Von Jesus lernen, … nicht alles zu dulden (oder hinzunehmen)

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Von Jesus lernen, … nicht alles zu dulden (oder hinzunehmen)

Liebe Gemeinde,
es gibt Sätze, die hören wir oft und nicken erst einmal innerlich dazu. Zum Beispiel: „Man muss tolerant sein.“ Oder: „Man darf nicht gleich urteilen.“ Oder: „Leben und leben lassen.“
Und natürlich steckt darin etwas Richtiges. Nicht jeder Konflikt muss geführt werden. Nicht jede Andersartigkeit ist ein Problem. Auch als Christen sollten wir nicht Menschen sein, die ständig alles kommentieren, alles bewerten und bei jeder Kleinigkeit Alarm schlagen. Wir sollten auch nicht immer so etwas wie geistliche Feuerlöscher sein und hinter jeder Ecke und jeder Äußerung die irgendwie verdächtig klingt einen geistlichen Brand vermuten.
Aber wir merken auch: Diese Haltung alles zu beschönigen, kann kippen. Man kann so sehr Harmonie wollen, dass man am Ende auch das hinnimmt, was Menschen kaputtmacht, was Beziehungen vergiftet oder sogar Gottes Wahrheit verdunkelt und das Evangelium verwässert.
Und wenn wir in die Evangelien schauen, merken wir: Jesus passt nicht in das Bild eines harmlosen, alles duldenden Religionsstifters. Er ist zwar voller Gnade, voller Barmherzigkeit und voller Geduld. Aber er ist nicht gleichgültig. Ihm ist nicht alles egal. Jesus liebt Menschen radikal — und gerade deshalb lässt er nicht alles stehen. Er duldet auch nicht jede Frömmigkeit. Er duldet nicht jeden Missbrauch. Er duldet nicht jede Lehre. Er duldet auch nicht jede Halbherzigkeit in der Nachfolge. Ja da ist er besonders radikal. Das haben wir ja schon vor ein paar Wochen bedacht, aber es kommt auch heute wieder vor.
Darum lautet die Frage heute nicht einfach nur: Darf ein Christ auch einmal „Nein“ sagen? Sondern: Was können wir von Jesus lernen, wenn es darum geht, nicht alles zu dulden oder hinzunehmen?
Denn das Evangelium macht uns nicht hart. Aber es macht uns wahrhaftig. Es geht also heute um die Wahrhaftigkeit im Glauben und im Leben als Christen. Liebe ohne Wahrheit wird weich. Wahrheit ohne Liebe wird hart. In Jesus aber kommen beides, die Wahrheit und die Liebe zusammen.

1. Jesus duldet keine Frömmigkeit ohne Herz

Jesus konnte sehr zärtlich sein. Aber er konnte auch sehr klar sein. Besonders dann, wenn die Menschen Gott nur mit religiösen Formen ehrten, während ihr Herz weit weg war.
In Matthäus 15,8–9 sagt Jesus: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen. Aber ihr Herz ist weit weg von mir. Ihr Gottesdienst ist nutzlos, denn sie lehren nur, was Menschen an Vorschriften aufgestellt haben.“ (Matthäus 15,8–9, BasisBibel)
Das ist ein scharfes und hartes Wort. Und doch sollten wir es nicht vorschnell auf „die anderen“ beziehen. Denn Jesus spricht es hier zu frommen Menschen. Zu Menschen, die die richtigen Worte kennen und religiös gebildet sind. Und Jesus sagt: Das alles kann total nutzlos sein, wenn das Herz weit weg ist.
Und das trifft auch uns. Man kann fromme Lieder und wunderschöne Lobpreislieder mitsingen, ohne innerlich dabei zu sein. Man kann Gebete sprechen, ohne sich Gott wirklich zu öffnen. Man kann kirchlich und gemeindlich engagiert sein und innerlich längst auf Distanz leben.
Jesus duldet das nicht, weil er kleinlich wäre, sondern weil er das Herz will. Er will Dein und mein Herz. Gott sucht nicht unsere religiöse Fassade, sondern uns selbst. Es genügt ihm nicht, wenn wir nur äußerlich zustimmen und innerlich fernbleiben.
Ihr kennt ja den Spruch von Martin Luther: Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.” Dieses Wort steht in Luthers Großem Katechismus.
Darum heißt es nun hier von Jesus lernen: prüfen. Nicht misstrauisch gegen alles. Aber ehrlich. Führt das wirklich zu Gott? Fördert das Liebe, Wahrheit, Barmherzigkeit? Oder wird da nur eine religiöse Form verwaltet?
Vielleicht ist das eine stille Gefahr unserer Zeit: dass wir lieber über Glauben reden, als uns von Gott wirklich ansprechen zu lassen. Dass wir das Äußere halten und das Innere verlieren.
Jesus duldet keine Frömmigkeit ohne Herz. Und das ist nicht zuerst Drohung, sondern Gnade. Er will uns zurückholen — aus frommer Routine hinein in eine lebendige Beziehung zu ihm.
Darum dürfen wir uns fragen: Wo ehre ich Gott vielleicht noch mit den Lippen, aber mein Herz ist weit weg? Wo ist mein Glaube mehr Gewohnheit als Hingabe?

