Frei von Angst
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Frei von Angst
Psalm 27 | Reihe: Frei werden | Nummer der Reihe 2 | 28.
September 2025 | EFG Wiesbaden | Christopher Nork
Lesung von Psalm 27 vor der Predigt
1. Einstieg – Humorvolle Geschichte
1. Einstieg – Humorvolle Geschichte
Ich erinnere mich noch an ein Zeltlager, da war ich ungefähr 14 Jahre alt.
Und wie das so ist: Vorher hatte ich natürlich die große Klappe.
Ich hatte immer einen Spruch auf Lager.
Und die waren – wie soll ich sagen – meist sehr frech.
Dann an einen der Tage: Wir sollten eine Nachtwanderung machen.
An einer Stelle blieben wir dann stehen.
Von nun an sollte jeder ein Stück des Weges allein gehen.
Mein Mundwerk war immernoch ziemlich vorlaut.
Aber dann kam der Haken: Jeder bekam ein Zeichen auf die Stirn gemalt.
Und ich bekam einen V.
Das hieß: vogelfrei.
Mit anderen Worten: die Mitarbeiter durften mich erschrecken, wann immer sie wollten und wie heftig sie wollten.
– Super.
Also ging ich die Wegstrecke, allein im Wald, stockdunkel.
Ich wusste: Irgendwo lauern sie.
Aber ich wusste nicht, wo.
Ich wusste: Irgendwas passiert gleich.
Aber ich wusste nicht, was.
Und plötzlich war meine große Klappe ganz schön klein geworden.
Die Mitarbeiter hatten sich einiges ausgedacht: Da stand zum Beispiel mitten auf dem Boden ein blinkendes Warnlicht.
Ich war überzeugt: Gleich springt jemand heraus! Aber nichts passierte – es war nur eine Finte.
Ein paar Meter weiter: im Gebüsch eine Schaufensterpuppe aufgestellt.
Im Halbdunkel sah es aus, als würde da jemand stehen und mich beobachten.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals – und wieder war es nur ein Trick.
Und während ich so Schritt für Schritt weiterging, redete ich laut vor mich hin und fing an zu pfeifen.
So versuchte ich, irgendwie die Stille und meine Nervosität zuübertönen.
Bis zum Ende der Strecke wurde ich dann mehrfach erschreckt.
Mir wurde irgendetwas klebriges auf den Kopf gegossen und ich wurde gefedert.
Das war meine Lektion in Angst.
Angst, die einen packt, wenn es dunkel ist, wenn man weiß: Da könnte gleich etwas passieren – aber man weiß nicht wann und wie.
Man redet sich Mut zu, man pfeift im Dunkeln, aber innerlich bleibt das Herz unruhig.
Es schlägt so heftig, dass der ganze Körper pocht.
Übergang zum Thema
Übergang zum Thema
Und genau das kennen wir doch alle.
Manchmal reicht schon die Ahnung: Da könnte etwas sein, was mir Angst macht – und die Angst ist schon da.
Auch wenn noch gar nichts passiert ist.
Wir versuchen stark zu wirken, reden uns zu, aber im Inneren klopft das Herz.
Wir kommen nicht zur Ruhe.
Der Schlaf ist unruhig.
Die Gedanken kreisen sich immer wieder um die Sorgen und Ängste.
Wir sind nicht mehr aufnahmefähig.
Können uns nur schwer konzentrieren.
Entscheidungen zu treffen, fällt uns schwer.
Die Angst lehmt uns.
Und genau da setzt Psalm 27 an.
Er kennt diese Spannung – zwischen Zuversicht und Angst.
Und er zeigt uns einen Weg, wie wir frei werden können: nicht indem die Angst verschwindet, sondern indem wir sie Gott hinhalten und ihm vertrauen.
2. Vom Pfeifen im Dunkeln zu Psalm 27
2. Vom Pfeifen im Dunkeln zu Psalm 27
Angst – das ist kein Randthema unseres Lebens.
