Bei Gott den Vogel abgeschossen
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Bei Gott den Vogel abgeschossen
Bei Gott den Vogel abgeschossen
Liebe Gemeinde,
einmal im Jahr findet es statt. Vor 110 Jahre fand das erste Garbisdorfer Vogelschießen statt. Und heute ist es das 34. Vogelschießen. Man schießt also den Vogel ab.
Dass „Mit dem Vogel abschießen“ ist ja im Deutschen auch zu einer Redewendung geworden. „Da hat jemand einen Vogel abgeschossen“ – heißt es im Volksmund. Doch das kann man dann je nach dem Kontext unterschiedlich auslegen.
Die erste Auslegung ist die, dass jemand immer den anderen einen Schritt voraus ist. Dass er sehr erfolgreich ist und bei den anderen für Begeisterung sorgt.
Doch es gibt auch eine negative Deutung. Dass einer ständig irgendwelchen Mist baut. Und bei einer Sache ganz besonders den Gipfel der Peinlichkeit erreicht, sozusagen einen Negativrekord aufstellen.
Nun heute in unserem Gottesdienst wird Gott im sprichwörtlichen Sinn den Vogel abschießen, in dem er uns ein Angebot macht, das gegenüber allem anderen heraussticht.
Aber genauso wie die Redewendung in zweifacher Weise ausgelegt wird, kann das Angebot Gottes positiv und negativ gesehen werden.
Ich möchte noch einmal mit einer Berufsgruppe beginnen, mit der ich schon am Montag beim Johannistag begonnen haben. Anfang Mai waren die Marktschreier alle zum Marktschreierfestival am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig versammelt, wie Blumen Angie, Wurst-Achim oder Aal-Ole, Käse-Max, die Milkaa-Chrissi oder Nudel-Dieter, der Gewürze-Uwe und die Matjes Liana und wie sie alle noch so heißen. Wer dort war, hatte sicher seine Freude dran, wie die Händler ihre Ware angepriesen haben. Da war eine Stimme lauter als die andere. Die Ware wird angepriesen. Da wurde gehandelt und verkauft.
Nun stellen Sie sich vor: Mitten unter diesen Marktschreiern steht nun Gott. Auch er hat eine Ware anzubieten und lädt uns ein, sie zu kaufen.
Aber er schießt eben dabei den Vogel ab, er bietet seine Ware nicht nur als Schnäppchen an, sondern ganz und gar umsonst. Er spricht:
Jesaja 55,1-13 Neues Leben. Die Bibel
1 »Auf, ihr Durstigen, kommt zum Wasser! Geht los, auch wenn ihr kein Geld habt. Geht, kauft Getreide und esst. Wer kein Geld hat, versorge sich kostenlos mit Korn. Geht hin und besorgt euch Wein und Milch, ihr braucht nicht zu bezahlen.
2 Warum solltet ihr euer Geld für etwas ausgeben, das kein Brot ist, euren Lohn für etwas, von dem ihr nicht satt werdet? Hört zu und esst Gutes und eure Seele wird satt werden.
3 Kommt zu mir und sperrt die Ohren auf! Hört mir zu und eure Seele wird leben. Ich will einen ewigen Bund mit euch schließen. Er soll so verlässlich sein wie die Gnade, die ich an David bewiesen habe.
4 Seht her: Ich habe einen Zeugen für die Völker bestimmt, er wird ihr Fürst und Anführer sein.
5 Ihr werdet unbekannte Völker rufen: Völker, die dich nicht kannten, werden um des Herrn, eures Gottes, willen eilends zu dir kommen, weil der Heilige Israels dich herrlich gemacht hat.«
Nun tritt hier Gott als ein Marktschreier auf, wie einer unter vielen. Er tritt als Wasserverkäufer auf. Vielleicht heute bei uns „noch nicht so wichtig“, aber im damaligen Israel und auch heute im Orient sind sie überall auf den Märkten zu finden. Gott als Wasserverkäufer – einer unter vielen: „Auf, ihr Durstigen, kommt zum Wasser!“ – Den Durst des Lebens stillen – nicht nur den äußeren Durst, sondern gerade den inneren Durst.
Aber ist nicht das genau das moderne Bild von Religion, wie wir Menschen es heute erleben und erfahren. Der christliche Glaube als ein religiöses Angebot unter vielen, als ein Angebot auf dem religiösen Jahrmarkt, so bunt wie die Marktstände heute beim Vogelschießen. Und man kann sogar von allem etwas nehmen und seine eigene Religion zusammenbauen.
