Es gibt noch viel Platz
Die Umkehr-Revolution: Weihnachten für Übersehene • Sermon • Submitted • Presented
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Das ersehnte Geschenk
Das ersehnte Geschenk
Wisst ihr, welcher Satz bei mir hängen geblieben ist? Am Schluss, als die Kinder diese eine Frage gestellt haben: „Da ist noch Platz.“
Das klingt nach so einem einfachen, beruhigenden Satz. Aber er hat mich sofort gestresst. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist doch unser Kopf vor Weihnachten alles andere als ein Ort, wo noch viel Platz wäre.
Ich weiß nicht, wie es bei euch gerade aussieht. Aber bei mir… da ist gerade Chaos. Der Kopf ist voll mit Terminen und Listen. Weihnachtsfeier hier und da. Weihnachtskonzert der Tochter dort. Besuche. Karten schreiben. Welche Geschenke fehlen noch? Was muss alles noch für das Weihnachtsessen besorgt werden? Wie kriege ich die ganze Familie ohne größere Dramen an einen Tisch? Da geht’s nicht um Platz, da geht’s um Logistik und Stress.
Das ist die Sache mit uns Menschen: Wir sind so sehr auf das Sichbare fixiert. Wir rennen durch die Kaufhäuser, jagen dem perfekten Geschenk hinterher. Suchen nach den richtigen Zutaten. Hetzen von Termin zu Termin. Dabei wissen wir doch tief drinnen, dass das, was wirklich zählt, nicht unterm Tannenbaum liegt; nicht im Essen steckt; oder ein Termin geben kann, was wir brauchen.
Wisst ihr, was bei den Umfragen seit Jahren das meistgewünschte „Geschenk“ ist? Klar, viele sagen Gutscheine oder Klamotten. Aber wenn man tiefer bohrt, dann sagen die meisten: Sie wollen einfach dazugehören. Sie wollen gesehen werden. Sie wollen spüren, dass ihr Platz im Leben nicht leer bleibt.
Wir nennen das vielleicht die Gewissheit, gebraucht zu werden oder das Gefühl von Zugehörigkeit. Und ich glaube, genau darum geht’s, wenn wir uns heute die Krippe anschauen.
Dieser Satz der Kinder – „Da ist noch Platz“ – ist deshalb so stark, weil wir alle das Gegenteil kennen: „Für mich ist hier kein Platz.“
Der berühmte Physiker Albert Einstein, der zu den bekanntesten Menschen seiner Zeit zählte, sagte einmal: „Es ist merkwürdig, so universell bekannt zu sein und trotzdem so einsam.“ Einsamkeit ist eben keine Frage des Bekanntheitsgrads oder des Erfolgs. Sie ist eine universelle, tiefe menschliche Erfahrung, die jeder mal weniger stark oder sehr intensiv durchmacht. Und dabei spielt das Alter keine Rolle.
Erinnert euch an die Kinderbeispiele gerade [aus dem Krippenspiel]: Da ist der Peter, der in der Pause gemobbt wird und sich wünscht, einfach unsichtbar zu sein. Oder Sabine, die immer so traurig ist. Sie sind zwar mitten unter uns, aber fühlen sich völlig abgetrennt.
Manche sprechen sogar von einer regelrechten Einsamkeits-Epidemie. Und das ist nichts Neues, das ist ein tief menschliches Problem. Dieses Gefühl, dass man zwar existiert, aber irgendwie nicht wirklich dazugehört.
Wir sehen diese Realität überall in unserer Gesellschaft. Vielleicht habt ihr die Kampagne „Meld dich mal wieder“ gesehen, die im Herbst zur Halbzeit des Länderspiels lief. Acht Minuten lang wurde das Thema Einsamkeit thematisiert. Die Bilder waren eindrücklich, weil sie gezeigt haben: Einsamkeit betrifft nicht nur die Älteren. Sie betrifft alle Altersgruppen, die nicht gesehen werden, die das Gefühl haben, nicht dazuzugehören, keinen Platz zu haben.
Das greift auch eine ältere Werbekampagne von Edeka auf, „Zeit heimzukommen”. Ein alter Vater sitzt allein, weil die Kinder zu beschäftigt sind. Und was macht er? Er inszeniert seinen eigenen Tod, damit die Familie endlich zusammenkommt. Das ist natürlich heftig, aber es zeigt, wie tief der Wunsch ist: Bitte, denkt an mich!