2. Jesus duldet keinen Missbrauch des Heiligen

Ein zweiter Bereich ist noch eindrücklicher: die Tempelreinigung. Für viele überraschend, weil sie so gar nicht zu einem so weichgezeichneten Jesus passt.
In Matthäus 21,12–13 lesen wir: Jesus ging in den Tempel, trieb die Händler hinaus und sagte: „In den Heiligen Schriften steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebets genannt werden. Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!“ (Matthäus 21,13, BasisBibel)
Auch in Johannes 2,17 erinnern sich die Jünger an das Wort von Jesus: „Der Einsatz für dein Haus wird mich ganz verzehren.“ (Johannes 2,17, BasisBibel)
Jesus sieht, dass der Ort des Gebets missbraucht wird. Das Heilige wird funktionalisiert. Gottes Haus wird zum Ort eigener Interessen. Menschen suchen Gott — und stoßen zuerst auf Geschäft und Betrieb.
Das duldet Jesus nicht.
Manchmal verwechseln auch wir Liebe mit Konfliktvermeidung. Wir denken: Wenn ich liebe, muss ich still bleiben. Aber Jesus macht deutlich: Es gibt Situationen, in denen Liebe gerade dadurch sichtbar wird, dass sie eingreift, dass sie dem Konflikt nicht aus dem Weg geht.
Liebe schützt. Liebe widerspricht. Liebe schaut nicht weg, wenn Gottes Name missbraucht wird oder Menschen geistlich beschädigt werden.
Gerade in unseren kirchlichen und gemeindlichen Zusammenhängen ist das aktuell. Missbrauch beginnt nicht erst da, wo etwas strafrechtlich relevant ist. Er beginnt auch da, wo Menschen geistlich unter Druck gesetzt werden. Wo Gottes Name benutzt wird, um andere kleinzuhalten. Wo Gemeinde nicht mehr Ort des Gebets, sondern Bühne für Macht oder Eitelkeit wird.
Jesus duldet das nicht.
Und wir dürfen daraus lernen: Christliche Liebe ist nicht passiv. Sie fragt: Was dient wirklich der Ehre Gottes? Was schützt Menschen? Was muss benannt werden?
Dabei geht es nicht um Härte aus verletztem Ego. Jesus verteidigt nicht sich selbst. Er verteidigt die Sache seines Vaters.
Darum ist die tiefere Frage nicht nur: Wo sollte ich deutlicher werden? Sondern auch: Wofür brennt mein Herz? Bewegt mich nur, wenn ich selbst betroffen bin? Oder auch, wenn Gottes Wahrheit entstellt wird und Menschen Schaden nehmen?
Nicht alles zu dulden kann ein geistlicher Akt sein — nicht weil wir gern aufräumen, sondern weil Gott es wert ist, geehrt zu werden, und Menschen es wert sind, geschützt zu werden.

