Eine Frage der Ehre

Bibelwoche 2025/2026  •  Sermon  •  Submitted   •  Presented
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Eine Frage der Ehre

Begrüßung

Herzlich willkommen zur ersten Bibelstunde im neuen Jahr! Schön, dass wir gemeinsam mit der Reihe zu Ester starten: „Vom Feiern und Fürchten“. Bis Juli erwarten uns sieben Abende, heute mit dem Thema: „Eine Frage der Ehre“ (Ester 1,1–22). Das Buch Ester entführt uns in die Welt des persischen Hofes – voller Pracht, Macht und menschlicher Eitelkeit. Zugleich zeigt es, wie Gottes verborgenes Wirken auch dort am Werk ist, wo sein Name gar nicht genannt wird. Heute begegnen wir König Ahasverosch, Königin Waschti – und der Frage: Was bedeutet eigentlich „Ehre“? Dennoch: Das „Fehlen“ Gottes war der Grund, warum von jüdischer und teilweise auch von christlicher Seite heftige Kritik am Estherbuch geübt wurde. Schalom ben-Chorin wollte es aus der hebräischen Bibel entfernen, und Luther sagte, er sei dem Estherbuch so feind, dass er wollte, es wäre gar nicht vorhanden. Noch in jüngerer Zeit haben manche davon abgeraten, über das Esterbuch überhaupt in der Gemeindearbeit nachzudenken. Nun ich denke gerade, weil es uns so nah an die menschlichen Abgründe führt, ist dieses Buch sehr wichtig.

Losung

Psalm 30,1–13 (BB)

Hoch über alles will ich dich loben, HERR! Denn du hast mich aus der Tiefe gezogen. Du hast meine Feinde nicht über mich triumphieren lassen.
HERR, mein Gott, ich schrie zu dir um Hilfe, und du hast mich wieder gesund gemacht.
HERR, aus dem Totenreich hast du mich geholt und mir ein neues Leben geschenkt. Dabei zählte ich schon zu den Menschen, die hinabmussten ins Grab.
Singt für den HERRN, ihr Frommen! Dankt ihm und denkt daran: Heilig ist er!
Nur einen Augenblick dauert sein Zorn, doch seine Güte umfasst das ganze Leben. Am Abend fließen die Tränen, doch am Morgen herrscht wieder Freude.
Ich aber dachte in meiner Sorglosigkeit: Nichts kann mich umwerfen, nichts in der Welt!
Denn du, HERR, hast in deiner Güte dafür gesorgt, dass ich fest wie ein Berg dastand. Doch dann hast du dein Angesicht verborgen. Da verlor ich vor Schreck jeden Halt.
Zu dir, HERR, rief ich und flehte zu dir, meinem Gott:
»Was hast du denn davon, wenn ich ins Grab hinabmuss? Kann etwa der Staub dir danken? Oder kann er deine Treue verkünden?
Hör mich, HERR, und hab Erbarmen mit mir! Du, HERR kannst mir doch helfen.«
Du hast meine Klage in einen Freudentanz verwandelt. Das Trauergewand hast du mir ausgezogen und mir ein Festkleid angelegt.
Mit Liedern will ich dich loben und nicht schweigen. HERR, mein Gott, für immer will ich dir danken.
Amen.
moderne Form: L: Hoch über alles will ich dich preisen, HERR – du hast mich heraufgezogen.
A: Du ließest meine Gegner nicht über mich triumphieren.
L: HERR, mein Gott, ich schrie um Hilfe – und du hast mich heil gemacht.
A: Aus der Tiefe holtest du mich und gabst mir neues Leben, obwohl ich schon am Grab stand.
L: Singt dem HERRN, ihr, die zu ihm gehören! Dankt – denn er ist heilig.
A: Sein Zorn währt einen Augenblick, seine Güte ein Leben lang: Abends Tränen, morgens Freude.
L: In meiner Sorglosigkeit dachte ich: „Mich wirft nichts um.“
A: Du machtest mich stark wie einen Berg – bis du dein Gesicht verbargst; da verlor ich den Halt.
L: Zu dir, HERR, rief ich; zu meinem Gott flehte ich:
A: „Was hättest du davon, wenn ich im Staub ende? Kann Staub dich loben, deine Treue erzählen?“
L: HERR, hör mich! Hab Erbarmen mit mir; sei du mein Helfer!
A: Du hast meine Klage in Tanz verwandelt, mir das Trauerkleid ausgezogen und Festkleider angelegt.
L: Darum will ich singen und nicht schweigen.
A: HERR, mein Gott, dir danke ich – heute, morgen, immer. Amen.