Das ist die universelle Frage, die uns alle umtreibt. Wir sind unterwegs, aber wir rufen immer wieder in die Welt: Habe ich einen festen Platz im großen Ganzen?
Die harte Absage
Die harte Absage
Schauen wir uns mal an, wie die Weihnachtsgeschichte beginnt. Wir lesen den Text von Lukas:
Maria brachte ihren ersten Sohn zur Welt. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe. Denn sie hatten in der Herberge keinen Platz gefunden.
Hört mal, das ist eine knallharte Absage.
Das Krippenspiel hat uns gerade gezeigt: „Hier ist noch Platz.“ Aber die Bibel erzählt uns: „Für den Herrn der Welt war kein Platz.“
Das ist der Schock, oder? Gott kommt auf die Erde, und die Welt antwortet: „Sorry, ausgebucht. Du störst gerade. Wir haben gerade keine Kapazitäten für dich.“
Jesus beginnt sein Leben nicht als gefeierter Gast, sondern als jemand, der zu viel ist. Der stört, für den das System einfach keinen Raum hat. Er kennt das Gefühl, wenn man abgewiesen wird und draußen warten muss. Er kennt das, was der gemobbte Mensch spürt, wenn die Tür zugeschlagen wird.
Aber jetzt kommt der entscheidende Punkt. Die eigentliche theologische Wende. Ja, das ist die Umkehr-Revolution von Weihnachten.
Fragen wir doch mal ganz ehrlich: Wenn Jesus im Palast geboren worden wäre, wer hätte ihn dann besuchen können? Oder wenn er im besten Gästezimmer der Herberge gelegen hätte? Das wäre nur etwas für die reichen, die etablierten Leute gewesen. Da hätte es Wachen, Türsteher, Rezeptionisten gegeben, die gesagt hätten: „Nein, du Hirte, du riechst nach Schaf, du kommst hier nicht rein.“
Aber weil für ihn drinnen kein Platz war, musste er nach draußen in den Stall. Und was passiert dann? Der Stall wird zum offensten Ort der Welt.
Der Stall hat keine Türsteher. Die Krippe hat keine Kasse.
Jesus macht sich solidarisch mit all jenen, die sich ausgeschlossen fühlen. Er musste den Platz ganz oben aufgeben, um den Platz ganz unten zu suchen. Nur deshalb sind die Hirten die ersten Gäste. Die Hirten, die damals als unzuverlässig und unrein galten – die Außenseiter ihrer Zeit.
Kurz zur Erklärung: Stellt euch die Hirten nicht wie auf unseren kitschigen Postkarten vor, als wären sie romantische Figuren. In Wahrheit waren das die Ausgestoßenen, die man lieber draußen ließ. Sie lebten ständig fernab der Stadtmauern und Siedlungen, waren Tag und Nacht bei ihren Tieren. Sie stanken nach Schweiß, Schaf, getrocknetem Blut und Kot. Deswegen waren sie nach den damaligen Gesetzen rituell ständig unrein. Sie durften nicht am Gottesdienst teilnehmen, waren von allen heiligen Dingen ausgeschlossen. Man hielt ihr Wort vor Gericht für ungültig, weil man ihnen einfach nicht traute. Sie waren die Unwichtigen. Und genau diese Menschen werden als Allererste zur Krippe gerufen.
Die Botschaft ist unmissverständlich: Weil Gott keinen Raum in den geschlossenen Räumen der Gesellschaft gefunden hat, hat er Frei-Raum geschaffen. Er ist nicht in die Nachbarschaft gezogen, er ist direkt in die Obdachlosenunterkunft gekommen, um für dich erreichbar zu sein.
Nimm deinen Platz ein
Nimm deinen Platz ein
Die Kinder hatten also absolut recht. Wenn wir heute vor die Krippe schauen, dann sehen wir nicht nur ein Baby in der Futterkrippe. Wir sehen eine offene Tür. Wir sehen eine klare Antwort auf unsere universelle Sehnsucht, die wir vorhin besprochen haben.
Ist da wirklich Platz für mich?
Für dich, der du dich gerade fühlst, als würdest du in der Menge untergehen – Ja.
Für dich, der du heute Morgen vielleicht mit einem riesigen Berg an Enttäuschungen und Sorgen hier sitzt – Ja.
