Das hässliche Entlein und die Schönheit der Gnade
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Einleitung
Einleitung
Märchen helfen uns, komplexe Dinge auf einfache Weise zu vermitteln. Kindern bringen wir oft Werte bei, indem wir ihnen solche Geschichten erzählen. Aber aus irgendeinem Grund glauben wir, wenn wir erwachsen werden, dass diese Geschichten nichts mehr mit uns zu tun haben. Das Leben ist doch viel komplizierter als ein Märchen, oder?
In den letzten Monaten, während über die Bergpredigt gepredigt wurde, ist mir aufgefallen, dass Jesus alltägliche Dinge benutzt, um geistliche Wahrheiten zu vermitteln. Es sind zwar keine Märchen, aber sie zeigen uns, dass auch wir als Erwachsene vieles durch bekannte, einfache Bilder verstehen können.
Eine Geschichte, mit der ich mich lange Zeit identifizieren konnte, ist die vom hässlichen Entlein. Der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen hat sie geschrieben. Es geht um ein kleines Entlein, das von Anfang an anders aussah als die anderen. Die Enten in seinem Schwarm haben es nie wirklich aufgenommen – einfach, weil es anders war. Schon von Geburt an war klar, dass es nicht dazugehörte, und deshalb wurde es ständig verspottet. Das Entlein wollte unbedingt dazugehören und hat alles versucht, um zu zeigen: "Hey, ich bin doch auch eine Ente!" Aber egal, was es gemacht hat – wegen seines Aussehens wurde es immer wieder abgelehnt.
Oft ist es in unserem Leben ähnlich wie bei dem hässlichen Entlein: Wir versuchen, zwei grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen, die jeder Mensch hat – das Bedürfnis dazuzugehören und das Bedürfnis angenommen zu sein. Wir ändern unser Verhalten, unseren Lebensstil, unsere Ziele und manchmal sogar unseren Lebenssinn, nur um von bestimmten Menschen akzeptiert zu werden. So bekommen wir gewissermaßen eine äußere Identität auferlegt – eine, die unser Inneres beeinflusst und sogar unsere Beziehung zu Gott verändert. Wir verwechseln das Sein mit dem Tun und merken irgendwann, dass wir weder den Erwartungen der anderen noch unseren eigenen genügen können.
Dieser innere Konflikt – zwischen dem, wie ich bin, und dem, was von mir erwartet wird – führt uns zu einer ganz grundlegenden Frage: Wer sind wir wirklich? Oder ganz persönlich gefragt: Wer bin ich?
Es hilft uns zu verstehen, wer wir sind.
Es hilft uns zu verstehen, wer wir sind.
Auf die Frage, wer wir sind, antwortet uns die Bibel in Epheser 2,1–3: Wir sind Menschen mit einer Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die vom Sünde geprägt war. Dabei bedeutet Sünde nicht nur, "schlechte Dinge" zu tun – wie rauchen, trinken oder eine Affäre zu haben –, sondern vielmehr, außerhalb von Gottes Ziel für unser Leben zu leben. Es bedeutet, nicht den Nächsten zu lieben, nicht tugendhaft zu leben und Gott nicht von Herzen zu lieben.
Die Sünde durchdringt alle Bereiche unseres Lebens – sogar die guten Dinge, wenn sie vom Ego getrieben werden, verlieren ihren Sinn. Liebe zum Beispiel ist etwas Schönes – aber wenn sie falsch ausgerichtet ist, kann sie sich in eine übertriebene, selbstbezogene Liebe verwandeln.
Wenn wir Jesus begegnen, werden uns unsere Sünden vergeben. Wir werden befreit, mit Christus zu leben und Zeugen für Ihn zu sein. Aber in unserem Alltag überlappen sich diese beiden Realitäten ständig – unsere Vergangenheit und das neue Leben in Christus. Wenn man das christliche Leben wie einen Film betrachten würde, käme immer wieder dieselbe Frage auf: Welche Dimension wird mein Leben bestimmen?
Die Christen in Ephesus, an die Paulus schreibt, kämpften mit derselben Spannung. Sie lebten in einer religiösen Kultur, in der Tauschhandel mit den Göttern normal war. Deshalb standen sie an einem inneren Wendepunkt: Die wussten, dass die gläubig waren – aber übertrugen ihre alten Denkweisen auf die Beziehung zu Gott. Die glaubten, dass ihre Vergangenheit und ihre täglichen Kämpfe mit der Sünde die von Gott entfernten, und dass die durch „gute Werke“ wieder Frieden mit Gott schließen müssten.
Sie waren wie das hässliche Entlein, das alles tat, um akzeptiert zu werden. Aber: Dieses Denken ist nicht nur ein Problem der alten Griechen. Auch wir kämpfen damit.