Gebet

Herr, wir danken dir für das neue Jahr und für diesen Anfang mit deinem Wort. Öffne unsere Augen für dein Wirken, auch wenn es verborgen scheint. Lehre uns Weisheit im Umgang mit Macht, Grenzen und Würde. Sei mitten unter uns. Amen.

Lied Groß ist unser Gott GiuG 1

Essen

Lied Wohin sonst GiuG 28

Bibelarbeit Ester 1,1-22

Einstiegsgespräch „Eine Frage der Ehre“ (5–8 Min)

1) Ankommen (Kurzrunde, 1 Min) L: „Ein Wort zu Ehre – was fällt euch spontan ein?“ (Teilnehmende nennen je 1 Wort: Respekt, Würde, Rang, Anerkennung, Grenzen …)
2) Brücke ins Heute (1–2 Min) L: „Wo erleben wir heute Pracht & Pose? Politik, Social Media, Verein, Beruf? Ein Beispiel – gern knapp.“ - (kurze Wortmeldungen)
3) Mini-Kontext (90 Sek) L: „Wir sind im persischen Hof in Susa. ‚Ahasverosch‘ wird oft mit Xerxes I. verbunden (umstritten, aber plausibel).“
„Kapitel 1 zeigt prunkvolle Feste (180 Tage, dann 7 Tage) – und einen Konflikt um Ehre: Der König will Königin Waschti vorführen; sie verweigert; daraus wird ein Reichsedikt.“
„Fun fact: In manchen griechischen Fassungen gibt es einen Traum-Prolog mit Mordechai – wir lesen heute den hebräischen Grundtext (BasisBibel), der Gottes Namen nicht nennt und doch sein verborgenes Wirken andeutet.“
4) Hör-Schlüssel für die Lesung (1 Min) L: „Achtet beim Hören auf fünf Dinge – markiert/schreibt gern mit:“
Pracht & Wein (Inszenierung)
Befehl/Edikt/Gesetz (wie oft kommt das?)
Ehre & Würde (wer schützt wessen Ehre?)
Grenze (Waschti sagt Nein)
Zorn & Angst (was treibt Entscheidungen?)
5) Zwei Vorabfragen (60 Sek)
„Kann man Ehre per Gesetz sichern – oder nur durch Beziehung?“
„Was richtet Alkohol bei Leitungsentscheidungen an?“ (Kurze Handzeichen/Stichworte)
Jetzt lesen wir: Ester 1,1–22 (BasisBibel). (Im Anschluss könnt ihr direkt mit Beobachtungen einsteigen – z. B. welche Wörter sich wiederholen und wo ihr „Ehre“ vs. „Eitelkeit“ wahrgenommen habt.)
Ester 1,1–22 BB
1 Es war in der Zeit, als Xerxes König von Persien war. Das war der Xerxes, der über 127 Provinzen herrschte, von Indien bis Kusch. 2 Sein Königsthron stand in der befestigten Stadt Susa. 3 Im dritten Jahr seiner Regierungszeit gab er ein Fest. Dazu kamen seine hohen Beamten und Diener, die Heerführer von Persien und Medien, die Verwalter der Provinzen und andere vornehme Männer. 4 So zeigte Xerxes Pracht und Macht, Glanz und Größe seines Königtums. Es war ein langes Fest, es dauerte 180 Tage. 5 Als diese Tage vergangen waren, feierte der König noch ein kleineres Fest. Dazu kamen die Bewohner der Festung Susa. Alle, Groß und Klein, fanden sich dazu ein. Sieben Tage lang feierten sie in den Gärten des königlichen Palastes. 6 Dort waren weiße und violette Tücher aufgespannt. Sie waren an Säulen aus Alabaster befestigt, mit weißen und roten Schnüren oder silbernen Ringen. Liegen aus Gold und Silber standen auf dem Fußboden. Der war aus grünem Marmor und Alabaster, aus Perlmutt und schwarzen Edelsteinen. 7 Man trank aus goldenen Bechern. Kein Becher war wie der andere. Königlichen Wein gab es in Mengen, wie es sich bei einem König gehört. 