Die Superpfarrerin (Jer 1,4-10)
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Predigt für die homiletische Hausarbeit als Voraussetzung fürs Vikariat
Predigt für die homiletische Hausarbeit als Voraussetzung fürs Vikariat
Liebe Gemeinde,
In einigen Jahren wird es so weit sein. Euer Pfarrer geht in seinen wohlverdienten Ruhestand und ihr macht euch auf den Weg einen neuen Pfarrer für eure Gemeinde zu gewinnen. Stellt euch vor, wie ihr die Stelle ausschreibt und sich erst mal nichts tut. Doch dann bewirbt sich endlich jemand, und damit ihr nicht an mich denkt, könnt ihr euch gern eine Pfarrerin vorstellen. Das erste Kennenlernen läuft richtig gut und es entsteht beidseitig der Wunsch die nächsten Jahre gemeinsam zu gestalten. Je länger ihr mit dieser Pfarrerin unterwegs seid, umso mehr merkt ihr, was sie eigentlich alles kann. Die Gottesdienste sind liebevoll gestaltet und man fühlt sich einfach wohl, wenn man sonntags in der Kirche ist. Die Predigten der Pfarrerin sind ansprechend und begeistert merkt ihr, wie gern ihr dieser Pfarrerin zuhört. Es ist Balsam für die Seele, sie findet jedes Mal die richtigen Worte, um euer Herz zu erreichen. Doch nicht nur am Sonntag scheint sie auf Hochtouren zu laufen, auch unter der Woche ist es eine Wohltat ihr zu begegnen. Bei jeder Begegnung wird man von ihr angestrahlt. Sie kann richtig gut zuhören. Sie hat wahnsinnig gute Ratschläge, wenn man mit einem Problem zu ihr kommt. Geduldig nimmt sie sich für jeden so viel Zeit wie er braucht. Mit kreativen Ideen schafft sie es die Kirchengemeinschaft und die Dorfgemeinschaft zu stärken und miteinander zu verbinden. Und hat man mal mit ihr zusammengearbeitet, dann bekommt man Lust auf mehr, denn solch einen Teamplayer findet man selten. Mit ihrer Art motiviert sie jeden auch selbst mitanzupacken. Und ab und zu bekommt man einen Einblick in ihre Beziehung zu Gott. Es fühlt sich dann immer so an, als wäre sie Gott ganz nahe. Das bewegt und weckt den Wunsch, dass es bei einem selbst auch so ist. Was ist das für eine Pfarrerin? Wer hätte so jemanden nicht gern bei sich in der Gemeinde? Aber wo findet man solch einen Pfarrer? [eine kurze Stille wirken lassen]
Du bist es. Du bist diese Pfarrerin. Du bist dieser Pfarrer. Oder zumindest könntest du es sein. Manche von euch werden jetzt vielleicht ein Gefühl der Überforderung verspüren. Ich? Das kann ich doch nicht. So ging es auch Jeremia. In Jer 1,6 sagt er: „Ich kann doch nicht reden und eigentlich bin ich auch noch zu jung.“ Je nach Situation würden sich auch andere Gründe finden lassen: Ich bin viel zu beschäftigt, meine Arbeit und meine Familie beanspruchen meine ganze Zeit. Ich bin zu alt geworden und kann nicht mehr. Ich bin zu klein, zu schwach, zu unbegabt, ich hab doch gar nicht Theologie studiert. Ich kann das nicht. Wisst ihr, was Gott Jeremia antwortet? Stimmt, sorry, ich hab den Falschen erwischt? Nein. Gott nimmt ihn in seiner Unsicherheit ernst, aber er macht auch klar, dass Jeremia nicht auf sich selbst, sondern auf Gott blicken soll. Jer 1,7: Er soll dorthin gehen, wo Gott ihn hinschickt, und er soll das reden, was Gott ihm sagt. Wenn ich dir also sage, dass du diese besondere Pfarrerin, dieser besondere Pfarrer bist, dann sag ich damit nicht, dass ihr jetzt alle Theologie studieren solltet. Ich denke aber, dass ihr auch ohne Studium von Gott zum Pfarrdienst berufen seid. Einfach weil ihr durch euren Glauben und durch die Taufe von Jesus in diesen Dienst mit hineingenommen werdet. Das Schöne am Pfarrdienst ist, dass es in erster Linie gar nicht um irgendwelche Aufgaben geht. Denn vor allen Aufgaben steht die Nähe zu Gott. Als Pfarrer dürft ihr Gott ganz nahekommen bzw. ist er euch ganz nahe. Er sagt in Jer 1,8 zu Jeremia und auch zu uns heute: „Ich bin bei dir.“ Das Wichtigste im Pfarrdienst ist diese Nähe zu Gott, zu der ihr auch alle berufen seid. Durch diese Nähe können wir im Gebet mit Gott reden und uns auch von ihm durch sein Wort anreden lassen.
Erst nach diesem ersten Fokus des Pfarrdienst kommt ein zweiter dazu. Denn aus der Gemeinschaft mit Gott, wird man von Gott gesendet. Das kann bei jedem ganz unterschiedlich aussehen. Entscheidend ist jedoch, dass Gott uns mit dieser Sendung nicht überfordern möchte. Deswegen gibt er uns auch nicht einfach einen Auftrag, den wir, egal ob wir wollen oder nicht, zu erledigen haben. Vielmehr versucht er uns für einen Auftrag zu gewinnen: In seiner Ansprache wird deutlich, dass er uns geeignet hält. Mit seiner Versicherung, dass er bei uns ist, stärkt er uns den Rücken. Durch seinen Heiligen Geist befähigt er uns, sodass wir nicht vor einer unlösbaren Aufgabe stehen. Gott verspricht uns nicht, dass unsere Aufgabe immer leicht ist. Zu Jeremia sagt er in Jer 1,8: Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und werde dich retten. Das klingt nicht so, als würde es keine Schwierigkeiten geben. Aber Gott ermutigt Jeremia damit, dass er mit ihm durch diese Schwierigkeiten geht. Er lässt Jeremia nicht allein. Und so lässt er auch uns nicht allein. So stellt er uns vor die Wahl, wir dürfen uns frei für oder auch gegen Gottes Auftrag entscheiden.
Was also ist dann unsere Aufgabe? Sollen wir alle am Sonntag von der Kanzel predigen? Ich glaube nicht, auch wenn das sicher einige von euch könnten. Unsere Aufgabe ist es Gottes Botschaft in die ganze Welt zu bringen. Die Welt fängt bei dir zu Hause, bei deiner Familie an. Geht weiter in deiner Nachbarschaft, in die Gemeinde, in das ganze Dorf und seine Umgebung. Und von dort noch viel weiter. Die Botschaft, das Evangelium, dass Jesus für uns Menschen gestorben und auferstanden ist, damit wir Gemeinschaft mit Gott haben können, soll überall bekannt werden. Und das geht am besten, indem wir durch unser Reden und unser Tun der Welt Gottes Liebe zeigen. Das kann bei kleinen Dingen anfangen, indem wir unseren Nachbarn, Mitschüler oder Kollegen unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen oder einfach nur ein offenes Ohr. Auch ein kleiner Zuspruch „Ich bete für dich!“ hilft in schwierigen Zeiten, besonders dann, wenn wir auch tatsächlich für sie bzw. ihn beten. Zu solchen Diensten hat Gott uns, dich und mich, als Pfarrer berufen.
Deshalb noch einmal: Du bist diese Pfarrerin! Und du bist dieser Pfarrer!
