(K)ein Gott zum Anfassen

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(K)ein Gott zum Anfassen

Herr, gib uns ein Wort für unser Herz, und ein Herz für dein Wort. Amen.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
(Fra Angelico - Noli me Tangere)
(K)ein Gott zum Anfassen 
Szene 1: Ein Wiedersehen am Bahnsteig 
Ein Kopfbahnhof. Menschen laufen hin und her.  Taschen schleppen, Koffer rollen, Stimmen, Hupen, Lautsprecherdurchsagen.  Ein typischer Tag, vielleicht am Leipziger Hauptbahnhof.  Aber dort, ganz am Ende des Gleises, da steht sie.  Eine Frau. Wartend. Unruhig.  Immer wieder schaut sie auf die Uhr. Immer wieder sucht sie mit den Augen das Gleis ab.  Der Zug rollt ein. Und dann – endlich – entdeckt sie ihn. 
Ein Lächeln, ein Aufatmen, ein Aufleuchten im Gesicht.  Sie rennt los, mitten hinein in seine Arme.  Eine Umarmung, die alles hält, was war:  Die Sorgen der letzten Tage, die Trennung, die Angst.  Jetzt ist er da. Jetzt ist sie da.  Zwei Menschen, ganz nah, ganz fest, minutenlang.  Und niemand will mehr loslassen. 
Ein Bild voller Nähe, voller Liebe, voller Erlösung.  Ein Bild, das in uns die Sehnsucht weckt: So möge es auch mit Gott sein.  Wenn wir ihn wiedersehen – am Ende der Zeiten, oder am Ende unserer Wege,  wenn wir IHN erkennen – dann möge es so sein:  ein Aufatmen, ein Aufleuchten, ein Sich-in-die-Arme-werfen.  Und nie wieder loslassen. 
Aber… es kann auch anders sein. 
Szene 2: Ein flüchtiges Wiedersehen 
Stellen wir uns eine andere Begegnung vor.  Zwei Menschen – enge Freunde.  Sie haben sich verloren – nicht aus den Augen, sondern aus der Welt.  Ein Ausnahmezustand.  Eine Stadt unter Druck.  Verhaftungen. Folter. Gerichtsprozesse, Todesurteile.  Man lebt im Verborgenen, hält den Atem an. 
Und plötzlich: Ein Blick. Ein Gesicht.  Er ist es. Und er lebt.  „Du lebst. Gott sei Dank.“  Die Umarmung ist kurz.  Zu viele Augen. Zu viel Gefahr.  „Nicht hier. Nicht jetzt.“  Ein stummer Blick, ein Händedruck, ein Weitergehen. 
Auch das ist Wiedersehen.  Nicht zum Festhalten, aber zum Erinnern.  Nicht zum Bleiben, aber zum Hoffen.  Ein Moment, der reicht, um zu wissen: Ich bin nicht allein.  Du bist da. Und das genügt.  Manchmal ist das alles, was wir bekommen. Und doch ist es alles. 
Szene 3: Ein Wiedersehen im Garten 
Und dann – der Ostermorgen.  Wir kommen zu unserem Bild  Maria Magdalena geht zum Grab.  Ihr Herz ist schwer. Ihre Gedanken voll Karfreitag.  Sie hat ihn sterben sehen. Sie hat ihn stöhnen gehört, ringen, verblassen.  Jetzt will sie den toten Körper salben – ein letztes Zeichen der Liebe.  Ein letzter Abschied. Ein letzter Dienst.  Noch einmal berühren. Und dann loslassen. Für immer. 
Doch dann: Das Grab ist offen. Der Stein weggerollt.  Leere. Dunkelheit. Verwirrung. Tränen.  Und schließlich – ein Mann.  Ein Fremder.  Sie erkennt ihn nicht.  Bis er ihren Namen sagt: „Maria.“ 
Ein einziges Wort.  Und mit diesem einen Namen reißt der Himmel auf.  Ein Erkennen. Ein Aufleuchten. Ein Aufleben.  Und Maria – sie will das Naheliegende tun.  Sie will ihn halten. Fest. Für immer. 