8 Beim Trinken gab es keine Regeln. Der König hatte alle seine Bediensteten angewiesen, sich ganz nach den Wünschen der Gäste zu richten. 9 Auch Waschti, die Königin, gab ein Fest. Dazu lud sie Frauen in den Palast von König Xerxes ein. 10 König Xerxes hatte sieben Eunuchen, die ihn persönlich bedienten. Sie hießen Mehuman, Biseta, Harbona, Bigta, Abagta, Setar und Karkas. Am siebten Tag seines Festes, als Xerxes vom Wein berauscht war, gab er ihnen einen Befehl. 11 Sie sollten Königin Waschti zu ihm bringen, und sie sollte eine Krone tragen. Das Volk und die hohen Beamten sollten ihre Schönheit bewundern. Sie war wirklich eine schöne Frau. 12 Aber Königin Waschti weigerte sich. Sie kam nicht, obwohl es ein Befehl des Königs war, den die Eunuchen ihr überbracht hatten. Da wurde der König sehr zornig auf sie. Er kochte vor Wut. 13 Sofort beriet sich der König mit seinen Ratgebern, die sich mit Recht und Gesetz auskannten. Solche Angelegenheiten des Königs wurden stets mit denen besprochen, die sich auch mit der Geschichte auskannten. 14 Die sieben Verwalter der Provinzen aus Persien und Medien standen dem König sehr nahe. Sie hießen Karschena, Schetar, Admata, Tarschisch, Meres, Marsena und Memuchan. Sie nahmen den ersten Rang im Königreich ein und hatten das volle Vertrauen des Königs. 15 Er fragte sie: »Was soll nach Recht und Gesetz nun mit Königin Waschti geschehen? Sie hat einen Befehl des Königs Xerxes missachtet, den ihr seine Eunuchen überbracht haben.« 16 Memuchan antwortete dem König und den hohen Beamten: »Die Verfehlung von Königin Waschti trifft nicht nur den König allein. Sie trifft auch alle hohen Beamten und das ganze Volk in den Provinzen von König Xerxes. 17 Denn der Vorfall mit der Königin wird sich bei allen Frauen herumsprechen. Dann werden sie ihre Männer verachten, weil sie sagen: König Xerxes hat der Königin Waschti befohlen, vor ihm zu erscheinen. Aber sie ist nicht gekommen! 18 Die Frauen der hohen Beamten von Persien und Medien werden von dem Vorfall mit der Königin hören. Sie werden es ihren Männern immer vorhalten, obwohl die doch hohe Beamte des Königs sind. Es wird viel Ärger und böses Blut geben. 19 Wenn es dem König recht ist, soll ein königlicher Erlass verbreitet werden: ›Waschti darf nicht mehr vor König Xerxes treten. Ihre königliche Würde gibt der König einer anderen, die besser ist als sie.‹ Das sollte in Persien und Medien als Gesetz gelten, das nicht übertreten werden darf. 20 So wird diese Bestimmung des Königs überall bekannt, so groß das Königreich auch ist. Alle Frauen werden ihre Männer achten, bei den vornehmen wie bei den einfachen Leuten.« 21 Der Vorschlag gefiel dem König und den hohen Beamten. Der König machte es so, wie Memuchan es vorgeschlagen hatte. 22 Er sandte Schreiben in alle seine Provinzen – in jede Provinz in ihrer eigenen Schrift und an jedes Volk in seiner eigenen Sprache: »Jeder Mann hat in seinem Haus das Sagen. Er soll dabei in seiner eigenen Sprache reden.«
Sprechmotette Ester 1,1-22
Personen (Inhaltsverzeichnis)
= Hofberichterstatter:in (Erzählstimme/Chorleitung) H
= Ahasverosch (König) A
= Waschti (Königin; im MT ohne direkte Rede – hier mit innerem Monolog) W