Wie viele von uns fühlen sich wegen ihrer Vergangenheit unwürdig, Gott zu dienen?
„Ich komme aus einer kaputten Familie… ich hatte viele Beziehungen… ich war promiskuitiv… ich war süchtig… meine Ehe ist in der Krise… ich bin geschieden… ich schaue seit Jahren Pornografie… ich bin alleinerziehend… meine Kinder glauben nicht an Gott…“
Wie viele glauben, dass Gott sich irgendwann von ihnen abwendet, weil sie wieder gesündigt haben?
„Schon wieder bin ich in denselben Fehler gefallen, obwohl ich mir gestern vorgenommen hatte, es nicht mehr zu tun... Ich habe dem Herrn so oft versprochen, dass ich meine Haltung gegenüber meinem Ehepartner ändern werde – und doch bin ich wieder gescheitert… Ich wollte mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen – aber wieder sind Tage vergangen… So viele Versprechen, die ich nicht gehalten habe. Sicher hat sich Gott längst von mir abgewendet.“
Wie viele beenden ihren Tag frustriert, weil sie glauben, Gottes Erwartungen nicht zu erfüllen?
„Ich weiß, dass ich nicht lügen sollte – aber manchmal sage ich im Job halbe Wahrheiten… Ich wusste, ich sollte dieser Person helfen – aber ich dachte, es wäre besser, zu sparen…“
Solche Situationen zeigen uns, dass zwischen dem Ideal und der Realität ein tiefer Graben liegt. Als würden wir am Boden eines Brunnens liegen und in den Sternenhimmel schauen – und tief im Herzen wissen, dass wir die Sterne nie erreichen können.
Was machen wir also mit dieser Erkenntnis?
Wir fangen an, unserem Vergangenheit, den Umständen oder uns selbst die Schuld zu geben:
„Wenn das nur nicht passiert wäre… wenn ich das damals nicht gemacht hätte… dann wäre ich nicht hier…“
Warum denken wir so? Weil niemand gern zugeben möchte, nicht geliebt, nicht respektiert oder gar abgelehnt zu werden. Wir wollen jemand sein – und glauben, wir müssten uns diesen Platz erst verdienen. Aber am Ende des Tages… sind wir nicht anders als das hässliche Entlein – und auch nicht anders als die Christen in Ephesus.
Wie können wir also mit dieser Spannung umgehen?
Die Bibel gibt uns in Epheser 2,8 eine klare Antwort:
„Denn aus Gnade seid ihr gerettet - durch den Glauben. Das verdankt ihr nicht euer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.“ (BB)
Paulus erinnert die Christen in Ephesus daran: Du bist nicht gerettet, weil du etwas geleistet hast, sondern weil Gott dir ein Geschenk gemacht hat. Er bietet eine Lösung für diese innere Spannung an: Gnade durch Glauben.
Wenn wir versuchen, uns Gottes Liebe zu verdienen, dann haben wir ein falsches Bild vom Herz Gottes. Denn Gnade bedeutet, dass Gott selbst vom Himmel herabkam, um dir das zurückzugeben, was du durch die Sünde verloren hattest – deine Identität und deinen Lebenssinn, deine Versöhnung mit Gott.
Wenn wir dem Herrn begegnet haben, bestimmen unser Vergangenheit, unsere Kämpfe und unsere Sünde nicht mehr, wer wir sind. Durch den Glauben – also durch tiefes Vertrauen in das, was Christus am Kreuz getan hat – werden wir neu definiert. Glauben heißt: sich Christus aneignen, sich Ihm ganz hingeben. Natürlich hat Sünde – trotz der Gnade – immer noch Auswirkungen auf unser alltägliches Leben: Der Geschiedene ist nach wie vor geschieden, der Süchtige kämpft weiterhin mit seiner Abhängigkeit. Aber genau diese spezifischen Lebensumstände definieren ihn nicht, denn er ist auf dem Weg, gemeinsam mit Jesus ein neues Leben zu gestalten.
Deswegen können wir sagen, persönlich Formuliert, dass deine Identität bestimmt nicht mehr deine Geschichte, sondern das, was Christus über dich sagt, wer du bist: Du bist vor Gott Augen kein Geschiedener – du bist sein Kind . Du bist kein Süchtiger – du bist sein Kind . Du bist kein Versager, weil du wieder und wieder gefallen bist – du bist sein Kind .
Du musst dir keine Sorgen machen, ob Gott dich verlässt oder vergisst. Er hat dich gerettet, dir eine neue Identität gegeben – einfach, weil Er dich liebt und eine Beziehung mit dir haben wollte. Nicht, weil du alles richtig gemacht hast.
