Narben erzählen Geschichten

Gewinnen, wenn's zählt  •  Sermon  •  Submitted   •  Presented
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Narben erzählen Geschichten

1. Das Protokoll des Überlebens

Ich muss euch etwas gestehen: Ich habe eine Schwäche für die alten Actionfilme der Neunzigerjahre.
Die Lethal Weapon-Reihe mit Mel Gibson und Danny Glover gehören für mich zu diesen Aktionklassikern.
Ihr müsst die Reihe nicht kennen, ich will euch nur von einer Szene erzählen aus Lethal Weapon 3.
Mel Gibson spielt den ziemlich kaputten Polizisten Martin Riggs, und er trifft auf eine Kollegin, Lorna Cole, gespielt von Rene Russo.
Die beiden sitzen irgendwann abends zusammen und fangen plötzlich an, ihre Narben zu vergleichen.
Es beginnt fast wie ein absurder Wettbewerb.
Er zeigt eine Narbe von einer Schusswunde am Arm.
Sie kontert mit einer Narbe von einem Messerangriff auf der Schulter.
Er zeigt die Spuren einer alten Operation am Knie, sie zeigt eine Verletzung aus einem asiatischen Kampfsportduell.
Am Ende lachen beide.
Es ist eine humorvolle, fast zärtliche Szene in einem ansonsten lauten Film.
Aber diese Szene verrät uns etwas Tiefes über das Menschsein: Narben sind das Protokoll unseres Überlebens.
Niemand zeigt eine Narbe, um zu sagen: „Schau mal, wie schwach ich bin.“
Eine Narbe sagt immer das Gegenteil.
Sie sagt: „Da war ein Kampf.
Da war ein tiefer Schnitt.
Da war Schmerz.
Aber ich habe überlebt.
Die Wunde ist geschlossen.“
Biologisch gesehen sind Narben faszinierend.
Sie sind kein offenes Problem mehr.
Sie sind stabiles, abgeschlossenes Ersatzgewebe.
Sie sind der sichtbare Beweis dafür, dass die Heilung das letzte Wort behalten hat.
Wir erleben gerade die Fußball-Weltmeisterschaft.
Am Ende wird die eine Mannschaft den Pokal in die Höhe strecken.
Wir werden dann fröhliche und glückliche Gesichter sehen.
Aber wenn du genauer hinschaust, wenn die Kamera nah an die Spieler heranzoomt, dann siehst du etwas anderes.
Du siehst die dicken Tapes um die Sprunggelenke.
Du siehst die wulstigen OP-Nähte auf den Knien.
Kein einziger Spieler erreicht das Finale einer Weltmeisterschaft ohne Narben.
Sie sind der Preis für den jahrelangen Einsatz, der Beweis für das Durchhalten, die stummen Zeugen von harten Tälern, die vor dem großen Triumph durchschritten werden mussten.
Das gilt für den Sport, aber das gilt auch für unser Leben.
Nur dass wir unsere Narben meistens nicht so stolz vorzeigen wie Mel Gibson im Film oder die Athleten auf dem Rasen.
Wir verstecken sie.
Vor allem die unsichtbaren Narben.
Die Risse in den Biografien.
Wir alle, die wir heute Morgen hier sitzen – egal ob 20, 50 oder 80 Jahre alt –, wir tragen diese Spuren.
Da ist die Narbe einer Ehe, die trotz aller Versuche in die Brüche gegangen ist.
Da ist die Narbe einer beruflichen Sackgasse, wo ein Lebenstraum beerdigt werden musste.
Da ist der tiefe, vernarbte Schmerz über den Verlust eines Menschen, der eine Lücke hinterlassen hat, die nie wieder ganz zugehen wird.
Und manchmal sind es die Narben der eigenen Fehlentscheidungen.
Momente, in denen wir uns eingestehen müssen: Ich habe es selbst an die Wand gefahren.
Heute Morgen soll es um genau diese Spuren gehen.
Wir fragen nicht nach dem oberflächlichen Hochglanz-Gewinnen, sondern nach dem Gewinnen für Fortgeschrittene: Was macht Gott eigentlich mit den Rissen in unseren Lebensläufen?