= Memuchan (Fürst/Ratgeber) M
= Eunuch/Herold (Bote, Ausrufer) E
= alle Sprechenden gemeinsam Alle
Aufführungs-Hinweise: Rhythmisch, mit klaren Einsätzen. „(Echo …)” = genannte Stimme übernimmt das letzte Wort/den letzten Takt leise. Leises Tischklopfen als Puls in dramatischen Momenten möglich.
„Eine Frage der Ehre“ – Sprechmotette (ca. 4–6 Min)
I. Prolog – Bühne Susa
Hofberichterstatter:in (ruhig, tragend): In jenen Tagen … Susa, die Zitadelle. Ein Reich von Hodu bis Kusch: 127 Provinzen. (beat) Prunk. Pracht. Provinzen. Macht.
Eunuch/Herold (zählt): Fürsten, Heerführer, Magnaten – versammelt!
Alle (gestaffelt, steigernd): Seide – Purpur – Byssus – Goldbecher – Marmor – (Alle im Unisono, kurz:) Wein.
Hofberichterstatter:in: Hundertachtzig Tage zeigt der König seine Herrlichkeit. Dann sieben Tage für alle, vom Großen bis zum Kleinen. (Eunuch: vom Großen bis zum Kleinen)
II. „Gesetz ohne Zwang?“
Eunuch/Herold (sachlich): Es wird getrunken nach Vorschrift – und doch ohne Zwang.
Alle (kurz, scharf, nacheinander): Vorschrift. – Freiheit. – Vorschrift. – Freiheit. – (Echo Hofberichterstatter : Freiheit?)
III. Der Befehl
Ahasverosch (gelöst, weinfröhlich, aber schneidend): Bringt Waschti! Mit der königlichen Krone! Ich will ihre Schönheit zeigen – vor Fürsten und Völkern!
Eunuch/Herold (zählt, rasch): Sieben Eunuchen eilen!
Hofberichterstatter:in (knapp): Ein Wort des Königs. Ein Weg durch Türen. Ein Blickbefehl.
IV. Die Grenze
Waschti (sehr ruhig, innerer Gedanke, nach vorn): Nicht heute. Nicht vor betrunkenen Blicken. Würde ist kein Schaulaufen. (beat) Nein.
Hofberichterstatter:in (leise): Und der König ergrimmt. Der Wein wird zu Zorn.
Alle (flüsternd, mehrfach): Zorn … Zorn … (Echo Memuchan: Zorn wird Gesetz.)
V. Die Beratung
Hofberichterstatter:in: Die Weisen, Kenner der Zeiten, werden gerufen.
Memuchan (breit, politisch, mit Druck): Nicht gegen dich allein, o König, hat Waschti gefrevelt, sondern gegen alle – Fürsten und Völker! Heute schon werden die Fürstinnen sagen: „Wenn die Königin nein sagt …“ – (steigern) Verachtung! Aufruhr! Unordnung!
Eunuch/Herold (hart, taktierend): Ein Edikt! Unwiderruflich – in alle Sprachen – in alle Provinzen!
Ahasverosch (kurz, zustimmend): Es gefällt.
VI. Das Wort wird Gesetz
Eunuch/Herold (verkündet im „Ausrufer“-Ton): Waschti trete nicht mehr vor den König! Ihre Würde werde einer Besseren gegeben! Und: Jeder Mann sei Herr in seinem Haus – und rede in der Sprache seines Volkes!
Alle (trocken, im Takt, wie Stempel): Gesetz. – Gesetz. – Gesetz. – (Echo Hofberichterstatter: Gerechtigkeit?)
VII. Spiegelfrage
Hofberichterstatter:in (an das Publikum / die Gemeinde): Kann Ehre per Edikt gesichert werden?
Waschti (leise, standhaft): Würde kennt ein Nein.
Memuchan (scharf, dann abfallend): Angst macht Regeln.
Ahasverosch (kurz, nach innen): Macht liebt Beifall.
Eunuch/Herold (sachlich): Das Reich hat gehört.
Alle (langsam, gemeinsam): Vom Feiern zum Fürchten. (beat) Und Gott? – Verborgen. (halbe Pause) Doch sein Wirken findet Wege.
Coda (leise, zuhörend)
Hofberichterstatter:in (schließt, freundlich): Hier endet der Anfang. Die Bühne steht. Ester wird kommen.

