Das wahre Brot zum Leben finden
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Das wahre Brot zum Leben finden
Das wahre Brot zum Leben finden
Stell dir eine Stadt am frühen Morgen vor. Es ist noch dämmrig, die Straßenlaternen brennen, die Stadt erwacht langsam. Auf dem Gehweg eilen Menschen mit ihrem Coffee-to-go in der Hand, das Handy schon am Ohr oder vor dem Gesicht. Und dann dieser Duft. Ich liebe diesen Moment: Der Duft von frisch gebackenem Brot zieht durch die Straße. Du weißt sofort, da hinten in der Seitenstraße ist die kleine Bäckerei. Ein paar Menschen stehen schon an. Manche sehen noch verschlafen aus, andere schon gestresst. Sie wollen einfach eins: Brot für heute. Ein Brötchen, ein Croissant, ein Brot für die Familie.
Ich bleibe manchmal stehen und denke mir: Eigentlich läuft unser Leben genauso. Wir stehen jeden Tag in irgendeiner Schlange für etwas, von dem wir hoffen, dass es uns satt macht: der erste Kaffee am Morgen, die Anerkennung vom Chef, das neue Smartphone, ein Like auf Social Media oder einfach die Ruhe auf dem Sofa am Abend. Wir haben Hunger. Nicht nur im Bauch – auch im Herzen. Und manchmal ist dieser Hunger lauter, als wir zugeben wollen.
Jesus begegnet Menschen, die diesen Hunger sehr gut kennen.
Sie sind ihm nachgelaufen, weil sie etwas von ihm wollen.
Sie haben Brot bekommen – 5000 Menschen satt geworden.
Aber sie merken: Ihr Herz ist immer noch leer.
Und genau da setzt unser Predigttext an.
2. Lesung von Johannes 6,30–35 (LUT 2017)
30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was wirkst du?
31 Unsre Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie geschrieben steht: »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«
32 Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn das Brot Gottes ist das, das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt.
34 Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.
35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.
Da stehen also die Leute um Jesus herum, die noch vor ein paar Stunden ein unglaubliches Wunder erlebt haben. Fünftausend Männer, dazu Frauen und Kinder, alle satt – und das mit fünf Broten und zwei Fischen! Und was sagen sie jetzt?
„Zeig uns ein Zeichen, damit wir dir glauben!“
Sie stehen vor Jesus und sagen: „Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was wirkst du?“ Sie verweisen auf ihre Väter in der Wüste, auf das Manna. „Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen. So steht es geschrieben: ‚Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.‘“
Ich weiß nicht, ob du das kennst: Du bekommst eine Gebetserhörung, du erlebst etwas Gutes, und ein paar Tage später denkst du wieder: „Gott, ich brauche ein neues Zeichen. Ich brauche Nachschub.“
Das Manna – Brot vom Himmel in der Wüste. Jeden Morgen lag es frisch vor den Zelten. Süßlich, nahrhaft, ein Geschenk Gottes. Und doch: Am nächsten Tag hatten sie wieder Hunger. Manna war keine Dauerlösung.
Und genau so geht es uns heute. Wir haben viele Dinge, die uns kurzfristig satt machen – das schnelle Brot unserer Zeit. Ein Lob im Job, die neue Serie auf Netflix, ein spannender Urlaub, ein tolles Abendessen. Alles schön, alles gut, aber alles vergeht. Der Hunger kommt zurück. Es ist wie bei einem Coffee-to-go: Kurz warm in der Hand, schnell getrunken, und nach einer Stunde ist alles wieder wie vorher.
Darum stellt Jesus die entscheidende Frage, die auch uns gilt: Wovon ernährst du deine Seele?
Jesus antwortet den Menschen damals: „Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.“ Damit verschiebt er ihren Blick. Sie schauen zurück auf Mose, auf die großen Geschichten der Vergangenheit. Aber Jesus sagt: Schau nach oben. Schau auf Gott. Schau ins Jetzt. Gott ist kein Lieferant von historischen Wundern. Er ist ein Gott des Heute. Er gibt nicht nur einmal ein Manna, das morgen wieder verdorben ist. Er gibt wahres, echtes, bleibendes Brot.
Johannes verwendet hier ein starkes Wort: „alēthinos“ – wahr, echt, unverfälscht. Es ist nicht das schnelle Brötchen vom Bäcker, das nach drei Stunden hart wird. Es ist das Brot, das wirklich satt macht und Leben schenkt. Jesus führt die Menschen weg vom Überleben hin zum Leben. Nicht nur satt bis zum Feierabend, sondern erfüllt. Nicht nur eine Mahlzeit für den Bauch, sondern eine Nahrung für Herz und Seele. Ich würde es in unserer heutigen Sprache so sagen: Gott lädt dich nicht nur ein zum Coffee-to-go, sondern an seinen Tisch. Nicht für einen schnellen Happen zwischendurch, sondern um zu bleiben, um anzukommen, um satt zu werden.
Die Menschen reagieren damals ähnlich wie die Frau am Jakobsbrunnen ein paar Kapitel vorher. Sie sagen: „Herr, gib uns allezeit solches Brot.“ Sie spüren: Das, was wir bisher hatten, reicht nicht. Sie wollen mehr, aber sie verstehen noch nicht, was Jesus meint. Sie denken immer noch an einen Vorrat an Wundern, an Brot, das nie ausgeht. Und dann spricht Jesus den Satz, der alles verändert: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“
Hier erreicht der Text seinen Höhepunkt. Jesus sagt nicht: „Ich bringe euch Brot.“ Er sagt: „Ich bin das Brot.“ Das, was dich satt macht, ist keine Sache, kein Ding, kein Erfolg. Es ist eine Person. Es bin ich. In diesem „Ich bin“ klingt die ganze Geschichte Gottes mit Israel mit. Es erinnert an das Wort Gottes im Dornbusch zu Mose: „Ich bin, der ich bin.“ Jesus nimmt diesen Namen auf seine Lippen. Wer ihn aufnimmt, wer ihm vertraut, wer sich von ihm nähren lässt, der erfährt: Mein Lebenshunger findet hier seine Erfüllung.
Wir alle kennen diesen Hunger. Hunger nach Sinn. Hunger nach Liebe. Hunger nach Hoffnung. Hunger nach echtem Leben. Manches davon stillen wir uns kurzzeitig. Aber tief drinnen bleibt ein Loch, das kein Mensch und keine Sache füllen kann. Und Jesus sagt: Ich will dein Hungerstillen sein. Nicht nur für einen Moment, sondern für dein Leben.
Genau darum feiern wir Abendmahl. Brot und Wein sind sichtbare Worte. Sie sagen dir: Du bist eingeladen, mit deinem Hunger. Du musst hier nichts leisten. Du darfst kommen, so wie du bist. Du darfst nehmen und schmecken: Christus für dich gegeben. Wenn wir das Brot brechen und teilen, wenn wir es in den Mund nehmen, dann hören wir Jesu Versprechen: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht hungern.“
Vielleicht gehst du heute nach dem Gottesdienst durch die Straßen deiner Stadt. Vielleicht riechst du irgendwo wieder den Duft einer Bäckerei. Dein Bauch wird satt vom Brot dieser Welt. Dein Herz wird satt vom Brot des Lebens. Und Jesus sagt heute zu dir: Komm zu mir. Lass dich von mir satt machen. Nimm das wahre Brot. Es wird dich tragen – heute und in Ewigkeit.
Amen.