Es nimmt uns die Last des Vergleichens
Es nimmt uns die Last des Vergleichens
Zu verstehen, dass die Gnade unsere Identität in Christus formt, ist entscheidend für unser Leben. Nicht nur, weil sie uns festigt. Nicht nur, weil sie unsere Vergangenheit löscht. Nicht nur, weil sie uns zeigt, dass alles, was wir sind, in Christus gegründet ist.
Sondern auch, weil sie uns von einem riesigen Betonblock befreit – einem Block mit vielen Namen: Schuld. Scham. Unzufriedenheit. Frustration. Angst... All diese Dinge treiben uns zu einem Verhalten, das wir bei anderen am meisten hassen: Sich vergleichen.[VV1]
Viele Christen verstehen den ersten Punkt – sie schauen auf ihr Elend, finden Trost, Ermutigung, Motivation… Aber lasst mich euch eine wichtige Frage stellen:
Was passiert, wenn unsere Identität uns stolz macht?
Lasst mich das mit einer persönlichen Geschichte erklären.
Ich bin in einer mennonitischen Kolonie aufgewachsen. Ich komme aus einer Mischfamilie – mein Vater war der „Latino“, meine Mutter die „Mennonitin“.
Beide hatten eine schwierige Vergangenheit. Beide waren schon einmal verheiratet. Meine Mutter wurde aus der Gemeinde ausgeschlossen. Mein Vater… war emotional genauso zerbrochen. Meine ganze Kindheit über hörte ich den gleichen Satz: „Pass auf mit Victor – er kommt aus einer anderen Familie.“
Meine Eltern sagten mir immer: „Wir müssen zeigen, dass wir normale, würdige, respektvolle Menschen sind.“
Mit 15 habe ich mich bekehrt. Ich wusste: Ich bin eine neue Schöpfung. Aber gleichzeitig wurde mir klar: Ich passe nicht wirklich dazu. Meine familiäre Geschichte hing wie ein Schatten über mir. Meine neue Identität war real – aber so waren auch die ständigen Vergleiche mit meinem „Vorher“. Die Botschaft war klar: Gott hat mich aus Gnade gerettet, aber ich musste etwas tun, um zu beweisen, dass das wirklich wahr ist.
Und genau das ist eine der größten Gefahren in vielen Gemeinden. Immer wieder vermitteln wir genau diese Botschaft – vielleicht nicht mit Worten, aber mit unserem Verhalten:
„Du darfst dazugehören… aber erst musst du dich beweisen.“
Menschen, die Wurzeln schlagen wollen in der Gemeinde, tragen auf einmal Lasten, die Christus selbst nie auferlegt hat. Wir vermitteln ungewollt (und manchmal vielleicht auch gewollt), dass man erst durch bestimmte Leistungen eine gewisse Nähe zu Gott haben kann. Wir wirken, als wären wir schon im perfekten Zustand:
„Ich bin Kind Gottes – und ich diene im Lobpreis.“
„Ich bin Kind Gottes – und ich predige.“
„Ich bin Kind Gottes – und ich teile Gottes Wort.“
„Ich bin Kind Gottes – und benehme mich vorbildlich… Und du? Was machst du als Kind Gottes?“
„Du kämpfst immer noch mit diesem Problem – und sagst, du bist ein Kind Gottes?“ „Deine Familie steckt in einer Krise – und du willst zu Gott gehören? Wie kann das sein?“
Aber, liebe Geschwister…Der Herr flüstert uns sanft zu in Epheser 2,9:
„Er gibt es unabhängig von irgendwelchen Taten, damit niemand darauf stolz sein kann.“
Warum nicht aus Werken?
Damit niemand sich für besser hält als der andere. Damit niemand denkt, er hätte sich den Himmel mehr verdient. Damit wir nicht unser eigenes geistliches Level als Maßstab für andere setzen. Damit wir nicht zu Richtern der anderen werden. Damit unser Ego nicht aufgebläht wird.
Denn genau in dem Moment, in dem ich glaube, „Ich bin mehr Kind Gottes, weil ich mehr tue“, habe ich die Gnade missverstanden.
Und deswegen ist es lebenswichtig, dass wir uns an diesem Punkt ehrlich fragen:
Warum bemühe ich mich eigentlich, Gott zu gefallen? Was ist meine Motivation?
Wenn wir Gutes tun, nur um zu zeigen, wie gut wir selbst sind, dann tun wir es letztlich nicht für Gott – sondern für unser eigenes Ego, was ja in der Kategorie der Sünde kommt.