Bibelgespräch

A. Bühne Susa: Pracht & Pose (V 1–8)
Wir betreten mit Vers 1 die große Bühne: „von Hōdû bis Kûš“ – Indien bis Äthiopien. Dazu die Zahl 127 mĕdīnôt (Provinzen). Das ist mehr als eine Landkarte; es ist Überhöhung. Der Erzähler schiebt das Reich ins Weitwinkel, damit wir spüren: Hier steht Macht auf dem Präsentierteller.
Impuls: Wo erleben wir heute solche Weitwinkelbilder der Macht – Politik, Social Media, auch Kirche?
Vers 2 setzt den König auf den Thron: Šûšan habbîrāh – Susa, die Zitadelle. Archäologisch passt diese opulente Residenz. Ob „Ahasverosch“ historisch Xerxes I. ist (häufig) oder Artaxerxes II. (manche meinen), bleibt zweitrangig. Der Text will Theologie & Erzählkunst, nicht minutiöse Chronik. Er zeigt uns, wie Macht wirkt – und wie sie sich inszeniert.
Vers 3–4: ʿāśā mištê – der König richtet ein Fest aus. Erst 180 Tage Schaulaufen der Herrlichkeit, danach (V. 5) 7 Tage für alle, „vom Großen bis zum Kleinen“ (lĕ-miggādôl weʿad-qāṭān). Das Timing ist klug: erst die Schau, dann der Schmaus. Poesie der Übertreibung. Die Botschaft: Alle werden in die Choreografie der Größe hineingezogen.
Impuls: Wann habe ich mich zuletzt von Inszenierung mitziehen lassen – und was hätte mir geholfen, nüchtern zu bleiben?
Vers 6 malt mit glänzenden Wörtern: Stoffe (ḥûr, karpas, tĕḵēlet), Säulen, Mosaiksteine (baḥat, šēš, dar, sōḥeret). Diese seltenen Wörter sind wie Glitzertapete – Sprache selbst funkelt.
Vers 7 gießt nach: „yayin malkût rav“ – „königlicher Wein in Menge“. Und dann Vers 8, die Pointe: „Trinken nach Vorschrift – ohne Zwang“ (ka-ddāt, ʾên ʾōnēs). Ein gesetzlich geregelter Freiraum – paradox! Selbst die Freiheit wird kodifiziert. Das entlarvt eine Kultur, die Kontrolle mit Freiheitssprache bemalt.
Impuls: Was triggert dich stärker – Regel oder Freiheit? Und wann wird „Freiheit“ zur Regelverpackung?
Theologisch schiebt Est 1,1–8 eine Leerstelle in die Mitte: Gottes Name fehlt – doch genau dadurch hören wir die Hohlräume der Pracht lauter. Das Buch baut die Kulisse groß auf, damit später Gottes verborgenes Wirken umso deutlicher gegen den Pomp abfärbt. Heute feiern – morgen fürchten (das ist das Leitmotiv der Reihe). Schon hier sind die Spannungen da: Wein und Regel, Freiheitssprache und Kontrolle, Weite und Leere.
Für unsere Praxis: Wenn „Freiheit“ erst verordnet werden muss, ist sie schon halb verloren. Nüchternheit – im biblischen Sinn – heißt, Wirklichkeit ohne Glanzfilter zu sehen und Entscheidungen nicht im Rausch zu treffen.
Impuls: Welche eine kleine Nüchternheits-Regel schützt dich (oder euer Gremium) konkret vor Pomp-Effekten—z. B. „keine Grundsatzentscheidungen abends nach 21 Uhr“ oder „eine Gegenstimme muss ausdrücklich gehört werden“?
Wo erleben wir heute „inszenierte Größe“ – und wie bewahren wir Nüchternheit?
Was triggert mehr: Regel oder Freiheit?
Merksatz: Est 1,1–8 entlarvt Pracht als Pose und „Freiheit nach Vorschrift“ als Inszenierung – und macht Platz für Gottes leise, tragfähige Autorität.
B. Die Grenze der Würde: Waschti sagt Nein (V 9–12)
Wir sind noch im Rausch der Feste, als der Befehl kommt: „Bringt Waschti – mit der königlichen Krone!“ (V 11). Der Hof weiß: Männerfest hier, Frauenfest dort – so war’s üblich, erst recht, wenn der Wein fließt (V 9–10). Und nun die Forderung von Ahasverosch: Ester 1,11
Ester 1,11 BB
11 Sie sollten Königin Waschti zu ihm bringen, und sie sollte eine Krone tragen. Das Volk und die hohen Beamten sollten ihre Schönheit bewundern. Sie war wirklich eine schöne Frau.
Der Bibeltext sagt lediglich, Waschti solle „eine Krone tragen“ und vor den Gästen erscheinen (Est 1,11 BB). Ob sie dabei bekleidet oder „nur mit Krone“ gemeint ist, bleibt im Text offen; ausdrücklich steht „nackt“ nicht da. Die Vorstellung, sie solle nackt erscheinen, kommt vor allem aus späterer rabbinischer Tradition (z. B. Megillah 12b).