2. Menschen, die denken, sie wären gescheitert

In meiner Bibel steht über dem 21. Kapitel des Johannesevangeliums eine handschriftliche Notiz, die ich mir vor Jahren an den Rand geschrieben habe: „Die Geschichte von Menschen, die denken, sie wären gescheitert.“
Wir begegnen den Jüngern am See von Tiberias.
Die große Dynamik der Jesus-Bewegung scheint vorbei zu sein.
Ja, Jesus ist auferstanden, aber wie geht es jetzt weiter?
Die Jünger hängen in der Luft.
Und dann ergreift Petrus die Initiative.
Er sagt diesen einen, fast fatalistischen Satz: „Ich gehe fischen.“ (Joh 21,3)
Petrus kehrt zurück in seinen alten Beruf.
Das ist ein innerer Rücktritt.
Er packt die Netze aus, die er drei Jahre zuvor am Ufer liegengelassen hatte, um Menschenfischer zu werden.
Warum tut er das?
Weil Petrus innerlich davon überzeugt ist, dass er für das große Spiel Jesu dauerhaft disqualifiziert ist.
Er hat sich selbst ausgemustert.
Erinnern wir uns an die Passionsnacht.
Petrus war der Mann für die vorderste Linie.
Der aggressive Anführer, der getönt hatte: „Und wenn alle dich verlassen – ich niemals!“ (Matthäus 26,33 Parr)
Und nur wenige Stunden später steht dieser selbsternannte Fels im Hof des Hohepriesters.
Johannes berichtet uns in Kapitel 18 von einem ganz bestimmten Detail: Es war kalt, und die Diener und Knechte hatten ein Kohlenfeuer angezündet, um sich zu wärmen (Joh 18,18).
Petrus stellte sich dazu.
Das griechische Wort für dieses Kohlenfeuer heißt anthrakia.
Es ist ein extrem seltenes Wort im Neuen Testament.
Es taucht im gesamten Text nur zweimal auf.
Das erste Mal in dieser Nacht des Verrats.
Drei einfache Fragen von Umstehenden genügen, und der starke Petrus bricht unter dem Druck der Situation komplett zusammen.
Er leugnet, Jesus überhaupt zu kennen.
Er flucht, er distanziert sich.
Und dann kräht der Hahn.
Jeder Psychologe weiß heute, dass Gerüche die stärksten emotionalen Trigger in unserem Gehirn sind.
Düfte werden ohne Umwege in dem Bereich unseres Gehirns verarbeitet, der für Gefühle und Erinnerungen zuständig ist.
Ich bin mir sicher: Jedes Mal, wenn Petrus in den Wochen danach irgendwo in einem Dorf an einem einfachen Nutzfeuer vorbeiging, wenn ihm dieser beißende Rauch von Holzkohle in die Nase stieg, schoss ihm sofort die Scham in den Kopf.
Der Geruch des Kohlenfeuers war der Trigger für sein größtes Versagen.
Seine tiefste, brennende Wunde.
Und nun springen wir zurück zu Johannes 21.
Die Jünger haben die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen.
Am Morgen steht Jesus am Ufer.
Sie erkennen ihn erst nicht.
Er führt sie zu einem überreichen Fischfang, und als sie schließlich an Land kommen, berichtet uns Johannes ein unscheinbares Detail.
Er schreibt: „Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden.“ (Joh 21,9)
Da steht es wieder: anthrakia.
Das zweite Mal im Neuen Testament.
Stellt euch diese Szene vor.
Petrus steigt aus dem Boot, er geht auf Jesus zu, und plötzlich riecht er es.
Derselbe Geruch wie in der Nacht des Verrats.
Die Scham schießt ihm ins Gesicht.
Er erwartet die Standpauke seines Lebens.
Er wartet auf das Urteil.
Er denkt: Jetzt rechnet Jesus mit mir ab.
Jetzt verweist er mich des Platzes.
Aber Jesus tut etwas zutiefst Heilsames.
Er bricht das Trauma nicht auf, indem er Petrus demütigt.
Er stellt keine moralischen Forderungen.
Er sagt einfach nur: „Kommt her und esst.“ (Joh 21,12)
Jesus hat Frühstück gemacht.
Er lädt den Versager an seinen Tisch.
An genau dem Ort, der nach Niederlage riecht, schafft Jesus eine neue Erinnerung.
Er reprogrammiert den Trigger der Scham in einen Anker der bedingungslosen Annahme.
Er begegnet der frischen Wunde des Petrus nicht mit einem moralischen Urteil, sondern mit seiner heilenden Gegenwart.

