Verschwenderische Liebe

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Notes
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Anmerkung

Die Predigt wird nicht am Stück gehalten, sondern verteilt im Gottesdienst.

Block 1: Der Raum der Berechnung

Palmsonntag.
Wenn wir uns in die Zeit von damals zurückversetzen, dann platzt Jerusalem gerade aus allen Nähten.
Das Passahfest steht vor der Tür.
Hunderttausende Pilger drängen sich durch die engen Gassen.
Es ist heiß, es ist laut, und in der Luft liegt eine extrem angespannte Stimmung.
Die römische Besatzungsmacht ist nervös, weil bei solchen Festen immer Aufstände drohen.
Und Markus, unser Evangelist, blendet ganz am Anfang unseres heutigen Textes in ein abgedunkeltes Hinterzimmer.
Markus Kapitel 14, die ersten beiden Verse.
Dort sitzen die Theologen, die religiöse Elite, die Hohenpriester.
Und sie rechnen.
Sie kalkulieren.
Sie suchen nach einem Weg, wie sie diesen Jesus von Nazareth heimlich festnehmen und beseitigen können.
„Nur nicht am Fest“, sagen sie, „sonst gibt es einen Aufstand im Volk.“ Das, was da im Hintergrund passiert, ist reines Risikomanagement.
Eiskalter Machterhalt.
Es riecht in diesen Hinterzimmern förmlich nach kalter Berechnung.
Schnitt.
Ortswechsel.
Wir gehen knapp zwei Kilometer aus der lauten Stadt heraus, in das kleine Dorf Bethanien.
Rein in das Haus von einem Mann, der Simon der Aussätzige genannt wird.
Jesus sitzt dort mit seinen Jüngern beim Essen.
Eigentlich müsste das eine entspannte Szene sein, ein Abend unter Freunden.
Aber die Luft im Raum ist bleiern.
Jesus hat in den letzten Tagen immer wieder davon gesprochen, dass er leiden und sterben muss.
Die Jünger wollen das nicht wahrhaben.
Die Nerven liegen blank.
Und dann passiert es.
Eine Frau betritt den Raum.
Sie ist nicht eingeladen.
Sie sagt kein einziges Wort.
Sie tritt einfach an Jesus heran, und in ihren Händen hält sie ein kleines Gefäß aus Alabaster.
Darin ist reines, ungestrecktes Nardenöl.
Ein absolutes Luxusgut.
Sie öffnet diese Flasche nicht einfach vorsichtig.
Sie zerbricht den Hals des Gefäßes und gießt das gesamte, kostbare Öl über den Kopf von Jesus aus.
Mit einem einzigen Schlag ist der ganze Raum von diesem intensiven, schweren Duft erfüllt.
Was jetzt passiert, ist faszinierend.
Man würde vielleicht erwarten, dass die Leute im Raum ehrfürchtig schweigen.
Dass sie berührt sind von dieser Geste.
Aber das Gegenteil passiert.
Die Stimmung am Tisch kippt komplett.
Die Jünger – im Johannesevangelium lesen wir, dass Judas der Wortführer war – flippen förmlich aus.