3. Jesus duldet keinen zerstörerischen Einfluss

Ein dritter Abschnitt ist die geistliche Unterscheidung. Jesus ist voller Liebe — aber er ist nicht naiv. Er weiß, dass nicht alles, was gut klingt, auch gut ist. Darum warnt er.
In Matthäus 7,15 sagt Jesus: „Nehmt euch in Acht vor den falschen Propheten! Sie kommen zu euch im Schafspelz. In Wirklichkeit sind sie reißende Wölfe.“ Und dann: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ (Matthäus 7,15–20, BasisBibel)
Nicht jedes fromme Auftreten ist vertrauenswürdig. Nicht jede geistliche Rede ist gesund. Nicht alles, was freundlich wirkt, führt wirklich zu Gott. Jesus ruft seine Jünger dazu auf, hinzusehen und die Früchte zu prüfen.
Auch mir sind schon Prediger, besonders in meiner Jugend begegnet, von denen ich mich heute distanzieren würde. Zu DDR-Zeiten, war man ja begeistert, wenn da ein Prediger aus dem Westen vielleicht aus Holland, Italien oder aus der USA kam und irgendwo, fast heimlich Bibelstunden hielt. Aber ob die immer dem Evangelium entsprach, möchte ich manchmal in Frage stellen.
Dazu passt das Bild vom Sauerteig. In Matthäus 16,6 warnt Jesus: „Nehmt euch in Acht vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer!“ Später verstehen die Jünger, dass er ihre Lehre meint (Matthäus 16,12).
Sauerteig arbeitet still. Genau so wirken manche Gedanken und Haltungen: ein bisschen Stolz, ein bisschen gesetzlicher Druck, ein bisschen Misstrauen gegen Gottes Gnade. Und nach und nach wird der ganze Teig davon geprägt.
Jesus sagt nicht: Das muss man eben großzügig sehen. Man kann einfach darüber wegsehen. Sondern: Achtet darauf. Seid wachsam. Oder wie uns die Jahreslosung vom vergangenem Jahr aufforderte: „Prüft alles und behaltet das Gute“ (1. Thessalonicher 5,21)
Und dann ist da noch Johannes 2,24–25: „Aber Jesus selbst vertraute sich ihnen nicht an. Denn er wusste, wie die Menschen wirklich sind.“ (Johannes 2,24–25, BasisBibel)
Jesus liebt Menschen. Aber er vertraut sich nicht blindlings jedem an. Er ist offen — aber nicht naiv. Zugewandt — aber nicht gedankenlos schutzlos.
Auch das dürfen wir von Jesus lernen: Nicht jedem Einfluss Raum geben. Nicht jede Stimme in unser Herz lassen. Nicht alles konsumieren, was religiös oder spirituell klingt. Nicht jede Nähe als gesund deuten.
Geistliche Wachsamkeit ist keine Lieblosigkeit. Sie ist Teil der Treue. Denn unser Herz ist kostbar. Die Gemeinde ist kostbar. Das Evangelium ist kostbar.
Darum ist eine wichtige Frage heute: Welche Stimmen prägen mich eigentlich? Was lasse ich immer wieder an mich heran? Und führt mich das näher zu Christus — oder schiebt es sich zwischen Christus und mich?
Jesus duldet keinen zerstörerischen Einfluss auf seine Jünger. Darin liegt Schutz.

