Hinschauen auf das Geheimnis von Jesu Tod und Auferstehung

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Hinschauen auf das Geheimnis von Jesu Tod und Auferstehung

„Vorösterliches Licht“
Manchmal wirkt das Wort „Freude“ wie ein Gast, den man gerade nicht gebrauchen kann. Nicht weil man grundsätzlich traurig ist. Sondern weil das Leben eben nicht nach Jubel klingt.
Da sind Wochen, da stapeln sich die Dinge. Man steht morgens auf, macht Kaffee, schaut kurz aufs Handy – „nur mal schnell“ – und merkt schon nach den ersten Nachrichten: Die Welt ist laut. Krisen, Streit, Sorge, Tempo. Und dann geht der Tag los: Termine, Anrufe, kleine Konflikte, das, was liegen geblieben ist. Und irgendwo dazwischen gibt es noch das eigene Innenleben: eine Müdigkeit, die nicht nur körperlich ist. Eine Unruhe, die nicht einfach verschwindet, wenn man abends die Tür hinter sich zuzieht.
Manchmal ist es auch ganz unspektakulär. Kein Drama. Keine große Katastrophe. Nur dieses Gefühl: Ich funktioniere nur noch. Aber ich bin innerlich nicht wirklich froh. Ich lache vielleicht sogar – und trotzdem bleibt etwas schwer.
Und dann kommt mitten in der Passionszeit dieser Sonntag Lätare. Ein Sonntag, der so etwas wie ein „Vorgriff“ ist. Kein billiger Sprung über das Kreuz hinweg. Kein „Jetzt tun wir mal so, als wäre alles gut“. Sondern ein vorösterlicher Blick: ein Streifen Licht in einer dunklen Landschaft. So wie wenn man im März morgens die Gardine beiseitezieht und merkt: Es ist noch kalt, aber es wird früher hell. Das verändert nicht sofort alles – aber es verändert, wie man durch den Tag geht.
Vielleicht ist genau das die Art von Freude, die Gott uns heute schenken will: keine laute, keine aufgesetzte. Sondern eine Freude, die trägt. Eine, die nicht von Umständen lebt, sondern von Christus. Eine, die sagen kann: „Es ist schwer – und trotzdem halte ich mich an Hoffnung fest.“ Nicht, weil ich stark bin. Sondern weil Gott treu ist.

Freude ist kein Befehl, sondern eine Blickrichtung

Es gibt eine Freude, die man machen kann: Gute Musik, ein schönes Essen, eine Runde spazieren, ein Abend mit Menschen, die man gern hat. Das ist alles gut. Gott hat uns nicht als Maschinen geschaffen. Wir dürfen genießen.
Aber jeder weiß: Diese Freude hält nicht alles aus. Sie hält nicht gegen eine Diagnose. Sie hält nicht gegen Trauer. Sie hält nicht gegen Schuld. Sie hält nicht gegen den Moment, in dem du plötzlich merkst, dass du dich innerlich verrannt hast.
Biblische Freude ist darum etwas anderes. Sie ist nicht der Versuch, Leid zu übermalen. Sie ist nicht das fromme „Wird schon“, das im Grunde heißt: „Bitte belaste mich nicht.“ Biblische Freude ist eher so etwas wie ein Blickwechsel. Nicht: „Das Leid ist weg.“ Sondern: „Ich bin nicht allein darin.“ Nicht: „Ich verstehe alles.“ Sondern: „Ich werde gehalten, auch wenn ich nicht verstehe.“
Es gibt Menschen, die haben das erlebt. Nicht als Gefühl, das immer da ist, sondern als Grundton, der wiederkommt. Wie ein Lied, das man leise im Hintergrund hört – manchmal verschwindet es, aber es ist nicht weg.
Und wenn wir heute nach Lätare fragen, dann geht es genau darum: Wie kann Freude im Leid möglich sein, ohne dass sie unehrlich wird?
Die Antwort beginnt nicht bei uns, sondern bei Jesus. Und sie beginnt erstaunlicherweise nicht zu Ostern, sondern in der Passion.