Sie schnappen nach Luft und der Taschenrechner in ihren Köpfen fängt sofort an zu rattern.
„Was soll diese Verschwendung?!“, rufen sie.
„Das hätte man für 300 Denare verkaufen können!“ Macht euch das mal kurz bewusst: 300 Denare, das war damals der Lohn für ein ganzes Jahr harter Arbeit.
Ein komplettes Jahresgehalt.
Überlegt mal, was ihr in einem Jahr verdient.
Und dieses Jahresgehalt fließt gerade in wenigen Sekunden über die Haare und den Bart von Jesus auf den staubigen Fußboden.
„Man hätte es verkaufen und das Geld den Armen geben können!“, schieben sie hinterher.
Und sie fahren die Frau scharf an.
Sie schimpfen mit ihr.
Und ganz ehrlich?
Wenn wir unsere theologische Brille mal kurz abnehmen, müssen wir zugeben:
Die Jünger haben Recht.
Sie argumentieren absolut logisch.
Was sie da einfordern, ist grundsolide, evangelikale Diakonie.
Jesus selbst hat doch immer gesagt, dass man sich um die Armen kümmern soll.
Die Jünger haben einen inneren Buchhalter.
Und in der Excel-Tabelle dieses Buchhalters ergibt die Aktion dieser Frau absolut null Sinn.
Es ist ineffizient.
Es nützt niemandem.
Es ist einfach nur maßlos.
Und da, genau an diesem Tisch in Bethanien, holt uns dieser Text an unserem heutigen Palmsonntag extrem schnell ein.
Wir kennen diesen inneren Buchhalter doch alle.
Gerade wir, die wir vielleicht schon Jahrzehnte in der Gemeinde sitzen und mit Jesus unterwegs sind.
Wir haben tief verinnerlicht, dass unser Glaube nützlich sein muss.
Er muss irgendwie messbar sein.
Wir messen unseren Glauben in geleisteten Stunden für die Gemeinde, in Spendenbeträgen, in guten Taten, in den richtigen theologischen Erkenntnissen.
Alles muss einen Zweck haben.
Alles muss ordentlich, vernünftig und erklärbar sein.
Aber wo bleibt da eigentlich die Unvernunft?
Wann hast du das letzte Mal in deinem Glauben etwas getan, das absolut keinen Zweck hatte, außer Jesus zu zeigen: Ich liebe dich?
Wann war dein Glaube das letzte Mal keine reine Pflichterfüllung, sondern pure, unkalkulierte Verschwendung?
In diesem Raum in Bethanien beißen sich gerade zwei Welten.
Der Gestank der Berechnung, der Pragmatismus und das moralisch Richtige auf der einen Seite.
Und auf der anderen Seite diese pure, verschwenderische Liebe.
Während jetzt gleich die Musik spielt, möchte ich dich einladen, diese Dissonanz einfach mal mit in die Stille zu nehmen.
Frag dich selbst: Wo ist mein Glaube vielleicht nur noch eine spirituelle Buchhaltung geworden?
(Instrumentalmusik beginnt fließend.)