3. Die Werkstatt Gottes

Viele Jahre später greift dieser reife, gezeichnete Petrus zur Feder.
Er schreibt einen Brief an Gemeinden, die in Kleinasien unter massivem Druck stehen.
Sie werden ausgegrenzt, belächelt, sozial marginalisiert.
Ihr Fundament wackelt.
Und Petrus schreibt ihnen nicht als unnahbarer Theoretiker.
Er schreibt ihnen als ein Mann, der weiß, wie es ist, wenn das Leben einreißt.
Er schreibt als Überlebender des Kohlenfeuers.
In 1. Petrus 5, Vers 10 schreibt er Worte, die wie eine gut ausgestattete Werkstatt klingen.
Er sagt:
„Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, er selbst wird euch, die ihr eine kurze Zeit leidet, zurechtbringen, stärken, kräftigen, gründen.“
Im griechischen Urtext benutzt Petrus hier vier handfeste, fast handwerkliche Verben.
Sie beschreiben keine vier verschiedenen Aktionen, sondern sie bilden eine aufsteigende Bewegung: von der therapeutischen Wiederherstellung über äußere Stabilisierung zur inneren Kraftübertragung bis hin zur fundamentalen Neustrukturierung unseres Lebens.
Sie zeigen uns, wie Gott Schritt für Schritt aus einer blutenden Wunde eine stabile Narbe macht.
Das erste Wort heißt Katartizō(in der Zukunftsform katartisēi).
Dieses Verb bedeutet wörtlich, etwas in Ordnung zu bringen, daher auch: befähigen, ausrüsten, vollenden.
Im Griechischen beschreibt es das Reparieren von zerrissenen Netzen oder in der Medizin: einen gebrochenen oder ausgekugelten Knochen wieder präzise einzurenken.
Der Apostel Paulus spricht an anderer Stelle davon, mit diesem Begriff die Mängel des Glaubens zu beheben.
Das ist die allererste Phase für Wunden, die noch ganz frisch sind.
Wenn dein Leben durch Leiden zerschlagen ist – emotional, moralisch, geistlich – kommt Gott nicht mit frommen Ratschlägen.
Er betreibt Erste Hilfe.
Gott wird uns herstellen und in Ordnung bringen, so dass wir keinen Mangel mehr haben.
Er sammelt die Trümmer auf und macht das Unbrauchbare wieder funktionsfähig.
Das zweite Wort heißt Stērizō (stērixēi).
Dieses Verb bedeutet, etwas festzumachen oder zu stärken.
Es beschreibt das Aufstellen von etwas, das wackelt oder umzustürzen droht.
Stell dir einen dicken Stützpfosten vor, der in den Boden gerammt wird, oder eine wackelnde Mauer, die gestützt wird.
Nach der Wiederherstellung folgt die Stabilisierung.
Gott lässt uns nach dem Flicken nicht einfach im Lazarett liegen.
Du wirst nicht nur repariert, sondern gefestigt.
Gott wird uns mit Stärke und Kraft ausrüsten, innerlich, so dass wir nicht mehr zu Fall kommen oder entmutigt werden.
Das dritte Wort ist Sthenóō(sthenōsēi).
Dieses Verb bedeutet, stark zu machen oder Kraft zu verleihen.
Es geht über die reine Stabilisierung hinaus.
Es ist die Übertragung innerer Kraft selbst.
Gott spritzt neue Energie in die erschöpften Muskeln unseres Glaubens.
Ein Gläubiger erhält unter Druck nicht nur Mut zum Durchhalten, sondern die tatsächliche Fähigkeit, zu handeln, ohne hoffnungslos zu werden.
Aus dem bloßen Überleben wird wieder handlungsfähiges Leben.
Das vierte Wort schließt den Kreis: Themelióō (themeliōsēi).
Dieses Verb kommt von „Fundament“ und bedeutet gründen oder übertragen befestigen.
Es ist ein architektonischer Begriff.
Hier gräbt Gott in die Tiefe und legt dein ganzes Leben neu auf Christus aus.
Deine Existenz wird nicht bloß oberflächlich geflickt, sondern fundamental umgebaut.
Gott wird uns gründen und uns einen festen, unerschütterlichen Lebensgrund geben.
Diese vier Verheißungen stellen etwas von der Entfaltung jener ewigen Herrlichkeit dar, zu der wir in Christus berufen worden sind.
Für dein Leben bedeutet das: Gott macht dich nicht nur ganz – er befestigt dich, befähigt dich und baut dich neu auf.
Das ist nicht einfach nur Trost.
Das ist eine völlige Transformation.