Auf dem Markt der Religionen uns selbst bedienen, so wie wir es brauchen, um unser Leben zu leben. Ein bisschen hiervon und ein bisschen davon. Wer dabei am lautesten schreit, zu dem rennt man erst einmal hin, wie man das eben auch beim Marktschreierfestival oder hier beim Vogelschießen macht, und schaut, was da angeboten wird. Der wird da erst einmal gehört, der am lautesten schreit.
Und mitten auf diesem Ramschmarkt der Religionen steht Gott.
Und Gott lädt ein. Er lädt zum Leben ein. Gott lädt uns ein, wie ein orientalischer Marktschreier – und schießt mit seiner Einladung sozusagen den Vogel ab. Es ist die Liebe Gottes zu uns, die ihn dazu treibt, wie ein Marktschreier aufzutreten und uns zu sich zu rufen. Er tritt ganz leidenschaftlich auf und wirbt um uns. Er bietet uns das Leben an.
Und mit seinem Angebot schießt er den Vogel ab, weil alles umsonst ist, weil es gratis ist. Gott verlangt nichts dafür. Er stellt keine Bedingungen. Was Gott anbietet, ist nicht nur billig oder günstig, sondern ganz und gar umsonst. Es kostet nichts. Er verschenkt es: „Auf, ihr Durstigen, kommt zum Wasser! Geht los, auch wenn ihr kein Geld habt. Geht, kauft Getreide und esst.“
Kaufen ohne Geld – das heißt: „Es ist alles gratis! Nehmt es euch!“
Gott hat nur ein Ziel: Dass sein Volk damals und auch wir heute und hier begreifen, dass es bei ihm allein das wahre Leben gibt.
Gott hat einen Umsonstladen. So ein Umsonstladen, oder auch Schenkladen genannt, ist für viele unserer Mitmenschen, besonders Harz 4-Empfänger und Menschen mit niedrigen Einkommen lebensnotwendig, ja sogar überlebensnotwendig, Im deutschsprachigen Raum gab es 2014 etwa 83 Umsonstläden.
Vielleicht sind diese Läden mehr oder weniger sozialrevolutionär-politische Projekte, die Zeichen setzen wollen. Und manchmal werden sie auch nach einer gewissen Zeit scheitern. Doch sie sind keine Erfindung der Neuzeit, sondern Gott hat es schon getan. Er hat seinen Umsonstladen auf dem Markt des Lebens. Dieses Umsonst lässt er durch den Propheten Jesaja verkünden.
Dabei bietet er im Gegensatz zu den Umsonstläden heute keinen Kram oder Gerümpel an, sondern das Beste, was er hat, - das Leben.
Die Menschen damals zur Zeit des Propheten Jesaja lebten in einer tiefen Krise. Sie lebten in der Heimatlosigkeit, vertrieben aus Jerusalem, in der babylonischen Gefangenschaft, weit entfernt von der Geborgenheit der Heimat. Sie lebten in der Verbannung, kurz vorm Untergang. Das Leben war für sie nur noch ein Dahinvegetieren. Und da hören sie diese Botschaft vom ganz anderen Leben, von einem erfüllten Leben, welches Gott umsonst gibt.
Wasser ist hier ein Bild für das Leben. Ohne Wasser kein Leben. Die Menschen des Orients wissen das nur zu genau. Auch wir haben ja im vorigen Jahr, aber auch schon wieder in den vergangenen Tagen, nach Tagen der Hitze und Trockenheit, die Erfahrung gemacht, wie wichtig das Wasser zum Leben ist. Darum ist es gut, wenn wir nach Möglichkeit eine Flasche Wasser bei uns haben.
Das Wasser als das Lebensnotwendige – Gott will uns als erstes das Notwendige zum Leben geben, das was wir wirklich brauchen. Aber auch das Essen gibt es umsonst. Nahrung zum Leben, Brot des Lebens. Die damals Verbannten leiden Mangel – im Leiblichen und im Geistlichen.
Im Leiblichen: Es ist ein hartes Leben. Man schuftet, um auf dem babylonischen Schwarzmarkt Brot zu kaufen. Und was man für das schwerverdiente Geld als Brot bekommt, verdient den Namen Brot nicht, und man wird nicht satt davon. Wer hat nicht auch schon solche Erfahrungen gemacht?
Doch größer ist der Hunger nach Geistlichem, der Hunger nach einem erfüllten Leben. Dabei ist es oft den Menschen gar nicht bewusst, welchen Mangel sie leiden. Dennoch ist das Leben mehr als Essen und Trinken.