Block 2: Das zerbrochene Gefäß

Diese Stille tut gut.
Aber an dem Tisch in Bethanien war die Stille in diesem Moment komplett zerschnitten.
Die Luft war dick vor Vorwürfen.
Die Jünger schütteln den Kopf über diese maßlose Verschwendung.
Aber schauen wir uns diese Frau einmal genauer an.
Sie hat bisher kein einziges Wort gesagt.
Sie hat sich nicht verteidigt.
Und das muss sie auch gar nicht.
Denn plötzlich mischt sich eine andere Stimme ein.
Jesus ergreift das Wort.
Und er stellt sich wie ein schützender Schild vor sie.
Er sagt: „Lasst sie in Frieden.
Wieso wollt ihr ihr Ärger machen?
Sie hat etwas Wunderbares für mich getan.“
Das ist ein unglaublicher Moment.
Jesus wischt das völlig korrekte, theologische Argument der Jünger mit der Armenfürsorge nicht einfach vom Tisch.
Er sagt ja im nächsten Satz:
„Arme habt ihr jederzeit bei euch; ihr könnt ihnen helfen, wann immer ihr wollt.“
Aber dann kommt das entscheidende „Aber“.
„Mich aber habt ihr nicht immer bei euch.
Sie hat getan, was sie konnte.
Sie hat meinen Leib schon im Voraus für das Begräbnis gesalbt.“
Da ist es.
Das ist der Moment, in dem die Stimmung im Raum wahrscheinlich endgültig kippt.
Jesus spricht es offen aus: Sein Tod steht unmittelbar bevor.
Die Männer um Jesus herum – die Priester in Jerusalem, aber auch seine engsten Freunde am Tisch – sie alle haben Pläne geschmiedet, diskutiert, gerechnet und organisiert.
Jesus hatte ihnen auf dem ganzen Weg nach Jerusalem immer wieder gesagt:
„Ich werde leiden.
Ich werde sterben.“
Aber die Männer haben das weggedrückt.
Sie wollten einen siegreichen Messias, keinen leidenden.
Aber diese Frau... diese namenlose Frau hat zugehört.
Sie hat verstanden, was jetzt auf dem Spiel steht.
Sie hat diese feinen Risse gespürt, die sich durch das Leben von Jesus zogen.
Sie hat intuitiv zum Kern der Sache durchgedrungen.
Sie wusste: Es gibt Momente im Leben, die sind einmalig.
Ein Fenster, das sich öffnet und bald für immer schließt.
Die „Jetzt-Zeit“.
Und deshalb rechnet sie nicht.
Sie dosiert ihr Öl nicht in kleinen, vernünftigen Tropfen, um noch etwas für schlechte Zeiten aufzuheben.
Sie bricht den Hals des Alabastergefäßes ab.
Es gibt kein Zurück mehr.
Es ist eine totale, unwiderrufliche Hingabe.
Eine Liebe, die buchstäblich alles gibt.
Pure Love.
Sie salbt ihren König für sein Begräbnis, noch bevor er das Kreuz überhaupt erreicht hat.
In einer Welt, in der alle nur noch funktionieren und rechnen, ist sie die Einzige, die einfach nur liebt.
Sie will Jesus nahe sein, egal was die anderen am Tisch tuscheln.
Und genau diese Sehnsucht nach Nähe bringt uns zu dem Lied, das wir jetzt gleich gemeinsam singen und hören werden.
„Näher, mein Gott, zu dir.“
Vielleicht kennt ihr die Geschichte hinter diesem Lied.
Es erzählt eigentlich gar nicht von Bethanien, sondern von Jakob aus dem Alten Testament.
Jakob befand sich auf der Flucht, mitten in der Wüste.
Er hatte nichts mehr.
In der Nacht nahm er sich einen harten Stein als Kopfkissen.
Und genau dort, auf diesem Stein, in seiner tiefsten Krise, begegnete ihm Gott.
Das Alabastergefäß der Frau in unserer Geschichte war ebenfalls aus Stein.
Und genau wie bei Jakob war es dieser harte, zerbrochene Stein, durch den die ultimative Nähe zu Gott spürbar wurde.
Die Frau wusste: Der Weg Jesu führt nicht auf einen irdischen Thron, sondern an ein Kreuz.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – wollte sie ihm nahe sein.
Im englischen Original des Liedes heißt es in der ersten Strophe: „Und wenn es ein Kreuz ist, das mich zu dir erhebt...“
Wir werden dieses Lied jetzt auf eine ganz besondere Weise singen.
Wir starten gemeinsam mit der ersten Strophe auf Deutsch: „Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!
Drückt mich auch Kummer hier, drohet mir Gefahr.“
Danach wird Ammar das Lied auf Arabisch weitersingen.
Einer Sprache, die dem Aramäischen, das Jesus und die Frau damals in Bethanien gesprochen haben, so unendlich viel näher ist als unser Deutsch.
Wenn wir diesen fremden und doch so vertrauten Klängen zuhören, dann lasst uns das als unser eigenes Gebet mitnehmen: Diese absolute Hingabe an den Jesus, der für uns ans Kreuz geht.
Und ganz am Ende des Liedes stimmen wir alle noch einmal gemeinsam in die erste deutsche Strophe ein.
(Die Musik beginnt.)