Jeder von uns kennt sie.
Vielleicht fällt dir sofort eine Situation ein, in der sie dich gepackt hat.
Für die einen sind es Prüfungen.
Weißt du noch, wie das war? Man sitzt da, Herzklopfen bis zum Hals, der Kopf eigentlich voll – und gleichzeitig leer.
Man starrt auf die erste Aufgabe und denkt: ‚Das hab ich doch noch gelernt – aber wo ist das Wissen jetzt hin?‘ Und plötzlich kann man sich nicht mal mehr an den eigenen Namen erinnern… na so schlimm vielleicht auch nicht.
Und wer schon länger aus der Schule raus ist, der erinnert sich vielleicht an das erste Vorstellungsgespräch.
Man will souverän wirken, freundlich lächeln, Hände nicht zu feucht – und während man innerlich noch denkt: ‚Nicht zu schnell reden, nicht zu schnell reden‘ – redet man natürlich viel zu schnell.
Und hinterher denkt man sich: ‚Ich habe nur wirres Zeug geredet?‘
Genau das ist Angst.
Sie macht uns nervös, sie wirbelt alles durcheinander.
Manchmal haben wir es mit große Ängsten zu tun: die Angst vor Krankheit, die Angst, den Job zu verlieren, die Angst um die Zukunft unserer Kinder.
Manchmal sind es leise Ängste: die Angst, nicht dazuzugehören, die Angst, abgelehnt zu werden, die Angst, nicht zu genügen.
Und manchmal sind es die tiefsten Ängste: die Angst, ganz allein zu sein.
Oder sogar die Angst, dass Gott vielleicht schweigt.
Genau diese Spannbreite greift Psalm 27 auf.
Gleich am Anfang dieses Gebets steht ein ganz starkes Bekenntnis:
‚Der HERR ist mein Licht und mein Heil – vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft – vor wem sollte mir grauen?‘ (V1)
Das klingt erstmal nach einem Menschen, der vor gar nichts Angst hat.
Ein Glaubensheld, unerschütterlich, voller Zuversicht.
Aber: Wenn man den ganzen Psalm liest, merkt man – so einfach ist es nicht.
Denn nach diesen kraftvollen Worten kommt plötzlich die Klage.
König David, der Beter des Psalms, schreit zu Gott: ‚Verbirg dein Angesicht nicht vor mir! Verstoße mich nicht! Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen – der HERR nimmt mich auf.‘ (nach V9 und 10)
Das ist ehrlich.
Das ist nicht der Glaube eines Menschen, der nie Angst hat.
Sondern der Glaube eines Menschen, der mitten in der Angst festhält: ‚Trotz allem will ich mich an Gott klammern.‘
Und genau da liegt die Kraft dieses Psalms von David: Er nimmt die Angst ernst – aber er zeigt einen Weg, wie wir mit ihr umgehen können.
3. Drei Gesichter der Angst
3. Drei Gesichter der Angst
In seinem Psalm beschreibt David drei Gesichter der Angst – und vielleicht finden wir uns in dem einen oder anderen wieder.
1. Existenzielle Angst – die Angst um die Zukunft
1. Existenzielle Angst – die Angst um die Zukunft
Als erstes beschreibt er die existenzielle Angst, dass er nicht weiß wie seine Zukunft aussieht.
‚Wenn sich auch ein Heer wider mich lagert, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht.‘ (V.3)
Der Beter weiß: Bedrohungen gibt es.
Kriege, Feinde, eine ungewisse Zukunft.
Und doch bekennt er: ‚Der HERR ist mein Licht und mein Heil.‘
Das ist keine Verdrängung der Umstände, sondern eine bewusste Entscheidung: Ich lasse meinen Blick nicht nur auf der Angst ruhen, sondern auf Gottes Gegenwart.