Jesus weicht der Dunkelheit nicht aus

Es ist wichtig, dass wir das Geschehen in der Passionszeit nicht romantisieren. Der Weg Jesu ist kein schöner Film, in dem am Ende die Musik anschwellen darf. Es ist ein Weg durch Angst, Einsamkeit, Verrat, Unrecht, Schmerz.
In Gethsemane ringt Jesus. Er betet. Er schwitzt Blut. Er ist nicht der Held aus Pappe, der lächelnd durch das Leid schreitet. Er ist wirklich Mensch – und er hat Angst.
Und er betet: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!  Lk 22,42.“ Das ist ein Satz, den viele Menschen kennen, ohne ihn so zu formulieren.
„Wenn es möglich ist: nimm das weg.“ „Wenn es möglich ist: lass es nicht so kommen.“ „Wenn es möglich ist: mach, dass er wieder gesund wird.“ „Wenn es möglich ist: gib, dass die Beziehung nicht zerbricht.“ „Wenn es möglich ist: ich kann nicht mehr.“
Das ist nicht unfromm. Das ist ehrlich. Und Jesus betet so.
Und doch geht er den Weg.
Warum? Nicht weil Gott Leid liebt. Nicht weil Gott uns in irgendein religiöses Theater hineinziehen will. Sondern weil Jesus sich nicht vor uns rettet, sondern uns rettet. Er geht hinein in die Tiefe, damit wir nicht darin bleiben müssen.
Allein das ist schon ein Grund, warum Freude möglich wird – nicht als Hochgefühl, sondern als Gewissheit: Gott kennt deinen Weg nicht nur von außen. Er kennt ihn von innen.
Vielleicht ist das heute ein wichtiger Satz für dich: Du musst Gott dein Leid nicht erst erklären, als wäre es ihm fremd. Jesus hat Angst gekannt. Jesus hat Einsamkeit gekannt. Jesus hat das Ringen gekannt.
Und dann geht es weiter – ans Kreuz.

Der Kreuzschrei: Raum für unsere Wahrheit

Am Kreuz schreit Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Mk 15,34
Markus 15,34 LU17
34 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Das ist einer der härtesten Sätze der Bibel. Und genau darum ist er so tröstlich. Denn er sagt uns: Du musst im Glauben nicht so tun, als wäre alles leicht. Du darfst klagen. Du darfst fragen. Du darfst schreien.
Manchmal fühlen sich Menschen schuldig, weil sie Zweifel haben. „Darf ich das überhaupt? Als Christ?“ Manchmal schämt man sich, weil man sich innerlich leer fühlt. Oder weil man im Gebet nur Stille erlebt. Oder weil man merkt: Ich kann gerade nicht „fröhlich“ sein.
Das Kreuz sagt: Jesus hat in der Tiefe gebetet – und es war ein Schrei. Der Glaube ist nicht das Ende der Klage. Der Glaube ist die Klage vor Gott.
Und das macht Lätare so realistisch: Freude mitten im Leid heißt nicht, dass Leid nicht weh tut. Es heißt, dass Leid nicht das letzte Wort bekommt.
Vielleicht ist dein Alltag gerade so: Du gehst durch die Woche, erledigst das Nötige, trägst Verantwortung, hältst durch. Und wenn abends Ruhe wird, kommt die Unruhe erst richtig hoch. Man sitzt da, starrt vielleicht auf den Bildschirm, scrollt, liest noch dies und das – und merkt irgendwann: Ich suche gerade Trost. Aber ich finde ihn nicht.
Man kann Trost an vielen Stellen suchen: Ablenkung, die betäubt. Kontrolle, die hart macht. Rückzug, der einsam macht. Bitterkeit, die schützt – aber auch vergiftet.
Jesus sagt nicht: „Stell dich nicht so an.“ Er geht an den Ort, wo es wirklich dunkel ist. Und er schreit. Damit du weißt: Du bist nicht allein.
Und dann kommt dieser Satz, der wie ein Anker ist: „Es ist vollbracht.“

„Es ist vollbracht“: Der Druck muss nicht mehr dich tragen

Wenn Jesus sagt: „Es ist vollbracht“, dann meint er nicht: „Jetzt ist die Show vorbei.“ Er meint: „Das Entscheidende ist getan.“
Das ist der Punkt, an dem die Freude mitten im Leid ihren Grund bekommt. Denn Freude, die trägt, braucht einen Boden. Und dieser Boden ist nicht mein Gefühl. Nicht meine Leistung. Nicht meine religiöse Disziplin.
Der Boden ist Christus selbst.
„Es ist vollbracht“ heißt: Du musst Gott nicht mehr bezahlen. Du musst dich nicht durch Leid hindurch „würdig machen“. Du musst nicht erst alles in Ordnung bringen, bevor du zu Gott kommen darfst. Du darfst kommen, weil Jesus den Weg geöffnet hat.
Die Nachfolge Jesu ist wichtig, ernst, konkret. Aber sie ist Antwort, nicht Eintrittskarte. Vertrauen ist nicht ein Werk, das wir vorweisen, sondern ein sich Anvertrauen an den, der vollbracht hat.
Und jetzt versteht man, warum Lätare mitten in der Passion möglich ist: Nicht weil wir das Kreuz überspringen, sondern weil das Kreuz trägt.