Und dann das unerhörte Wort: וַתְּמָאֵן – vattemāʾên, „sie weigert sich“ (V 12). Kein Drama, kein Schrei – einfach eine Grenze. Würde ist kein Schaulaufen. Dass Ahasverosch „fröhlich vom Wein“ ist und sofort der Zorn aufflammt (V 10.12), legt die Dynamik frei: Alkohol → Affekt → Edikt.
Vielleicht bedeutet „Waschti“ tatsächlich so etwas wie „die Beste“ (altpers. vahista). Ob der Name das meint oder nicht – in der Szene steht sie für etwas Besseres, als vor betrunkenen Blicken vorgeführt zu werden. Ihr „Nein“ kostet. Ein echtes „Nein“ ist nicht trotzig, sondern schützend: es schützt die eigene und die fremde Würde.
Impuls 1 (heute): Wann war mein „Nein“ zuletzt kein Stolz, sondern Würde? (Beispiel: ein Foto nicht posten, eine Bühne nicht nehmen, eine zweideutige „Scherzfrage“ nicht mitspielen.)
Impuls 2: Wie schütze ich die Würde anderer, wenn „alle schauen“? (Zoom-Meeting, Vereinsrunde, Social Media-Kommentare, „Spaß“ auf Kosten Einzelner.)
Kriterium: Motive (Schutz?), Risiko (bin ich bereit, es zu tragen?), Ton (klar, respektvoll), Ziel (Frieden/Gerechtigkeit statt Gesichtsverlust).
Jetzt kippt die Szene in den Sitzungssaal (V 13–22). Memuchan betritt die Bühne. Aus einer Privatkränkung wird eine Reichsaffäre: „Nicht nur gegen den König, gegen alle!“ Die Beratung produziert ein unwiderrufliches Edikt – wir kennen das aus Persien (vgl. Dan 6; Est 8). Angst liebt Endgültigkeit. Und dann die Pointe, die bis in die Küche reicht: „Jeder Mann sei Herr in seinem Haus – und er rede in der Sprache seines Volkes“ (V 22). Mikro-Politik. Kontrolle bis ins Wort hinein.
Das ist beeindruckend aktuell. Wie oft schreiben wir Regeln, wenn uns das Gespräch zu gefährlich wird?
Wie oft verordnen wir „Freiheit“ – nur um Kontrolle zu behalten? Und wie verrät unsere Sprache unsere Kultur: zynischer Ton, Droh-Vokabeln, passive Aggression – oder: Ich-Botschaften, faire Anreden, ehrliche Fragen?
Impuls 3: Wo habe ich zuletzt Beziehung durch Regel ersetzt – aus Angst vor Kontrollverlust? (Hausordnung, Gremienbeschluss, E-Mail an „alle“ statt klärendes Gespräch.)
Impuls 4: Was verrät unser Ton im Haus/Team/Kirchenvorstand? (Sagen wir „Bitte/ Danke“, erklären wir Gründe, erlauben wir Gegenrede? Oder arbeiten wir mit Andeutungen, Ironie, Etiketten?)
Die griechische Überlieferung fügt einen Prolog ein: Mordechais Traum vom Heil, das wie eine Quelle zum Strom wird. Dort ist Gottes Wirken explizit. Unser hebräischer Text (MT) arbeitet verborgen: Gott wird nicht genannt, aber die Mechanik von Angst, Macht und Sprache wird so klar gezeigt, dass wir ihn gerade dadurch suchen. Und finden – später – in den Wendungen der Geschichte.
Zwei kurze Landungen für den Alltag:
Würde-Reflex einüben: Bevor ich antworte, frage ich: Schützt das die Würde – meine / deine? Wenn ja: sagen. Wenn nein: lassen.
Keine Edikte im Zorn: 24-Stunden-Regel bei Mails, Posts, Beschlüssen. Nüchtern entscheiden – nicht im Rausch von Kränkung oder Applaus.
Wenn wir Est 1 so lesen, hören wir zwischen den Zeilen eine Einladung: Sag ein klares Nein, wo Würde auf dem Spiel steht. Und: Sprich so, dass Beziehung möglich bleibt. Denn Gesetze heilen selten, Worte oft – und Gottes leises Wirken noch öfter.
Wo ersetzen wir Beziehung durch Regel, weil wir Angst haben?
Was verrät unsere Sprache (Ton, Wortwahl) über unsere Haus-/Leitungskultur?
3) NT-Spiegel
Ester 1 zeigt uns Macht als Pose, Zorn als Motor und Edikte als Scheinlösung. Das Neue Testament hält dem einen Gegenentwurf hin – vier Linien, die unsere spontane Vorstellung von „Ehre“ korrigieren.
1) Autorität als Dienst (Mk 10,42–45).