Und ganz ehrlich: Existenzielle Angst – das kenne ich auch aus meinem eigenen Leben.
Als Student war das Geld oft knapp.
Manchmal war es einfach weg, aber der Monat war noch nicht vorbei.
Dann hieß es: irgendwie durchhalten, bloß nichts ausgeben müssen.
Es gab Wochen, da war ein normaler Einkauf im Supermarkt nicht mehr drin.
Da bin ich zur Tafel gegangen.
Das war für mich nicht immer leicht.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie nah die Sorge sitzt, wenn man nicht weiß: ‚Reicht das noch? Komm ich da irgendwie durch?‘
Eine viel krassere Erfahrung hat König David gemacht.
Menschen trachteten nach seinem Leben.
Er wusste, dass ganze Heere gegen ihn aufstehen konnten.
Es ging nicht um ein paar Tage durchhalten bis zum nächsten Geld, sondern darum, ob er die Nacht überhaupt überleben würde.
Die Angst stand mit gezogenem Schwert vor seiner Tür.
Und genau da hinein spricht er: ‚Der HERR ist mein Licht und mein Heil – vor wem sollte ich mich fürchten?‘ Das ist kein billiger Mutmachersatz.
Das ist ein ganz bewusstes Bekenntnis mitten in der Bedrohung.
Er sagt: ‚Ich lege das Gott hin.‘
Und das ist auch unser Weg: Angst nicht kleinreden, sondern sie bewusst in Gottes Hand geben.
Ihm zutrauen: Du bist da – auch wenn ich nicht weiß, wie ich da durchkomme.“
2. Relationale Angst – die Angst, verlassen zu werden
2. Relationale Angst – die Angst, verlassen zu werden
Als zweites beschreibt David eine weitere Angst – die relationale Angst.
‚Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, so nimmt mich doch der HERR auf.‘ (V.10)
Diese Angst begegnet mir immer wieder – nicht nur in meinem eigenen Leben, sondern wenn ich Menschen beobachte.
Paare, die einmal voller Liebe waren, aber dann auseinandergehen.
Familien, die irgendwann nicht mehr miteinander reden, weil etwas vorgefallen ist.
Freunde, die sich gestritten haben und nie wieder zueinander gefunden haben, weil Bitterkeit das Herz verhärtet hat.
Und manchmal gab es sogar gute Gründe dafür: da wurden böse Worte gesprochen, manchmal sogar sehr böse Taten getan.
Dinge, die man nicht einfach übergehen konnte.
Da musste etwas beendet werden, weil es nicht mehr gesund war.
Aber egal wie: Es bleibt immer ein Schmerz zurück.
Das Gefühl, allein dazustehen.
Verlassen zu sein von den Menschen, von denen man dachte: ‚Die bleiben.
Auf die kann ich bauen.‘
David hat solche einen Verlust erlebt.
In poetischer Form beschreibt er es so: Selbst wenn Vater und Mutter mich verlassen würden – Gott bleibt.
Er hält mich.
Seine Treue zerbricht nicht, wenn menschliche Beziehungen zerbrechen.
Das soll uns nicht auf billige Weise verfolgten.
Es soll ein tiefer Trost sein: Gott sagt nicht, dass es leicht ist.
Aber er sagt: ‚Du bist nicht allein.
Ich nehme dich auf.‘
3. Spirituelle Angst – die Angst, dass Gott fern ist
3. Spirituelle Angst – die Angst, dass Gott fern ist
Kommen wir zur letzten Angst die David in seinem Psalm beschreibt.
Im Vers 9 heißt es:
‚Verbirg dein Angesicht nicht vor mir, weise deinen Knecht nicht ab im Zorn.‘ (V.9)
Vielleicht kennst du das: Du bist unterwegs, willst jemanden anrufen – und genau dann hast du kein Netz.
Funkloch.