Lätare: Ein vorösterlicher Blick – nicht Flucht, sondern Richtung

Es gibt Momente, da ist ein kleiner Ausblick schon Rettung. Wie wenn man im Nebel unterwegs ist und plötzlich reißt es kurz auf: ein Wegweiser, ein Licht, ein Stück Horizont. Der Nebel ist nicht weg. Aber du weißt wieder, wohin du gehst.
Lätare ist so ein Moment. Gott sagt: „Sieh hin: Die Geschichte endet nicht am Kreuz. Der Weg geht durch die Nacht – aber nicht ins Nichts.“
Darum ist dieser Sonntag nicht die Erlaubnis, Leid zu verdrängen. Er ist die Einladung, Leid nicht zum König zu machen. Er ist das stille „Trotzdem“ Gottes.
Und jetzt kommt der vorösterliche Blick: Ostern korrigiert unsere Suche.

„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“

Dieser Satz aus der Ostergeschichte trifft uns, weil er so schlicht ist. Man kann ihn fast überhören. Aber wenn man ihn an sich heranlässt, merkt man: Der Satz ist wie eine Frage, die Gott an unsere Ausweichmanöver stellt.
„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“
Wie oft suchen wir Leben bei Dingen, die nicht lebendig machen?
Wir suchen Sicherheit in Kontrolle – und werden nur noch angespannter. Wir suchen Wert in Anerkennung – und werden abhängig. Wir suchen Frieden in Konfliktvermeidung – und werden innerlich unecht. Wir suchen Trost in Ablenkung – und bleiben leer. Wir suchen Gerechtigkeit im Rechthaben – und verlieren die Liebe.
Und dann sagt Gott: „Du suchst – aber am falschen Ort.“
Das ist keine Anklage. Das ist eine Einladung. So wie wenn jemand nachts im Haus herumtastet und plötzlich das Licht angemacht wird. Nicht um zu beschämen, sondern um den Weg zu zeigen.
Der Lebende ist nicht dort, wo das Tote regiert. Der Lebende ist bei dir. Und er führt dich aus dem Grab deiner alten Muster heraus.
Manchmal ist das sehr konkret: Wenn du merkst, dass du dich in Bitterkeit festbeißt, obwohl es dich selbst kaputt macht. Wenn du merkst, dass du ständig über andere richtest, weil du dich dann sicherer fühlst. Wenn du merkst, dass du dich in eine Rolle flüchtest – stark, kompetent, witzig – weil du Angst hast, schwach zu sein.
„Was suchst du den Lebenden bei den Toten?“
Es ist eine liebevolle Korrektur: Schau hin, wo du wirklich Leben findest.
Und dieses Leben kommt nicht als Theorie. Es kommt in Person.

Emmaus: Der Lebende geht neben uns her

Zwei Jünger gehen nach Emmaus. Sie sind enttäuscht. Und sie sagen einen Satz, der viele Herzen beschreibt: „Wir hatten gehofft…“ Das ist der Satz eines gebrochenen Traums.
Und dann passiert etwas Wunderschönes: Jesus geht neben ihnen her. Sie erkennen ihn nicht. Aber er ist da.
Das ist, finde ich, ein so realistisches Bild für unseren Glauben: Oft ist Jesus näher, als wir denken – und wir merken es erst später.
Er hört zu. Er nimmt sie ernst. Er eröffnet ihnen die Schrift. Und irgendwann wird ihr Herz wieder warm. Sie merken: Da ist mehr als Enttäuschung. Da ist Wahrheit. Da ist Hoffnung. Da ist Leben.
Vielleicht ist das heute dein Punkt. Vielleicht gehst du gerade deinen „Emmausweg“. Du bist unterwegs, du bist müde, du hast Fragen. Und du sagst: „Ich habe gehofft… und jetzt ist es anders.“
Dann möchte ich dir zusprechen: Der Lebende geht neben dir. Du erkennst ihn vielleicht noch nicht. Aber er ist da. Und er hat Geduld mit dir. Er hört zu. Er nimmt dich ernst. Und er führt dich nicht mit Druck, sondern mit Wahrheit.

