Andacht zum aaronitischen Segen
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Der Herr segne dich
Der Herr segne dich
Manche Bibeltexte können wir im Schlaf aufsagen. Wir haben sie schon sooo oft gehört und gelesen und vielleicht auch schon anderen zugesagt. Und doch frage ich mich, ob wir sie wirklich verstehen und es kann sehr spannend sein, sich einmal etwas näher mit ihnen zu befassen. Ein solcher Text ist der sogenannte “aaronitische Segen”. Er steht in Num. 6,24-26. Der Text wird eingeleitete mit den Worten:
“Rede zu Aaron und zu seinen Söhnen: So sollt ihr die Kinder Israel segnen, indem ihr zu ihnen sprecht.” Aaron und seine Söhne, die als Priester in Israel auserwählt worden waren, bekommen also diesen Auftrag. Und weil wir im NT als ganze Gemeinde diese “königliche Priesterschaft” sind, ist es durchaus berechtigt, dass auch wir uns diese Segensworte zueigen machen. Und es ist auch genauso wichtig, dass wir wirklich verstehen, was wir da sagen. Heute Morgen möchten wir Euch mit diesem Segen Gottes entlassen und zurück in eure Lebens- und Aufgabenbereiche schicken. Und so dachte ich mir, dass ich ein paar Worte dazu verliere, was wir da eigentlich sagen. Und weil ich nicht so viel Zeit habe, habe ich nicht drei Punkte, sondern vier und dann noch einen kurzen, abschließenden fünften Punkt. :-)
1. Gottes Segen - was ist das eigentlich?
1. Gottes Segen - was ist das eigentlich?
“Jahwe segne dich”, so beginnt dieser Segensspruch. Gottes Segen - das wünschen wir uns ja häufig, z.B. bei Geburtstagen, Hochzeiten oder anderen Anlässen. Und an Gottes Segen ist ja schließlich auch alles gelegen, oder? Aber was meint das Wort “Segen” eigentlich?
Es ist ja interessant, dass sowohl in der hebräischen Sprache des AT als auch in der griechischen Sprache des NT das Wort für “Segen” in der deutschen Sprache zwei sehr unterschiedliche Übersetzungen hat: “Segen” und “Lob/Dank”. Ist es ein Höherer (gewöhnlich Gott), von dem dieses Tun ausgeht, dann sprechen wir vom “Segen”. Ist es umgekehrt, (also gewöhnlich vom Menschen zu Gott), dann übersetzen wir “loben”. In der englischen Sprache gibt es ein Wort, das diese Doppeldeutigkeit aufgreift: “Blessing”. Wenn wir sagen: “God may bless you”, meinen wir “Segen”. Sagen wir “Bless the Lord, oh my soul”, meinen wir “loben”.
Was haben diese beiden Worte eigentlich gemeinsam, so dass sie in der Bibel und auch in manchen modernen Sprachen mit einem einzigen Wort beschrieben werden können? In beiden Fällen geht es um positive Worte, die über oder zu jemand gesprochen werden. Im Griechischen wird das sehr gut durch das Wort “eulogeo” ausgedrückt, was ja wörtlich übersetzt bedeutet “Gutes reden”. Aber auch das hebräische Wort hat diese Grundbedeutung.
Nun gibt es natürlich einen grundlegenden Unterschied zwischen den guten Worten, die ich als Mensch spreche, und den guten Worten, die Gott über mich spricht. Meine Worte können allenfalls ein wohlgemeinter Wunsch sein. Wenn ich z.B. jemand “segne”, dann wünsche ich ihm das Beste von Gott.
Wenn Gott aber gute Worte über jemand ausspricht, dann hat das eine ganz andere Bedeutung. Denn Gottes Worte sind mehr als ein frommer Wunsch. Wenn Gott spricht, dann geschieht das, was er sagt (Schöpfung). Wenn Gott also segnet, dann hat dieser Segen eine tiefe Bedeutung. Er wird sich erfüllen, denn Gott steht hinter ihm.
Das ist der Grund, warum die Leviten nicht sagen: “Wir segnen euch”, sondern “Jahwe segne euch”. Wir als Menschen sprechen diese Worte aus. Aber nur Gott selbst kann sie in die Tat umsetzen. Und Gott tut das, wenn dieser Segen seinem Willen entspricht.
Das ist übrigens sehr entlastend. Unser Auftrag ist es, zu segnen. Sogar diejenigen, die uns fluchen (Röm. 12,14). Und Gott wird entscheiden, ob und wie er diesen Segen, den wir den Menschen zugesprochen hat, Wirklichkeit werden lässt. Wie gut, dass wir das nicht prüfen und entscheiden müssen. Wir sollen segnen, weil wir dazu berufen sind, dass wir den Segen ererben. So lesen wir in 1. Petr. 3,9.