Block 3: Das Denkmal und unsere Antwort

Wenn die letzten Töne eines solchen Liedes verklingen, spürt man förmlich, wie dicht Himmel und Erde manchmal beieinanderliegen können.
Diese ungeschönte, reine Sehnsucht nach Gott.
Und genau aus dieser dichten Atmosphäre heraus spricht Jesus im Haus des Simon in Betanien seine letzten Worte in dieser Szene.
Es sind Worte, die ein Denkmal setzen.
Jesus sagt:
„Amen, ich sage euch: Überall, wo das Evangelium in der Welt gepredigt wird, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat“.
Denkt mal einen Moment darüber nach.
Diese Frau, deren Namen wir bei Markus nicht einmal erfahren, bekommt von Jesus das größte Denkmal der gesamten Kirchengeschichte.
Während die männlichen Jünger immer wieder an Jesu Lehre scheitern, ihn nicht verstehen und bald fliehen werden, wird ausgerechnet die intuitive und mutige Tat dieser Frau zum Vorbild.
Sie hat als Einzige erkannt, wer Jesus ist und was sein Weg ans Kreuz bedeutet.
Aber warum ist ihr Handeln so untrennbar mit dem Evangelium verbunden?
Warum sagt Jesus, dass man ihre Geschichte immer erzählen muss, wenn man von der guten Nachricht spricht?
Weil ihre Tat das Evangelium im Kern zusammenfasst.
Das Evangelium ist keine Buchhaltung.
Es ist keine Liste von Dingen, die wir brav abarbeiten müssen.
Das Evangelium ist die Geschichte von einem Gott, der sich aus reiner, unkalkulierter Liebe für uns verschwendet.
Jesus selbst wird nur wenige Tage später sein Leben ausgießen – wie dieses Nardenöl.
Er gibt sich völlig hin.
Und die Frau hat diese verschwenderische Liebe einfach nur erwidert.
Dabei wischt Jesus unseren Alltag und unsere Verantwortung nicht beiseite.
Er spielt den Dienst am Nächsten nicht gegen die Anbetung aus.
Er sagt ganz realistisch:
„Die Armen habt ihr immer bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun“.
Die Armenfürsorge bleibt ein absolut zentraler Auftrag.
Jesus sagt nicht: Vergesst die Not in der Welt und kauft nur noch teures Parfüm.
Aber er rückt unsere Prioritäten zurecht.
Er zeigt uns: Jedes soziale Engagement, jede Spende, jede noch so gute diakonische Arbeit trocknet innerlich aus und wird zu einem leblosen Programm, wenn sie nicht aus der tiefen, persönlichen Liebe zu ihm entspringt.
Die Jünger hatten die richtige Ethik, aber in diesem Moment ein kaltes Herz.
Die Frau hatte vielleicht nicht die pragmatischste Lösung, aber sie hat verstanden, dass in diesem historischen Grenzmoment, in dieser besonderen „Jetzt-Zeit“, nur eines zählte: die Gegenwart Jesu.
Sie hat getan, was sie konnte.
Was heißt das für uns?
Wenn wir morgen früh aufwachen und die neue Woche beginnt – wie sieht unser Alabastergefäß aus?
Vielleicht ruft dieser Text dich heute dazu auf, den inneren Taschenrechner deines Glaubens mal für einen Moment auszuschalten.
Hör auf, dich nur daran zu messen, wie „nützlich“ du für Gott bist.
Der Dichter Erich Fried hat einmal geschrieben:
„Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe“.
Wie wäre es, wenn wir als Gemeinde wieder mehr den Mut hätten, diese unvernünftige Liebe zu leben?
Wenn wir Jesus Zeit schenken, die keinen offensichtlichen „Ertrag“ bringt.
Wenn wir jemandem vergeben, obwohl es unlogisch erscheint.
Wenn wir großzügig sind, ohne eine Gegenleistung zu berechnen.
Das ist der Moment, in dem der Hals der Flasche abbricht.
Als die Frau das Öl ausgoss, da erfüllte dieser süße, schwere Duft das ganze Haus.
Nichts konnte diesen Duft mehr zurück in die Flasche drängen.
Stell dir vor, unsere Gemeinde wäre so ein Haus.
Ein Ort, an dem Menschen zur Tür hereinkommen und nicht zuerst unsere perfekten Programme, unsere theologische Korrektheit oder unsere organisatorische Effizienz bemerken.
Sondern wo sie den Duft spüren.
Den Duft von Menschen, die wissen, dass sie unendlich geliebt sind, und die diese Liebe hemmungslos an Christus und aneinander zurückgeben.
Jesus ist es wert.
Amen.

Segen zum Abschluss (Palmarum)

Gott segne dich und behüte dich.
Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Möge der Gott der Hoffnung dein Herz weit machen,
damit du seine Liebe dort entdeckst, wo andere nur Mangel sehen.
Möge Christus, der den Weg der Hingabe gegangen ist,
dir schenken, aus der Fülle seiner Gnade zu schöpfen.
Möge der Heilige Geist dein Leben mit einem Wohlwollen erfüllen,
das Kreise zieht … in deinem Haus, an deinem Arbeitsplatz
und überall dort, wo Menschen auf einen Hoffnungsschimmer warten.
So gehe hin im Frieden des Herrn:
Gesegnet im Gehen, gesegnet im Verweilen.
Heute, morgen und an jedem neuen Tag.
Amen.
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