Es führt uns dazu, Christus zu leben
Es führt uns dazu, Christus zu leben
Aber wenn unsere Werke keinen Wert haben – warum sagt Paulus dann in Epheser 2,10:
„Denn wir sind Gottes Schöpfung. In Christus Jesus neu geschaffen, um gute Werke zu tun, die Gott für uns vorbereitet hat – damit wir unser Leben entsprechend führen“?
Die Antwort ist: Unsere Werke sind nur dann wirklich gut, wenn sie aus der richtigen Motivation kommen. Sie sind nur dann „gut“, wenn ihr einziges Ziel ist, Gott zu ehren.
Denn sobald ich etwas tue, um andere zu beeindrucken, laufe ich in die Falle zu glauben, dass mein Wert in dem liegt, was ich tue, anstatt in dem, wer ich bin.
Es wäre so, als würde ein Kind glauben, es sei nur dann wertvoll, wenn es sich gut benimmt und gute Noten mit nach Hause bringt – statt einfach nur, weil es das Kind ist.
Aber was Gott will, ist etwas ganz anderes: Er möchte, dass du dein Leben veränderst aus Liebe – nicht aus Angst. Dass du wächst, nicht weil du einen Strafzettel vermeiden willst, sondern weil du weißt: Deine Beziehung zu Gott ist das Wichtigste überhaupt.
Deine Veränderung soll aus Dankbarkeit kommen, nicht aus Angst.
Zu verstehen, dass du durch Gnade gerettet bist und dass du durch diese gleiche Gnade stehst, sollte dich nicht zur Leistung antreiben – sondern dazu, Christus zu leben.
Nicht nur ihn zu imitieren, sondern ein echtes Abbild seiner Liebe, seiner Gnade, seiner Wahrheit zu sein.
Es sollte dich antreiben, mehr zu lieben. Mehr zu umarmen. Mehr zu vergeben. Mehr zu verstehen. Es sollte dich dazu bringen, Hoffnung zu schenken. Es sollte dich motivieren, diese unverdiente Gnade weiterzugeben, die du selbst empfangen hast.
Ich lade dich ein, mit mir zu träumen:
Von einem Ort, wo die Zerbrochenen ein Ort der Liebe finden. Wo die Verletzten Kraft schöpfen. Wo die Traurigen gehört werden. Wo die zerstrittenen, Versöhnung finden. Und wo Christus heilt, nicht wir. Ein Ort, wo am Ende Jesus den Applaus bekommt – nicht wir. Wo der Verirrte wieder Christus begegnet.
Liebe Geschwister, wenn es etwas gibt, das Jesus der Welt unbedingt zeigen wollte,
dann ist es das: Wir alle sind gebrochen – und wir alle brauchen ihn.
Weder du noch ich sind etwas Besonderes. Uns hat die gleiche Gnade erreicht, die auch den größten Sünder erreicht hat.
Und wisst ihr, was passiert, wenn wir diese Wahrheit wirklich verstehen?
Dann reden wir mit den Menschen mit Liebe, mit Feingefühl, mit Mitgefühl. Weil wir nie vergessen, woher der Herr uns geholt hat. Weil wir echt leben können, ohne den Druck, perfekt oder übergeistlich wirken zu müssen.
Dann sind wir Gemeinde, genauso, wie Paulus sie in Epheser 4 bis 6 beschreibt.
Schluss
Schluss
Erinnert ihr euch noch an die Geschichte vom hässlichen Entlein?
Ich möchte sie jetzt zu Ende erzählen.
Eines Tages, enttäuscht darüber, nirgendwo dazuzugehören, lief das Entlein allein in den Wald. Dort entdeckte es einen großen See mit wunderschönen Vögeln – es waren Schwäne. Als sie das Entlein sahen, liefen sie ihm entgegen und begrüßten es wie einen Ehrengast.
Verwirrt über diese Reaktion, schaute das Entlein in das Spiegelbild im Wasser – und war erschüttert: Es war selbst ein Schwan.
Einen Großteil seines Lebens hatte es nicht verstanden, wer es wirklich war.
Und genauso geht es vielen von uns.
Wir haben die Tiefe der Gnade nie wirklich begriffen und leben unser Leben weiter wie hässliche Entlein – obwohl wir in Wirklichkeit, seit dem Moment unserer Begegnung mit Christus, Schwäne sind.
Liebe Geschwister, wir müssen nichts tun, um Gott zu beeindrucken. Und schon gar nicht, um Menschen in der Gemeinde zu beeindrucken.
Alles, was wir sind, ist Gnade.
Deine Vergangenheit definiert dich nicht. Deine täglichen Kämpfe definieren dich nicht. Sie beeinflussen vielleicht, wie du deine Beziehung zu Gott oder zu anderen Menschen erlebst – aber sie nehmen dir niemals deine Identität.
Du bist und bleibst ein Kind Gottes.
Lasst uns beten.