2. Gottes Bewahrung - was bedeutet das?
2. Gottes Bewahrung - was bedeutet das?
“… er behüte dich” - so wird der Segen fortgesetzt. Das hebräische Wort “schamar” bedeutet, auf jemand oder etwas zu achten, es nicht aus den Augen zu lassen. Häufig wird es benutzt um uns zu ermahnen, dass wir Gottes Wort halten sollen, oft in der Formulierung “hüte dich, dass du tust”.
Gemeint ist also, dass man unablässig und treu auf etwas achtet. In dieser Weise wird das Wort in der substantivierten Form als “Schomer” für den “Hüter” z.B. einer Stadt benutzt. Ein solcher Hüter hat nur eine Aufgabe: ohne Unterbrechung darauf zu achten, dass niemand in die Stadt kommt, der ihr irgendwie schaden könnte.
Ich finde das großartig: Jahwe selbst bewahrt und bewacht mich. Unabhlässig achtet er darauf, dass nichts und niemand mir begegnet, der oder das mir schaden könnte.
Was aber ist, wenn doch Dinge geschehen, die mir schaden. Wenn mir Krankheiten begegnen oder Menschen mich verletzen. Wenn ich Schulden mache, meinen Arbeitsplatz verliere oder Menschen, die ich liebe, krank werden oder sterben. Hat Gott dann nicht aufgepasst?
Für mich ist es ungeheuer tröstlich zu wissen, dass das nicht so ist. Wie sollte Gott, der uns so geliebt hat, dass er seinen eigenen Sohn für uns ans Kreuz gehen ließ - wie sollte dieser Gott uns in irgendeiner Situation unseres Lebens aus den Augen verlieren oder nicht auf uns achten? Wie sollte der Gott, der die Haare auf meinem Kopf zählt, von dem überrascht werden, was mir als Böses begegnet.
Und ja, diese bösen und schlimmen Dinge geschehen. Auch den Menschen, die Gott segnet und behütet. Und nein, ich kann das nicht erklären. Aber ich habe Gottes Liebe zu oft und zu grundlegend erfahren, als dass ich glauben würde, dass diese Liebe plötzlich aufhört oder in einer bestimmten Situation nicht mehr gelten würde, blos weil ich nicht verstehen oder erklären kann, was da geschieht und warum Gott es nicht verhindert. Und so bleibe ich dabei: der Hüter Israels schläft und schlummert nicht (Ps. 121,4). Und mein Hüter ebensowenig!
3. Gottes leuchtendes Angesicht - was hat das mit seiner Gnade zu tun?
3. Gottes leuchtendes Angesicht - was hat das mit seiner Gnade zu tun?
“Jahwe lasse sein Angsicht leuchten über dir und sei dir gnädig”. So lautet der nächste Vers dieses Segensspruches. Die Vorstellung eines leuchtenden Angesichtes Gottes und die Verbindung zu seiner Gnade ist etwas, was dem Menschen damals bekannt war. Wir finden ähnliche Formulierungen auch in mesopotamischen Inschriften und Dokumenten jener Zeit und ebenso in einem Brief aus Ugarit.
Für die Israeliten hatte das leuchtende Angesicht Gottes aber noch eine tiefere Bedeutung. Es erinnerte sie an die Zeit der Wüstenwanderung, wo Gottes Gegenwart durch die Feuersäule sichtbar wurde, die sie in der Nacht begleitete. Und auch Mose hatte dieses Feuer Gottes bei seiner Berufung gesehen, ebenso wie ganz Israel das beim Bundesschluss am Berg Sinai erlebt hatte.
Gottes leuchtendes Angesicht - das ist ein Bild sowohl seiner Heiligkeit als auch seiner Zuwendung zum Menschen. Deshalb lautet die zweite Vershälfte “und er sei dir gnädig”. Jahwe, der Gott der Bibel, ist ein Gott, der gnädig und barmherzig ist, langmütig und von großer Treue. Diese Formulierung finden wir an mehreren Stellen im AT. Sie ist das, was Jahwe in ganz besonderer Weise von den vielen Göttern und Gottheiten unterscheidet, an die die Menschen um Israel herum glaubten. Vor denen fürchtete man sich. Man musste ihnen dienen und durfte dann darauf hoffen, dass es vielleicht genügen würde. Dass man vielleicht nicht bestraft würde. Dass die Gottheit einem vielleicht helfen würde.