Freude im Leid: leise, aber wirklich

So entsteht Freude in der Passionszeit: nicht als lautes Gefühl, sondern als tiefer Grund.
• Ich darf weinen – und ich darf hoffen.
• Ich darf klagen – und ich darf glauben.
• Ich darf schwach sein – und ich darf getragen sein.
• Ich muss mich nicht selbst retten – weil Christus es vollbracht hat.
• Ich muss nicht bei den Toten suchen – weil der Lebende mir begegnet.
Vielleicht sieht deine Woche immer noch schwierig aus. Vielleicht ist die Situation nicht gelöst. Vielleicht bleibt die Diagnose. Vielleicht bleibt die Spannung. Vielleicht bleibt der Schmerz.
Aber Lätare sagt: Du musst nicht ohne Licht gehen. Du musst nicht ohne Richtung gehen. Du musst nicht ohne Begleitung gehen.
Und jetzt am Ende möchte ich dich einfach ermutigen.
Vielleicht ist der Schritt heute gar nicht groß. Vielleicht ist er ganz schlicht: Sag Jesus die Wahrheit. Nicht die geschönte Wahrheit. Nicht die fromme Version. Die echte.
• „Herr, ich bin müde.“
• „Herr, ich habe Angst.“
• „Herr, ich bin enttäuscht.“
• „Herr, ich verstehe dich nicht.“
• „Herr, ich habe Schuld.“
• „Herr, ich habe mich verrannt.“
Das ist kein schlechtes Gebet. Das ist ein ehrliches Gebet. Und oft beginnt genau dort etwas Neues: nicht im Starksein, sondern im Offenwerden.
Und dann: Bleib nicht allein damit. Glaube ist nicht, dass du alles alleine im Griff hast. Glaube ist, dass du dich an Christus hältst – oder besser: dass du dich von ihm halten lässt.

Schluss

Vielleicht heißt Nachfolge heute nicht, dass du sofort alles umkrempelst. Vielleicht heißt Nachfolge heute: nicht weglaufen. Nicht hart werden. Nicht in Zynismus flüchten. Sondern den nächsten kleinen Schritt gehen – so klein, dass er wirklich möglich ist.
Das kann heißen: Ich bringe meine Schuld ans Licht und bitte um Vergebung, statt sie zu verstecken.
Das kann heißen: Ich suche ein Gespräch, das ich seit Monaten aufschiebe – nicht um zu gewinnen, sondern um Frieden zu suchen.
Das kann heißen: Ich höre auf, mein Herz bei Dingen zu parken, die mich leer machen – und suche Christus im Wort, im Gebet, in Gemeinschaft.
Das kann heißen: Ich lasse mir helfen. Ich bleibe nicht isoliert. Ich gehe nicht allein.
Und wenn du jetzt denkst: „Ich weiß nicht, ob ich das kann“ – dann nimm genau das mit zu Jesus. Denn der erste Schritt ist nicht Stärke. Der erste Schritt ist Vertrauen.
Der, der in Gethsemane nicht ausgewichen ist, der am Kreuz die Tiefe getragen hat, der gesagt hat: „Es ist vollbracht“, und der als Lebender den Weg neben den Enttäuschten gegangen ist – der ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.
Darum: Geh weiter. Nicht mit erzwungener Fröhlichkeit. Sondern mit dieser stillen, echten Freude, die sagt: Ich bin nicht allein. Ich werde gehalten.
Amen.
Lieder
Eingangslied:
EG 97 „Holz auf Jesu Schulter“
Wochenlied:
EG 95 „Seht hin, er ist allein im Garten“
Predigtlied:
Feiert Jesus! Best of 20 „Wie tief muss Gottes Liebe sein“
Schlusslied:
EG (Bayern/Thür.) 560 „Christus lebt, drum lasst das Jammern“ (oder alternativ: EG 98 „Korn, das in die Erde…“)
2. Variante
Eingangslied (Passion bewusst, moderner Ton):
EG 97 „Holz auf Jesu Schulter“ EG-Stammteil
Wochenlied (Lätare-Kern: Freude im Leid):
EG 398 „In dir ist Freude in allem Leide“ EG-Stammteil
Predigtlied (Staunen über die Liebe Gottes / Kreuz):
Feiert Jesus! Best of 20 „Wie tief muss Gottes Liebe sein“
Schlusslied (vorösterlicher Blick / Hoffnung):
EG (Bayern/Thür.) 560 „Christus lebt, drum lasst das Jammern“
EG 98 „Korn, das in die Erde…“
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