Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt – Der Glaube, der trägt
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Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt – Der Glaube, der trägt
Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt – Der Glaube, der trägt
Herr, gib uns ein Wort für unser Herz, und ein Herz für dein Wort. Amen.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Liebe Gemeinde,
wir feiern heute den Weißen Sonntag, den Sonntag Quasimodogeniti, da stehen wir noch ganz im Licht von Ostern. Der Altar ist weiß geschmückt. Es ist der Sonntag, an dem in besonderer Weise der Taufe gedacht wird. In manchen Gemeinden werden Taufgottesdienste gefeiert. Ich habe früher gern an diesem Sonntag die Konfirmation gefeiert. Denn dieser Sonntag ist ein Tag voller Hoffnung, voller Licht, voller neuer Anfänge. Aber wir leben in einer Welt, die oft ganz anders aussieht: voller Kriege und Krisen, voller Entfremdung und Angst, voller Fragen und Zweifel, und wir Christen sind nicht frei davon. Ja, wir stehen und leben da mittendrin.
Ich war im März in einer Gemeinde im Gottesdienst, die hat darum ganz bewusst einen Versöhnungsgottesdienst gefeiert, in welchem wir als Christen unsere Verletzungen aus den letzten Jahren von Corona, Politik, gesellschaftliches Leben, Persönlichem bis zum gemeindlichen Leben benannten und alles vor Gott bringen konnten.
Da wurde mir, aber nicht nur da, deutlich, wie wichtig der Glaube an den auferstandenen Jesus Christus gerade für uns ist. Er ist so wie ein Rettungsring mitten im stürmischen Meer.
Stellt Euch vor, Ihr seid auf einem stürmischen Meer. Die Wellen toben, und Ihr habt Mühe, über Wasser zu bleiben. Doch plötzlich wird Euch ein Rettungsring zugeworfen – eine feste, verlässliche Rettung, die Euch sicher hält, während Ihr auf Rettung warten. Dieser Rettungsring ist ein Symbol für unsere lebendige Hoffnung, die wir durch Jesus Christus empfangen haben. Genauso, wie dieser Rettungsring uns über Wasser hält, hält diese lebendige Hoffnung des Glaubens uns – auch wenn die Stürme des Lebens toben.
Und dass wir gerade diese lebendige Hoffnung für unseren Glauben und für unserer Leben benötigen, hat interessanterweise kein anderer als Jean-Paul Sartre, der atheistische Existenzialist, in seinem Theaterstück "No Exit" ("Geschlossene Gesellschaft") auf drastische Art und Weise dargestellt: Drei verstorbene Personen – Garcin, Inès und Estelle– treffen in einem seltsamen Raum ohne Fenster oder Spiegel aufeinander. Es stellt sich heraus, dass sie sich in der Hölle befinden, allerdings nicht in der traditionellen Vorstellung mit Folterinstrumenten, sondern in einem bürgerlich eingerichteten Raum, in dem sie auf ewig zusammen eingesperrt sind.
Nach und nach enthüllen sie ihre Lebenslügen, Verbrechen und Motivationen:
Garcin war ein Feigling und Frauenverächter.
Inès ist eine manipulative Frau, die ihre Geliebte in den Tod getrieben hat.
Estelle hat ihr uneheliches Kind getötet und ihre Liebhaber nur benutzt.
Der wahre Schrecken offenbart sich: Die Strafe in der Hölle ist nicht körperlich, sondern psychologisch. Die Figuren sind einander ausgeliefert – und werden so zur ewigen Hölle des jeweils anderen. "Die Hölle, das sind die anderen," sagt einer der Protagonisten. Und die eigentliche Hölle ist, dass es keine Hoffnung mehr gibt. "Du bist – dein Leben und nichts anderes."
Was für ein Gegensatz zu dem, was der Apostel Petrus uns hier in seinem Brief sagt! Ich lese diesen Lobpreis aus 1. Petrus 1,3–9 :
3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, 5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit. 6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, 7 auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. 8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, 9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.
1. Gott begründet unsere Hoffnung in Christus
Der Apostel Petrus schreibt seinen Brief in einer Zeit, die unserer Zeit heute nicht ganz unähnlich war: Die Christen sind bedrängt, verfolgt, gesellschaftlich isoliert, mancherorts in der Minderheit und ausgegrenzt. Es ist eine Welt, in der es nicht schwerfällt, sich fremd zu fühlen. Fremd in Systemen, die Menschen bedrücken. Fremd in einer Gesellschaft, deren Werte sich oft so weit von unserem Glauben entfernen. Fremd vielleicht sogar im eigenen Leben, wenn uns Leiden, Zweifel oder Enttäuschungen aus dem Takt bringen.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
Petrus spricht diese Worte an Menschen, die sich entmutigt, vertrieben, deprimiert oder in Gefahr fühlen. Er spricht hier von Hoffnung – nicht von irgendeiner, sondern von der lebendigen Hoffnung. Und diese Hoffnung ist kein Wunschdenken, kein "Ich hoffe und wünsche mir, dass es irgendwie schon gut gehen wird", sondern diese Hoffnung ist gegründet und begründet. Und zwar auf einem historischen Ereignis: Sie ist gegründet in der Auferstehung Jesu Christi.