Wie gut, dass unser Gott so ganz anders ist. Er verhüllt sich nicht vor uns, sondern lässt sein Angesicht leuchten über uns. Damit gibt er uns Wegweisung und Orientierung. Und weil er zugleich gnädig und barmherzig ist, ist sein leuchtendes Angesicht das Beste, was uns passieren kann.
4. Gottes erhobenes Angesicht - was hat das mit seinem Frieden zu tun?
4. Gottes erhobenes Angesicht - was hat das mit seinem Frieden zu tun?
“Jahwe erhebe sein Angesicht auf dich und lege auf dich Frieden”. Mit diesen Worten endet der aaronitische Segen. Ich habe mich oft gefragt, warum diese doppelte Erwähnung des “Angesichtes” hier steht. Erst heißt es, dass Gott sein Angesicht leuchten lassen soll und uns gnädig sein soll. Und dann soll Gott sein Angesicht auf bzw. über uns erheben und Frieden auf uns legen.
Was ist mit diesem erhobenen Angesicht gemeint? Das “Angesicht Gottes” ist - wie wir in dem Kommentar von Keil/Delitzsch (alt aber gut ...) lesen - “die dem Menschen sich zuwendende Persönlichkeit Gottes.” Wir sprechen in ähnlicher Weise vom “sich zuwenden” oder “sich abwenden”. Und wir kennen auch die unausgesprochene Bedeutung des “wegschauens”, wenn man das Angesicht von jemand abwendet.
Gott wende sich dir zu - so könnte man das daher umschreiben. Und wenn Gott sich mir zuwendet, dann führt das dazu, dass er mir seinen Frieden gibt, seinen Schalom.
Ich liebe dieses hebräische Wort “Schalom”. Vermutlich hat jeder von euch während seiner Studienzeit einmal gehört, wie ich darüber etwas gesagt habe. Und falls nicht - hier eine kurze Zusammenfassung und eine Wiederholung für alle anderen :-):
Schalom ist viel mehr als das, was wir mit dem Wort “Friede” bezeichnen. Schalom ist viel umfassender. Es meint, dass alles perfekt ist. So, wie es sein sollte. Alles ist zurecht gerückt, alles, was fehlt, wurde ersetzt. Das Verb schalem kann daher im Piel (falls ihr es nicht mehr wisst, das ist ein Stamm in der Verbbildung) auch mit “ersetzen” oder “vergelten” übersetzt werden. Jeder Mangel ist ausgefüllt. Und jede Ungerechtigkeit wurde ausgeglichen. Das ist “Friede”.
Das Wort kann daher z.B. auch mit “Gesundheit” (wenn jede Krankheit besiegt ist), “Wohlstand” (wenn jede Armut vorbei ist) oder “Erfolg” (wenn alle Misserfolge vorüber sind) übersetzt werden. Das vermutlich beste deutsche Wort, das umfassend wiedergibt, was “Schalom” ist, ist das Wort “Heil”. Es bedeutet “Ganzheit” im umfassenden Sinn.
Denn da, wo Gott sich uns zuwendet, wo er sein Angesicht über uns erhebt, da greift er ein und wendet alles zum Guten. Das wird spätestens in der Ewigkeit der Fall sein. Manchmal tut Gott es schon hier, wenn auch nicht im umfassenden Sinne. Wir erleben Situationen des Friedens, des Heilwerdens und der Gesundheit. Aber immer fehlt noch so vieles an diesem Heil, dieser Ganzheit. Ich freue mich darauf, dass Gott seinen Schalom eines Tages über alle diese Mängel und Ungerechtigkeiten ausbreiten wird. Und dass wir schon hier - quasi als eine Art Vorschattung - immer wieder etwas von diesem Schalom erleben dürfen.
So, wie wir in V. 23 eine Einleitung in den aaronitischen Segen gefunden haben, gibt es nun in V. 27 auch einen Abschluss:
5. Unter Gottes Namen und seinem Segen leben
5. Unter Gottes Namen und seinem Segen leben
“So sollen sie meinen Namen auf die Kinder Israel legen und ich, ich will/werde sie segnen”.
Unter Gottes Namen leben - das bedeutet, als sein Eigentum zu leben. Ich führe mein Leben nicht mehr in meinem eigenen Namen. Ich führe es in dem Namen dessen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Unter seinem Segen.
In diesem Sinn wollen wir euch jetzt für euren Nachhauseweg und für alles, was Gott mit euch noch vorhabt und alles, was vor euch liegt, im Namen Gottes segnen.