Jesus benennt die Logik der Völker: „die als Herrscher gelten, herrschen“ (katakyrieúousin) und „üben Macht aus“ (katexousiázousin). Dann der Bruch: „Aber so soll es unter euch nicht sein!“ Größe zeigt sich als diakonos (Diener), Spitze als doulos (Sklave); der Menschensohn gibt sein Leben als Lösegeld. Im Licht von Ester heißt das: Nicht „Herr-im-Haus-Edikt“, sondern dienende Autorität, die Würde schützt.
Impuls: Wo bin ich heute Leitung zum Nutzen anderer – ganz konkret (eine Aufgabe abnehmen, jemandem Raum geben, Anerkennung aussprechen)? Und: Welcher meiner nächsten Sätze soll dienen, nicht glänzen?
2) Nüchternheit statt Wein-Entscheidungen (Eph 5,18; 1Thess 5,6–8).
„Berauscht euch nicht mit Wein …, lasst euch vom Geist erfüllen“ (Eph 5,18). „Lasst uns nüchtern sein“ (nēphōmen; 1Thess 5,6–8). Nüchternheit meint mehr als Alkoholabstinenz: frei von Rauschmitteln jeder Art – Applaus-Rausch, Empörungs-Rausch, Tempo-Rausch. In Ester 1 kippt Wein in Zorn und Rechtsetzung. Das NT lädt ein: Entscheiden ohne Benebelung.
Impuls: Was ist „mein Wein“ – was benebelt meine Urteile (Likes, Eile, Gekränktsein)? Welche 24-Stunden-Regel setze ich mir für Mails/Beschlüsse im Affekt?
3) Hausethik der Gegenseitigkeit (Eph 5,21; Kol 3,19; 1Petr 3,7).
Ester 1,22 verordnet: „Jeder Mann Herr in seinem Haus“ – bis in die Sprache hinein. Paulus beginnt die Haustafel anders: „Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi“ (Eph 5,21). Männer: „Liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie“ (Kol 3,19). Petrus: „als Mit-Erben der Gnade des Lebens“ (1Petr 3,7) – Ehre statt Angst. Nicht Herrschaft, sondern gegenseitige Verantwortung und achtsame Sprache prägen die Atmosphäre.
Impuls: Was verrät unser Ton zu Hause/ im Team? Wo können wir das „einander“ praktisch machen (z. B. zuerst zuhören, Gründe erklären, um Vergebung bitten)?
4) Zorn & Recht (Jak 1,20).
„Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.“ Zorn baut Edikte, selten Gerechtigkeit. Jakobus rät unmittelbar davor: „Schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“ (1,19). Das ist der Anti-Memuchan-Pfad: erst hören, dann sprechen, am Ende entscheiden.
Impuls: Welche „Edikt-Mail“ lasse ich heute ungeschickt – und suche stattdessen das Gespräch? Wo brauche ich eine Gegenstimme, bevor ich urteile?
Zwischenfazit:
Ehre im NT ist nicht Selbsterhöhung, sondern Dienst; nicht Rausch, sondern Nüchternheit; nicht Monolog, sondern Gegenseitigkeit; nicht Zornrecht, sondern gehörtes Recht. So entsteht Raum, in dem Würde bewahrt und Gottes leises Wirken erfahrbar wird.
Zum Mitnehmen drei Mini-Übungen für den Alltag:
Dienst-Check: Vor jeder wichtigen Ansage: Wem dient das konkret?
Nüchtern-Check: Keine Grundsatzentscheidung nach 21 Uhr / im Affekt; 24-h-Regel.
Sprache-&-Würde-Check: Spricht mein Satz so, dass Beziehung möglich bleibt? Wenn nicht: umformulieren.
Impuls (persönlich): Welche dieser vier Linien (Dienst, Nüchternheit, Gegenseitigkeit, Zorn-Bremse) korrigiert heute mein spontanes Verständnis von „Ehre“ – und welcher eine Schritt folgt daraus bis morgen?
Abschluss: „Ehre, Würde, Gesetz – was bleibt?“
Wir sind heute von Pracht & Pose (1,1–8) über Waschtis Würde-Grenze (1,9–12) zu Memuchans Angst-Edikt (1,13–22) gegangen. Der Erzähler baut Susa groß: „von Hodu bis Kusch“, 127 Medinot, 180-Tage-Schau – dann 7-Tage-Mahl. „Trinken nach Vorschrift – ohne Zwang“: Freiheit wird reglementiert. Die Kulisse passt historisch (Susa), ob Ahasverosch Xerxes oder Artaxerxes ist, spielt theologisch keine Hauptrolle – die Szene entlarvt: Inszenierung ersetzt Substanz.
In diese Kulisse spricht Waschti ein leises, klares „Nein“. Kein Trotz, sondern Würde: „Krone“ ja – Schauobjekt nein. Der Wein des Königs kippt in Affekt und Zorn. Dann übernimmt die Angst das Steuer: Aus Privatsache wird Reichsaffäre; ein unwiderrufliches Edikt verordnet bis in die Haussprache hinein, wer „Herr“ ist. Das ist Mikro-Kontrolle – und wirkt erstaunlich modern.