Diese neue Geburt ist nicht bloß ein Neuanfang, sondern eine tiefe, existenzielle Verwandlung – nicht unser Werk, sondern Gottes Geschenk. Für Petrus war das Ostergeschehen eine dramatische und radikale Wende in seinem Leben. Wir erinnern uns: Als Jesus gefangen genommen wurde, verleugnete Petrus ihn. Er war verzweifelt, voller Scham. Mit dem Hahnenschrei schien für ihn alle Hoffnung gestorben. Und dann: das leere Grab. Die Frauen berichten. Da läuft Petrus, sieht die Leinentücher, glaubt noch nicht recht. Doch dann erscheint Jesus – dem Petrus ganz persönlich. Die Hoffnung keimt auf. Nicht die alte, sondern eine ganz neue, eine lebendige, verwandelte Hoffnung.
Diese Hoffnung ist nicht abstrakt. Sie ist eine Person: Jesus Christus. Petrus spricht hier nicht nur von einer Idee, sondern von einer lebendigen Beziehung. Und das ist entscheidend. Hoffnung ist nicht das, was ich mir ausdenke. Hoffnung ist, was Gott mir schenkt, weil er lebt.
Ich habe vor kurzen mit jemanden über den Onlinedienst von Elon Musk, also über X, was früher einmal Twitter war, über den christlichen Glauben diskutiert. Er hat mir vorgeworfen, dass was wir Christen glauben Unfug ist Er schreibt: “Auch die Auferstehung von Toten ist absurd. Altes und neues Testament könnten von den Gebrüdern Grimm stammen. Da reiht sich Unfug an Unfug. Damit haben sie aber kein Problem.”
Ja damit habe ich kein Problem, sondern ich glaube gerade wie Petrus, dass es diese lebendige Hoffnung durch Jesus Christus ist, die Gott uns schenkt, die uns im Glauben trägt.
So hat Gott durch das Ostergeschehen eine neue Welt erschaffen. Im Moment wird sie in Sicherheit aufbewahrt, außer Sichtweite, hinter dem dünnen unsichtbaren Vorhang, der unsere Welt (die Erde) von Gottes Welt (dem Himmel) trennt. Doch eines Tages wird der Vorhang zurückgezogen; dann wird das „unvergängliche Erbe“, das gegenwärtig im Himmel sicher verwahrt wird, mit unserer irdischen Wirklichkeit verbunden werden; das Irdische wird dann verwandelt und mit Gottes Gegenwart, Liebe und Barmherzigkeit durchtränkt werden.
2. Gott bewahrt unsere Hoffnung: unser Erbe
Darum spricht Petrus weiter: “zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch”
Drei Worte gebraucht er hier, um das deutlich zu machen:
Unvergänglich - ἄφθαρτος - Es kann nicht zerstört werden.
Unbefleckt - ἀμίαντον - Es wird nicht verunreinigt.
Unverwelklich - ἀμάραντον - Es verliert nichts von seinem Glanz.
Und was ist nun dieses Erbe? Es ist nicht einfach Gold und Juwelen. Es ist das neue Leben bei und mit Gott. Es ist die Gemeinschaft mit Jesus Christus in seiner Herrlichkeit. Es ist die neue Schöpfung, die eben schon begonnen hat, aber noch vollendet werden wird.
Petrus zeichnet hier ein bemerkenswertes Bild: Die Gläubigen sind Erben einer Geschichte, die sogar die Propheten nicht ganz verstanden – und in die selbst Engel hineinzuschauen wünschen. Welch eine Würde! Welch ein Vorrecht! Wir stehen mitten in Gottes großer Erzählung – als Kinder, als Erben, als Hoffende.
Diese Einsicht soll nicht zu Überheblichkeit führen, sondern zur Dankbarkeit. Zur Treue im Heute. Zur Hoffnung im Jetzt. Denn unsere Identität als Fremde in der Welt ist nicht Verlust, sondern Gewinn. Nicht Entfremdung, sondern Verortung in Christus.
Stellt euch vor, ein Kind bekommt das Testament seines reichen Großvaters zu sehen. Alles ist bereits in seinem Namen hinterlegt. Doch das Kind ist noch zu jung. Es lebt sein Leben. Es spielt und lernt. Aber es weiß: "Eines Tages gehört das mir." Und der Vater sorgt dafür, dass das Kind nicht verloren geht, sondern auf dem Weg bleibt. Genauso ist es mit unserem Erbe. Es ist da. Gott hat es schon bereit. Und er bewahrt eben nicht nur das Erbe, sondern er bewahrt auch uns.
Wir sind "durch Gottes Macht bewahrt durch den Glauben zu dem Heil, das bereit ist, offenbar zu werden zur letzten Zeit" (1,5). Genau das heißt auch Glauben: an dem einen festhalten, der uns festhält. Nicht wir müssen die Hoffnung festhalten – sondern Gott ist es, der uns in der Hoffnung festhält.
