottes Reden durch die Schöpfung zu achten?
Wem das noch zu mystisch oder schwärmerisch vorkommt, kann auch erstmal Gottes Reden durch die Bibel intensiver wahrnehmen, indem man die Bibel in der Natur liest. Die Bibel ist dazu da, draußen gelesen zu werden. Viele Bilder und Anspielungen im Alten Testament und in den Evangelien beziehen sich auf die Natur und nur im Kontext der Natur gewinnen sie ihre Bedeutung und ihre Kraft zurück. Der Begriff Strom des Lebens entwickelt seine überwältigende Kraft erst richtig, wenn sie am Ufer eines schnell dahinfließenden Flusses stehen. Grüne Auen kann sich nach Postkartenidylle anhören, bis man eine unberührte Wiese betritt, die weit weg ist vom Lärm der Autobahn, des Radios und grölenden Fußballfans.
 
Gott spricht – durch sein Wort, durch Menschen, aber eben auch durch seine Schöpfung. Er hat seine Handschrift überall hinterlassen, wenn wir bereit sind, hinzusehen und hinzuhören.
Gleich werden Kristallsteine durch die Reihen gehen. Sie haben unterschiedliche Formen, unterschiedliche Farben – so wie die Schöpfung selbst vielfältig und einzigartig ist. Ich lade euch ein, euch einen Stein auszusuchen.
Lasst ihn euch eine Erinnerung sein:
Vielleicht erinnert dich die Farbe deines Steins an einen Sonnenaufgang, an das Meer oder an das satte Grün der Bäume – all das sind Bilder für Gottes Schönheit. Vielleicht liegt dein Stein glatt in der Hand oder hat raue Kanten – so wie unser Leben nicht immer gleichförmig ist, aber Gott trotzdem darin spricht.
Nimm diesen Stein mit. Leg ihn an einen Ort, wo du ihn sehen kannst. Und wenn du ihn ansiehst, dann erinnere dich daran: Gott spricht. Vielleicht durch einen Sonnenstrahl, durch den Wind in den Bäumen oder durch die feinen Details eines Blattes. Er spricht – und er lädt dich ein, hinzuhören.
 

Fragen zur persönlichen Reflexion und zur Kleingruppe

1. Einstieg

Gibt es einen Moment, in dem du besonders von der Schönheit der Schöpfung beeindruckt warst? Was hat das in dir ausgelöst?
Wenn du die Wahl hättest, einen Tag in der Natur zu verbringen – wo würdest du hingehen und warum?

2. Fragen zur Predigt und zu den Bibeltexten

Was hat dich in der Predigt besonders angesprochen oder vielleicht auch herausgefordert?
In welchen Bibelstellen zeigt sich für dich am deutlichsten, dass Gott durch seine Schöpfung spricht?
Welche Aspekte von Gottes Wesen spiegeln sich in der Schöpfung wider?

3. Vertiefende Fragen (allgemeine bzw. natürliche Offenbarung)

Paulus unterscheidet in Römer 1,19-20 zwischen der allgemeinen Offenbarung Gottes in der Schöpfung und der Erkenntnis über Gott, die der Mensch daraus gewinnen kann. Was bedeutet diese Unterscheidung für deinen Glauben?
Welche Grenzen hat die natürliche Offenbarung? Warum reicht sie laut Römer 1 nicht aus, um Gott in seiner Fülle zu erkennen?
Gibt es Momente, in denen du erlebt hast, dass dir die Schöpfung nicht nur Gottes Größe, sondern auch etwas über sein Wesen gezeigt hat?

4. Fragen zur Anwendung

Wie kannst du im Alltag bewusster auf Gottes Reden durch die Schöpfung achten? Gibt es konkrete Wege, das einzuüben?
Welche Rolle spielt Stille und das bewusste Wahrnehmen der Natur in deinem geistlichen Leben?
 
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