4. Zurück auf dem Platz

Wenn wir auf unsere eigenen Wunden und Risse schauen, drängt sich oft diese eine große Frage auf: Warum lässt Gott das Leid zu?
Das ist eine ehrliche und tiefe Frage.
Aber vielleicht ist für unseren Alltag eine andere Frage noch viel drängender: Wie antwortet Gott auf unser real erlebtes Leid?
Leid ist und bleibt ein Riss in der Schöpfung.
Es ist da, es tut weh und es wirft uns aus der Bahn.
Gott antwortet darauf nicht mit frommen Kalendersprüchen.
Er antwortet, indem er sich an unser Feuer setzt, das zerrissene Netz in die Hand nimmt und anfängt zu flicken und ein neues Fundament zu gießen.
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere von euch noch an Sebastian Deisler.
Anfang der Zweitausenderjahre galt er als das absolute Jahrhunderttalent des deutschen Fußballs.
Aber sein Körper und seine Seele hielten dem Druck nicht stand.
Nach fünf schweren Knieoperationen und depressiven Episoden gab er 2007, mit gerade einmal 27 Jahren, seinen Rücktritt bekannt.
Er hat sich selbst ausgemustert, weil der unbarmherzige Druck dieses Leistungssystems mit seinen Narben nicht vereinbar war.
Er zog die Reißleine und verließ den Platz.
Genau an diesem Punkt der Selbst-Ausmusterung stand Petrus am See von Tiberias.
Er hatte innerlich gekündigt.
Er dachte, das Reich Gottes funktioniert wie der Profisport: Wer so jämmerlich versagt hat wie er, gehört auf die Tribüne oder wird aus dem Kader gestrichen.
Aber Jesus bricht diesen Kreislauf.
Er akzeptiert die Kündigung des Petrus nicht.
Gott sortiert uns nicht aus.
Er setzt dich nach dem Kreuzbandriss oder dem fatalen Eigentor deines Lebens nicht auf die Transferliste.
Er investiert sich voll in dich und sagt: „Und jetzt zurück auf den Platz.
Weide meine Schafe.
Ich brauche dich im Team.“
Wir stellen uns das Gewinnen im Leben oft so vor: ein fehlerfreier Lebenslauf, keine Rückschläge, unversehrt durchkommen.
Aber ein echtes Gewinnen, wenn's zählt – ein Gewinnen im realen, oft rauen Leben – sieht anders aus.
Das Gewinnen im Reich Gottes bedeutet nicht, dass uns der Schmerz erspart bleibt.
Der wahre Gewinn liegt in der existenziellen Erfahrung: An meinen Brüchen muss ich nicht zerfallen.
Ich darf erleben, wie Gott mich nach der tiefsten Niederlage wieder aufrichtet und meine Existenz auf ein unerschütterliches Fundament stellt.
Und wenn wir so zurück auf den Platz gehen, dann erzählen unsere Narben unsere Geschichte.
Petrus schreibt aus seiner harten, eigenen Biografie heraus.
Seine Geschichte legitimiert seine Worte.
Wir sehen das in unserer Gesellschaft an so vielen Stellen.
Wer leitet die wirksamsten Selbsthilfegruppen für Suchtkranke?
Es sind oft trockene Alkoholiker.
Wer kann Eltern, die ein Kind verloren haben, am besten verstehen und begleiten?
Es sind Väter und Mütter, die diesen Weg selbst gegangen sind.
Gott schmeißt deine Geschichte nicht weg.
Wenn du heute Morgen hier sitzt und eine frische Wunde trägst: Lass dir von Gott das Netz flicken.
Er ist da.
Er macht dir Frühstück.
Er klagt dich nicht an.
Du musst jetzt nichts leisten.
Und wenn du heute hier sitzt und merkst: Meine Wunden von damals sind zu stabilen Narben geworden – dann versteck sie nicht.
Geh zu dem Menschen in deinem Umfeld, der gerade frustriert am Boden liegt, zeig auf deine Narbe und sag: „Schau mal.
Ich habe das auch durchgemacht.
Es war furchtbar, aber ich habe es mit Gottes Hilfe überlebt.
Da ist Jesus, der Netze flickt.
Komm, wir gehen gemeinsam an sein Feuer.“
Amen.
———

Segen

Geht in diese neue Woche mit dem Segen des Gottes, der das Zerbrochene sieht und hält.
Der Gott aller Gnade segne und behüte euch. Er gebe euch festen Boden unter die Füße, wenn das Leben ins Wanken gerät. Er berühre die Stellen eurer Seele, die noch schmerzen, mit seinem Frieden. Und er schenke euch die Gewissheit: Ihr seid geliebt, genau so, wie ihr seid – mit eurer ganzen Geschichte.
Der Herr richte euch auf. Er schenke euch Kraft, die nicht aus eurer eigenen Anstrengung kommt, sondern aus seiner Gegenwart zu euch fließt. Er gebe euch den Mut, barmherzig mit euch selbst und euren Mitmenschen durch diese Tage zu gehen.
So segne euch der allmächtige und barmherzige Gott: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
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