Der englische Erweckungsprediger Spurgeon schreibt dazu:
Der Erlöser konnte sagen: »Mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt« (Jes 49,2) und: »Alle seine Heiligen sind in deiner Hand« (5Mo 33,3).
Sie werden aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt zur Seligkeit (1Petr 1,5). Denn er selbst ist ihre Zuflucht, ihr Bergungsort. Sie sind seine Verborgenen und Geborgenen. Dies ist die eigentliche Bedeutung.
Der Liederdichter Paul Flemming schreibt dazu:
Es kann mir nichts geschehen,
als was er hat ersehen
und was mir selig ist.
Ich nehm es, wie ers gibet;
was ihm von mir beliebet,
dasselbe hab ich auch erkiest.
3. Gott reinigt unsere Hoffnung: unser Weg
Petrus weiß: Auch wir Christen sind nicht frei von Leiden. Egal von welchen Formen des Leidens, sei es körperliches und seelisches Leiden, sei es Verfolgung um des Glaubens willen, sei es wirtschaftliches oder politisches Leiden oder welche Form des Leidens es gibt. Es gibt so viel, was Schmerzen verursachen kann. Dabei kann selbst die Hoffnung kein Schutz vor Schmerzen. Doch gerade in den Anfechtungen, die wir erleben und durchmachen, wird die Echtheit unseres Glaubens sichtbar. Es ist wie das Gold, welches im Feuer geläutert wird, so wird unser Glaube im Leiden bewährt.
"auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus."
Ich bin dankbar, dass ich bisher wenig Leiden erfahren habe, aber ich weiß Leiden hat in Gottes Hand Sinn. Es ist nicht sinnloses Chaos, sondern ein Ort der Reinigung und Vertiefung.
Dennoch gilt: Wenn also Christus selbst durch Leiden zur Herrlichkeit ging, dann gilt das auch für uns. Petrus macht das deutlich: Das Leid, das die Gläubigen erfahren – sei es durch Ablehnung, Verfolgung oder innere Kämpfe – ist kein Zeichen von Gottesferne. Im Gegenteil: Es kennzeichnet sie als treue Nachfolger Jesu. Wer mit Christus leidet, wird auch mit ihm verherrlicht werden. Unsere Fremdheit in der Welt ist ein Zeichen unserer Nähe zu Christus.
4. Gott erfüllt unsere Hoffnung: unser Ziel
Solcher Glaube ist wirklich ein Wunder, ein Wunder, das Gott in der Wiedergeburt allein bewirken kann. Denn die Liebe der Christen gilt Jesus Christus, den sie doch nie mit ihren leiblichen Augen gesehen haben. Darum schließt Petrus diesen Abschnitt mit der Beschreibung dieses Glaubens:
“Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.”
Was für ein Satz! Damals schon waren es eben nicht mehr die ersten Augenzeugen, die Jesus noch persönlich kannten, sondern die, die eben die Botschaft der Apostel hörten, so wie wir es auch heute tun. Obwohl wir Jesus nicht mit eigenen Augen gesehen haben, lieben wir ihn. Warum? Weil er uns begegnet ist – im Wort, in der Taufe, im Abendmahl, in der Gemeinschaft der Glaubenden.
Vielleicht ist es so, wie folgendes Beispiel. Da ist ein kleines Mädchen. Es geht zum ersten Mal zum Abendmahl und sagt: "Ich glaube, Jesus ist hier. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich spüre ihn." Ja, Kinder glauben oft tiefer, als wir denken. Und diese Freude, diese Hoffnung – sie ist real.
Wir tragen das Ziel unseres Glaubens in uns: das Heil unserer Seelen. Die modernen Bibelübersetzungen bringen das zu schwach zum Ausdruck, wenn sie nur von der endgültigen Rettung sprechen. Da ist Luther bildhafter, wenn er schreibt Seelen Seligkeit. Nicht weniger. Nicht mehr. Das ist das große Ziel unserer Hoffnung. Nicht ein passives Ausharren ist gefragt, sondern eine aktive, treue Nachfolge. Eine Hoffnung, die lebt und handelt – weil sie auf den lebt, der den Tod besiegt hat.
Hoffnung, die bleibt
Wir leben in einer Welt, die mit Hoffnung spart. Jean-Paul Sartre hatte recht: Wenn es keine Hoffnung gibt, beginnt die Hölle. Aber weil Jesus lebt, weil Ostern wahr ist, gibt es Hoffnung – eine lebendige, bleibende, unerschütterliche Hoffnung.
Sie ist begründet in der Auferstehung Jesu
Sie ist bewahrt durch Gottes Macht
Sie wird bewährt im Leiden
Sie wird vollendet bei Jesu Wiederkunft
Diese Hoffnung ist kein frommes Gefühl, sondern die feste Verheißung Gottes an dich. Du bist wiedergeboren zu dieser Hoffnung. Du hast ein Erbe im Himmel. Du wirst bewahrt. Du wirst eines Tages sehen, was du heute im Glauben festhältst: Jesus Christus, den Auferstandenen.
Darum lasst uns einstimmen in das Lob des Petrus:
"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus!"
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