Du redest ins Handy, sagst deinen ganzen Satz, vielleicht sogar mehrere Sätze – und irgendwann merkst du: Da war ja gar keine Verbindung.
Alles, was ich gesagt habe, ist im Nirgendwo verpufft.
Genau so fühlt sich manchmal Beten an.
Du sprichst, du bittest, du klagst – und du hast das Gefühl, die Worte gehen nur bis zur Zimmerdecke.
Keine Antwort.
Keine Resonanz.
Funkloch zwischen mir und Gott.
Und das ist schmerzhaft.
Weil Beten ja eigentlich das Gespräch ist, in dem ich mich am meisten verbunden fühle.
Und dann ist da Stille.
Viele von uns kennen die Geschichten von David und was er alles mit Gott erlebt hatte.
Aber auch er kannte die andere Seite.
Das Gefühl, dass Gott ganz weit weg scheint.
Darum schreit er: ‚Verbirg dein Angesicht nicht vor mir!‘
Das ist sein Hilfeschrei mitten aus dem Funkloch.
Und das Tröstliche ist: Schon dieser Schrei ist wieder Glaube.
Weil er nicht von Gott weggeht, sondern gerade im Schweigen zu ihm hin.
Und genau da wird das Funkloch durchbrochen – nicht weil sofort eine perfekte Verbindung da ist, sondern weil Gott schon hört, bevor wir es spüren.
Darf leugnet seine Angst nicht, noch redet er sie klein.
Aber sie wird verwandelt – indem sie vor Gott ausgesprochen und in sein Licht gestellt wird.
Und das macht frei: nicht frei von Angst an sich, sondern frei, die Angst nicht mehr das letzte Wort haben zu lassen.
4. Mutige Hoffnung (V.13–14)
4. Mutige Hoffnung (V.13–14)
Nach all dem Ringen, nach all der Klage endet Psalm 27 nicht in der Angst, sondern in einer mutigen Hoffnung.
David betet am Ende:
‚Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des HERRN im Land der Lebendigen.
Harre auf den HERRN! Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!‘ (V13-14)
David ist nicht naiv und behauptet: ‚Alles wird gut, schon morgen ist die Angst verschwunden.‘ Nein – er sagt: ‚Ich glaube dennoch.‘ Trotz der offenen Fragen, trotz der Bedrohung, trotz des Herzklopfens in der Dunkelheit – ich entscheide mich, Gott zu vertrauen.
‚Harre auf den HERRN‘ – das klingt zunächst nach Warten.
Aber im Hebräischen steckt da viel mehr drin: Es bedeutet nicht passives Ausharren, sondern eine aktive Haltung des Hoffens, ein mutiges Festhalten an Gott, auch wenn die Angst noch nicht verschwunden ist.
Hoffnung ist nicht das Gefühl, dass alles leicht wird.
Hoffnung ist die Entscheidung, mich an Gott festzuklammern, auch wenn die Umstände unsicher sind.
Hoffnung ist der Mut, weiterzugehen, auch wenn der Weg dunkel ist.
Und genau hier liegt die Freiheit von Angst: Nicht darin, dass wir nie mehr Angst empfinden.
Sondern darin, dass die Angst nicht das letzte Wort hat.
Das letzte Wort hat Gott – sein Licht, seine Nähe, seine Treue.
Darum bleibt am Ende dieser Aufruf, der auch an uns heute geht:
‚Harre auf den HERRN! Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!‘
Segen
Der HERR ist dein Licht und dein Heil.
Er gehe dir voran, wenn dir die Zukunft Angst macht.
Er halte dich fest, wenn Beziehungen zerbrechen.
Er höre dich, wenn dein Gebet im Funkloch zu verschwinden scheint.
Der HERR sei deine Kraft, wenn dein Herz zittert.
Er erfülle dich mit Mut und mit Hoffnung.
Und er lasse dich sehen seine Güte
im Land der Lebendigen.
So segne dich der allmächtige und barmherzige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.