Vielleicht bist du genau dieser Mensch, der im Krippenspiel genannt wurde: Du stehst auf dem Schulhof des Lebens und keiner will dich mitspielen lassen. Vielleicht fühlst du dich zu alt, zu dumm, zu inkompetent. Oder du denkst, du bist nicht „fromm genug“ für diesen Gottesdienst wie die Hirten, die sich damals als unrein fühlten.
Aber denk daran: Jesus hat absichtlich den Ort der Abweisung gewählt. Er hat den VIP-Bereich aufgegeben, damit es keine Eintrittskarte, keinen Dresscode, keine Wache mehr gibt.
Er ist in den Stall gekommen, um dir zu sagen: Ich kenne dein Gefühl. Ich weiß, wie es ist, unerwünscht zu sein. Und genau deshalb will ich, dass du deinen Platz einnimmst.
Du musst dich nicht verändern, um an die Krippe zu treten. Du musst dich nicht erst hübsch anziehen oder so tun, als hättest du das perfekte Leben. Das Geschenk, das du wirklich brauchst –> das Gefühl von Zugehörigkeit, liegt nicht unter dem Baum, es liegt genau hier. Es liegt in dieser Zusage: Weil für ihn kein Raum war, gibt es jetzt Raum für dich.
Jesus will nicht, dass du allein bleibst. Er ruft deinen Namen. Er hat sich nach dir ausgestreckt, als er in dieser Krippe lag.
Nimm deinen Platz heute an. Du bist willkommen. Du gehörst dazu. Ohne Vorbedingungen.
Wir bauen Ställe
Wir bauen Ställe
„Da ist noch Platz.“
Die Kinder haben es uns wundervoll vor Augen geführt. Da ist aber nicht nur Platz für sie selbst , sondern auch für uns als Gemeinschaft.
Jesu Geburt ist die totale Umkehr-Revolution. Weihnachten ist das Fest für die Übersehenen. Jedes Jahr aufs Neue höre ich in den Medien, dass das Gefühl der Einsamkeit in Deutschland gerade dann seinen traurigen Höhepunkt erreicht, wenn die Erwartungen an Familie und Gemeinschaft am höchsten sind … nämlich jetzt, in diesen Tagen. Weihnachten ist aber kein Fest der Eliten oder der Perfekten. Es ist die Revolution des Stalls. Es ist ein Wandel zugunsten derjenigen, die ausgeschlossen und vergessen werden.
Wenn wir diese unglaubliche Einladung annehmen, dass wir bedingungslos an der Krippe willkommen sind, gerade weil Jesus den Weg der Abweisung gegangen ist, dann kann das nicht ohne Folgen bleiben.
Stellt euch mal vor, was passieren würde, wenn wir alle so leben würden, wie Gott sich in dieser Nacht entschieden hat zu handeln.
Wenn wir alle in der Weihnachtszeit und darüber hinaus aufhören würden, Herbergen zu bauen. Diese engen, vollen, nur für die Wichtigen reservierten Räume. Wenn wir stattdessen anfangen würden, unsere Ställe zu öffnen.
Was meine ich damit?
Wenn du jetzt aus dem Gottesdienst gehst: Schau dich um. Wer steht „draußen“ in deinem Leben? Wer in deinem Umfeld fühlt sich gerade verloren? Wer ist der gemobbte Mensch, die übersehene Kollegin oder der einsame Nachbar?
Gott hat den Palast verlassen, um in den Stall zu kommen. Jetzt sind wir dran.
Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen man nicht perfekt sein muss, um dazuzugehören. Wo man nicht erst eine Eintrittskarte kaufen muss, weil die Zugehörigkeit das eigentliche Geschenk ist.
Lasst uns die Krippe als ein Versprechen verstehen: Egal, wie stressig, leer oder kompliziert dein Leben gerade ist, hier hast du Platz!
Und lasst uns diese Botschaft weitergeben, indem wir heute noch einen Anruf machen, eine kleine Geste zeigen oder einfach die Tür ein bisschen weiter auflassen. Lasst uns die Zusage, die uns selbst hält, auch für andere wahr machen:
Es ist noch Platz. Es ist Platz in dieser Kirche. Es ist Platz in dieser Gemeinschaft. Es ist Platz in deinem Herzen.
Nimm deinen Platz an der Krippe ein. Und hilf jemand anderem, seinen zu finden. Amen.