Der NT-Spiegel stellt dagegen: Autorität als Dienst (Mk 10,42–45), Nüchternheit statt Rausch-Entscheidungen (Eph 5,18; 1Thess 5,6–8), Gegenseitigkeit in Haus & Team (Eph 5,21; Kol 3,19; 1Petr 3,7), und: Zorn baut Edikte, selten Gerechtigkeit (Jak 1,20). Kurz: Ehre wird gelebt, nicht dekretiert.
Impulsfragen zum Mitnehmen:
Inszenierung: Wo lasse ich mich gerade beeindrucken – und was hilft mir zur Nüchternheit?
Würde-Nein: Wo ist diese Woche ein ruhiges Nein dran – zum Schutz von Würde (meiner/deiner)?
Angst-Regel: Welche Regel in Haus/Team ersetzt gerade Beziehung? Braucht es ein Gespräch statt eines Rundmails?
Tonfall: Was verrät unsere Sprache über unsere Kultur – zynisch oder achtungsvoll?
________________________________________
Hinweise für den Alltag (konkret & kurz)
Ehre-Check (persönlich, abends 2 Minuten):
Was hat heute meine „Ehre“ getriggert?
Was wäre die Würde-Antwort statt der Eitelkeits-Antwort gewesen?
Welches eine Wort hätte meinen Ton verbessert?
Regel-Check (für GKR/Teams, vor Beschlüssen):
Löst die Regel ein konkretes Problem – oder nur ein Gefühl?
Ist sie verhältnismäßig und befristet überprüfbar?
Fördert sie Beziehung & Verantwortung (statt nur Kontrolle)?
Versteht man sie „bis ins Haus“ – ohne Angst?
Wer darf sie korrigieren (Fehlerkultur)?
Nüchternheits-Protokoll (sofort umsetzbar):
Keine strukturprägenden Beschlüsse unter Müdigkeit/Alkohol/Affekt.
24-Stunden-Abkühlphase vor Edikten, Mails „an alle“, Social-Posts.
Eine feste Rolle „Advocatus pacis“ bringt in jeder Sitzung das Beziehungsargument ein.
Vier Satzschablonen für ein würdiges Nein (abschreiben & üben):
„Ich kann das heute nicht tun, weil …“
„Mir ist wichtig, dass … – deshalb brauche ich …“
„Ich schlage vor: … (Ziel/Frieden/Alternativweg).“
„Ich achte dich – und bleibe bei meinem Nein.“
Sprache prägt Kultur (kleine Übungen):
In Mails: erst „Bitte/Danke“, dann Inhalt.
In Sitzungen: erst zusammenfassen, was ich gehört habe, dann urteilen.
Zuhause/Team: täglich ein Satz Anerkennung, konkret.
_______________________________________
Damit schließt unser Bogen: Ehre lässt sich nicht per Edikt sichern. Würde achtet Grenzen. Autorität dient. Nüchternheit bewahrt. Und Gottes Wirken – im Masoretischer Text oft verborgen – findet seinen Weg durch leise, kluge, mutige Schritte.
Wenn ihr mögt, beten wir jetzt das kurze Gebet:
„Herr, bewahre uns vor Eitelkeit und Angst-Edikten. Schenke uns nüchterne Herzen, dienende Autorität und Respekt vor der Würde des anderen. Lehre uns ein klares Ja und ein klares Nein zur rechten Zeit. Amen.“

Lied Anker in der Zeit GiuG 23

Gebet

Vaterunser

Segen

Der Gott, der im Verborgenen handelt, begleite euch. Er bewahre eure Würde, schenke euch Mut zum klaren Nein und zum guten Ja, mache eure Worte mild und wahr, eure Entscheidungen nüchtern und gerecht, eure Hände dienend und eure Herzen weit. Er fülle eure Häuser mit Frieden. Es segne und behüte euch der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Lied Du machst alles neu - Feiert Jesus Gold 76 (zur Jahreslosung)

Lieder
Groß ist unser Gott – Auftakt: Gottes Größe > Hofpose.
Wohin sonst (Herr, wohin sonst sollten wir gehen) – vor der Lesung/Ansprache, Fokus aufs Wort.
Anker in der Zeit (Es gibt bedingungslose Liebe) – Antwortlied: Gottes Treue im Verborgenen.
Gott hört dein Gebet (Wenn die Last der Welt) – Fürbitten/Stillwerden.
Optional zum Schluss: Der Herr segne dich (Segenslied).
Du machst alles neu - Feiert Jesus Gold 76 (zur Jahreslosung)
Die Sach ist dein, Herr Jesu Christ;
Warum sollt ich mich denn grämen?
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