Und genau das ist es auch, was uns Jesus mit seiner Botschaft bringt, wenn er sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen. (Johannes 10,10)
Wir werden ermutigt, dieses volle Leben anzunehmen und auch anderen zu bezeugen, welches uns und unserem Nachbarn Gott geben will. Wir werden auch ermutigt, wie Gott Marktschreier für seine gute Botschaft zu sein. Wir dürfen es den Menschen und besonders unseren Mitmenschen sagen:
„Auf, ihr Durstigen, kommt zum Wasser! Geht los, auch wenn ihr kein Geld habt. Geht, kauft Getreide und esst. Wer kein Geld hat, versorge sich kostenlos mit Korn. Geht hin und besorgt euch Wein und Milch, ihr braucht nicht zu bezahlen.“
Wir dürfen sagen: „Hier findet ihr – voll das Leben – das Leben bei Gott.“ Und ihr bekommt es umsonst. Wir dürfen mit Gott den Vogel abschießen – im positiven Sinn und diese Botschaft weitergeben.
Und dieses volle Leben bei Gott begrenzt sich eben nicht auf Wasser und Brot – auf die Grundnahrung, die man zum Leben, zum Überleben braucht. Nein dieses volle Leben soll ein Leben des Überflusses und des Luxus sein. Darum werden wir eingeladen, auch Wein und Milch umsonst zu kaufen.
Damals waren Wein und Milch Güter des Luxus, Güter des Überflusses, Güter des Wohlstandes.
Als Israel von Ägypten nach Kanaan auswanderte, wurde hatte man ein Land als Ziel, in dem Milch und Honig fließt. Also ein Land des Überflusses. So ist es auch hier, wenn von Wein und Milch gesprochen. Gott gibt und er gibt im Überfluss. Es gibt alles umsonst.
Manchmal verspricht uns ja die Werbung, dass es etwas umsonst gibt. „Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst …“ Mit so etwas hat schon mancher seine schlechten Erfahrungen gemacht. Er wurde dann über den Tisch gezogen.
Beim genaueren Hinschauen müssen wir entdecken, dass das, was uns umsonst angeboten wird, viel teurer ist, als wenn wir es im normalen Landen gekauft hätten. Denken wir nur an die Werbeverkaufsfahrten, wo wir kostenlos eine Busfahrt machen können, Kaffee und Kuchen gratis gibt und auch noch ein Geschenk. Doch dann wird man irgendwo in der Pampa in ein verfallenes Kulturhaus gekarrt, die Türen zugeschlossen, und man kommt nicht eher wieder heraus, bis man für 2000 Euro eingekauft hat.
Sicher es gibt immer noch das Rücktrittsrecht. Damit hat der Gesetzgeber eine Reglung geschaffen, um wieder aus dieser Falle zu entkommen. Dennoch ist es nicht einfach.
Bei Gott gibt es alles umsonst, und wir finden keinen Hakenfuß. Gott lädt uns zum Wohlstand, zu inneren und zum äußeren Wohlstand, wenn er spricht: „Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.“ Mit dem Köstlichen, was hier steht, ist das Beste gemeint, was uns Gott bietet, um den Lebenshunger zu stillen.
Wenn wir diese Einladung Gottes hören, müssten wir da nicht erwarten von den Menschen damals und den Menschen heute, dass sie in Strömen zu Gott bewegen müssten.
Aber machen wir uns nichts vor, es waren damals einzelne und es sind auch heute einzelne, die dieses Angebot Gottes annehmen.
Damals wie heute ist es so, dass die meisten Menschen an Gott vorbeihasten und diese Einladung überhören. Vielleicht lächeln sie sogar überheblich darüber und haben Spott auf den Lippen. Sie waren oder sind verblendet und finden andere Kurzeitangebote des Lebens attraktiver.
Wir dürfen wissen, Gott blieb und bleibt seinem Angebot treu. Er hat es damals den Menschen verheißen, er verheißt es auch noch uns heute. Für uns heute gilt, was der Pfarrer und Evangelist Theo Lehmann sagt: „Du bist Gottes Liebe auf den ersten Blick. Er hält dir die Treue. Was hält dich zurück? Du bist Gottes Wunschkind. Schön, dass es dich gibt. Herrlich, wie der Herr dich über alles liebt.“
Genau das ist der Bund, den Gott mit jedem von uns schließen will. Gott hat sich dafür das Beste kosten lassen, sein Sohn Jesus musste am Kreuz sterben.
Deswegen hat Gott auch den Vogel abgeschossen und uns die beste Botschaft gegeben.
Amen.