4. Jesus duldet keine Halbherzigkeit in der Nachfolge

Und nun zum vielleicht persönlichsten Punkt, noch einmal zu dem, worüber wir schon einmal vor ein paar Wochen nachgedacht haben: Jesus duldet nicht nur nicht alles um uns herum. Er duldet auch nicht jede Halbherzigkeit in uns.
In Lukas 9,57–62 begegnen Jesus verschiedene Menschen, die ihm nachfolgen wollen oder sollen. Und jedes Mal wird deutlich: Nachfolge ist nicht romantisch, nicht unverbindlich, nicht ein frommer Zusatz zum übrigen Leben.
Zu einem, der begeistert mitkommen will, sagt Jesus in Lukas 9,58: „Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester. Aber der Menschensohn hat keinen Platz, wo er sich ausruhen kann.“ (Lukas 9,58, BasisBibel)
Zu einem anderen sagt er in Lukas 9,60: „Lass die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ (Lukas 9,60, BasisBibel)
Und einem Dritten sagt er in Lukas 9,62: „Wer die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist nicht geeignet für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,62, BasisBibel)
Das sind wirklich herausfordernde Worte. Jesus fordert hier nicht Gefühllosigkeit. Aber er macht klar: Es darf kein „zuerst“ geben, das sich dauerhaft vor ihn schiebt. Nichts darf in der Nachfolge den ersten Platz beanspruchen außer ihm selbst.
Auch Matthäus 10,34–36 zeigt, wie ernst das ist. Jesu Wahrheit fordert Entscheidung. Sein Reich kommt nicht einfach zusätzlich zu allem anderen, sondern beansprucht Herrschaft.
Matthäus 10,34–36 LU17
Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
Und das bringt die Predigt zu uns. Denn vieles dulden wir nicht nur außerhalb von uns. Vieles dulden wir in uns selbst: unsere Halbherzigkeit, unser Aufschieben - unsere Aufschieberitis, unser „Eigentlich müsste ich …“, unser Pendeln zwischen Jesus und anderen Prioritäten.
Wir leben dann vielleicht ordentlich und freundlich — aber innerlich hat Jesus nicht wirklich den ersten Platz. Irgendetwas anderes sitzt dort: Bequemlichkeit, Anerkennung, Sicherheit, Menschengefälligkeit.
Jesus duldet das nicht, weil er tyrannisch wäre, sondern weil er Herr ist. Weil er nicht ein Zusatz zu unserem Leben sein will, sondern dessen Mitte. Weil die Nachfolge nicht davon lebt, dass wir ihm gelegentlich zustimmen, sondern dass wir ihm gehören.
Von Jesus lernen, nicht alles zu dulden, heißt deshalb auch: Ich dulde nicht endlos mein altes Ausweichen. Ich dulde nicht, dass Jesus nur am Rand bleibt. Ich lasse mich rufen — neu, klar, verbindlich.
Vielleicht braucht genau das heute jemand: nicht noch einen guten Gedanken, sondern den Ruf Jesu selbst: Folge mir nach. Nicht irgendwann. Jetzt. Mit deinem halben Herzen — damit ich es ganz mache. Mit deinem Zögern — damit du lernst, mir zu vertrauen.

Schluss: Wahrhaftig lieben lernen

Liebe Gemeinde,
von Jesus lernen, nicht alles zu dulden oder hinzunehmen — das ist kein Aufruf zur Härte. Es ist auch kein Programm für Rechthaber. Sondern es ist vielmehr eine Einladung, Jesus ähnlicher zu werden.
Jesus ist voller Gnade. Er wendet sich Sündern zu. Er beschämt die Schwachen nicht. Aber er nennt das Böse nicht gut. Er lässt Heuchelei nicht stehen. Er duldet keine geistliche Vergiftung. Und er ruft in eine ungeteilte Nachfolge.
Darum ist die entscheidende Frage nicht einfach: Wo müsste ich mal deutlicher werden? Die tiefere Frage ist: Bin ich Christus so nahe, dass ich lieben lerne wie er? Denn nur dann werden Grenzen nicht hart. Nur dann wird Klarheit nicht kalt. Nur dann wird Wahrheit nicht zur Waffe.
Vielleicht nehmen wir heute vier einfache Sätze mit:
Jesus duldet keine Frömmigkeit ohne Herz. Jesus duldet keinen Missbrauch des Heiligen. Jesus duldet keinen zerstörerischen Einfluss. Jesus duldet keine Halbherzigkeit in der Nachfolge.
Und in all dem geht es nicht zuerst darum, dass wir andere sortieren. Es geht darum, dass wir uns von ihm ordnen lassen. Dass wir ihm unser Herz hinhalten. Dass wir ihn um Klarheit bitten. Und dass wir lernen, Liebe und Wahrheit nicht gegeneinander auszuspielen.
Vielleicht kann unser Gebet in dieser Woche darum so lauten:
Herr Jesus Christus, bewahre mich vor einer Liebe, die alles laufen lässt, und vor einer Wahrheit, die ohne Erbarmen ist. Gib mir dein Herz und gib mir deine Klarheit. Zeige mir, wo ich Dinge dulde, die dir nicht entsprechen. Und lehre mich, dir treu zu sein — nicht hart, nicht weich, sondern wahrhaftig, wie du.
Denn du bist nicht gekommen, um uns in frommer Unentschiedenheit zu lassen. Du bist gekommen, um uns frei zu machen: frei für die Wahrheit, frei für die Liebe, frei für die Nachfolge.
Und darum ist es Gnade, dass du nicht alles duldest. Es ist Gnade, dass du uns störst, wo wir uns eingerichtet haben. Es ist Gnade, dass du uns warnst, wo unser Herz gefährdet ist. Es ist Gnade, dass du uns rufst, wo wir zögern.
Und es ist Gnade, dass du dabei immer derselbe bleibst: voller Wahrheit und voller Gnade.
Amen.
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