Aber dann spricht Jesus:  „Noli me tangere.“  „Berühr mich nicht.“ 
 (K)ein Gott zum Anfassen? 
Warum? Warum dieses „Noli me tangere“?  Warum dieser Moment des Zurückweichens, gerade jetzt, wo die Nähe doch alles wäre? 
Fra Angelico ein bedeutender italienischer Maler der Frührenaissance   hat diese Szene gemalt – zart, ehrfürchtig, bewegend.  Der „engelshafte Bruder“ ist ein Ehrenname,   der seine fromme Lebensweise und seine spirituelle Kunst widerspiegelt. 
 Maria mit offenen Händen, ausgestreckt, bittend, voller Sehnsucht.  Jesus: abgewandt, aber nicht hart.  Er hält nicht zurück aus Kälte. Sondern aus Weite.  Denn er ist nicht mehr der, der bleibt.  Er ist der, der geht.  Der, der uns vorausgeht zum Vater.  Der Auferstandene. 
Ein Gott, der berührt – und sich entzieht 
So war Jesus doch:  Nah. Berührbar. Zärtlich.  Er hat Kinder auf den Arm genommen.  Kranke geheilt mit der Kraft seiner Hände.  Er ließ sich salben, umarmen, weinen über ihn. 
Und nun?  Jetzt, wo alles in uns nach Nähe schreit, nach Berührung, nach Sicherheit –  jetzt bleibt Marias Hand leer. 
Jesus ist nicht weniger da.  Aber er ist anders da.  Nicht mehr zum Festhalten. Sondern zum Vertrauen.  Nicht mehr zum Umarmen. Sondern zum Folgen. 
Glaube mit leeren Händen 
Auch wir kennen das:  Da ist ein Moment im Gottesdienst, in der Musik, im Gebet   – da scheint Gott ganz nah.  Ein Trost, ein Licht, ein Glanz.  Aber kurz darauf… ist er wieder verschwunden.  Der Moment verflogen.  Die Hand greift ins Leere. 
Und doch – wir haben ihn gesehen.  Wir haben ihn erkannt.  Er hat unseren Namen gesagt.  Und das bleibt.  Der Glanz vergeht. Aber die Stimme bleibt. 
Die Klosterzelle und das Grau 
Fra Angelico malte sein Bild nicht für eine Kathedrale,   sondern für die graue Wand einer Klosterzelle.  Ein Ort der Einfachheit. Der Stille. Des Suchens.  Morgens aufwachen und sehen: Jesus lebt.  Abends einschlafen und wissen: Ich konnte ihn nicht festhalten.  Und doch: Er kennt meinen Namen. 
Inmitten des grauen Alltags, des Zweifelns, des Ringens –  leuchtet er auf.  Der Glanz um sein Gesicht.  Das Gold in seinem Haar.  Die zarte Spur des Göttlichen. 
Ein Gott zum Folgen, nicht zum Festhalten 
Maria muss loslassen, um glauben zu können.  Sie muss sich vom Griff zur Umarmung lösen, um zur Zeugin zu werden.  Und so geht sie los – mit leeren Händen, aber vollem Herzen.  Sie hat IHN erkannt.  Sie hat IHN gehört.  Und das genügt. 
Ostern heute: Wiedersehen mitten im Leben 
Und wir?  Vielleicht finden wir IHN in einem Bahnhofsmoment.  In der Umarmung eines geliebten Menschen.  Im Lächeln nach einer langen Trennung. 
Vielleicht auch nur in der flüchtigen Begegnung, im raschen Blick, in einem einzigen Satz:  „Du lebst. Gott sei Dank.“ 
Oder – im Garten unseres Lebens.  Wenn wir dastehen, verwirrt, enttäuscht, traurig –  und er ruft uns bei unserem Namen. 
(K)ein Gott zum Anfassen. Aber ein Gott zum Leben. 
Ein Gott, der mitgeht.  Ein Gott, der aufersteht.  Ein Gott, der sagt:  „Berühr mich nicht – noch nicht. Aber: Vertraue mir.“ 
Und in diesem Vertrauen –  werden wir leben. 
Amen. 
 Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.
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