Ich sehe da etwas in dir
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Mitten in der Realität
Mitten in der Realität
Wenn ich sonntags durch diese Türen komme, läuft in meinem Kopf meistens schon ein unsichtbarer Countdown.
Ich habe eine ganze Liste an Dingen im Kopf: Was braucht die Person am Beamer noch von mir?
Gibt es noch letzte Absprachen mit der Moderation oder den Musikern?
Wem muss ich heute unbedingt noch eine Aufgabe weitergeben?
Mit wem wollte ich nach dem Gottesdienst noch kurz sprechen?
Und habe ich eigentlich den Ablauf richtig im Kopf und weiß, wann ich dran bin?
Ich merke an mir selbst: Ich bin in diesen Momenten oft so in einem „Management-Modus“, dass ich die Menschen zwar ansehe, aber eigentlich nur Funktionen und Aufgaben sehe.
Ich sehe oft nicht den Menschen, sondern ich sehe den Mitarbeiter, den Gesprächsbedarf oder den nächsten Programmpunkt.
Unsere gemeinsame Spannung
Unsere gemeinsame Spannung
Vielleicht habt ihr sonntags keinen Ablaufplan im Kopf, wenn ihr in die Gemeinde kommt.
Aber ich habe beobachtet, dass uns das im ganz normalen Gemeindealltag oft erstaunlich ähnlich geht.
Wir bewegen uns in unseren festen Kreisen.
Wir gehen zur Bibelstunde, wir sitzen im Teenie-Kreis, wir treffen uns beim Frauenfrühstück oder bei der Kaffeegemeinschaft.
Und dabei machen wir oft das, was wir immer machen:
Wir setzen uns auf denselben Platz, neben dieselben Leute.
Wir trinken unseren Kaffee und starten meistens auch mit denselben Fragen in die Gespräche.
Wir haben uns das so angewöhnt.
Aber dabei schauen wir oft genauso funktional auf unsere Sitznachbarn, wie ich auf meinen sonntäglichen Ablaufplan.
Warum fällt es uns eigentlich oft so schwer, wirklich hinzuschauen und das Potenzial in unserem Gegenüber zu entdecken?
Manchmal liegt es an einer ganz bequemen Annahme.
Wir denken unbewusst:
„Das wird sich schon von alleine regeln.
Wenn jemand etwas gut kann, wird er sich schon melden.
Gott führt das schon irgendwie.“
Und ja, das stimmt: Gott wirkt und Gott führt.
Aber wir vergessen dabei leicht, dass Gott meistens uns als einzelne Personen gebrauchen möchte, um genau das bei jemand anderem anzustoßen.
Wir warten darauf, dass sich Dinge von allein entwickeln, oder verlassen uns darauf, dass die Gemeindeleitung das schon irgendwie organisiert.
Und wenn wir ganz ehrlich sind, gibt es noch andere Gründe, die uns oft zurückhalten, etwas im anderen zu sehen und zu fördern.
Da ist die Angst vor Kontrollverlust – wenn ich jemanden ermutige, etwas Neues zu tun, wird es vielleicht nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.
Da ist die Angst vor Konflikten – was, wenn mein Gegenüber das gar nicht will?
Oder ganz schlicht die Angst vor Versagen.
Jemand anderen aufzubauen, kostet einfach Zeit und Kraft.
Und manchmal kostet es auch ganz reale Investitionen.
Ich würde heute nicht hier vorne stehen, wenn es in meiner Vergangenheit nicht Menschen gegeben hätte, die etwas in mir gesehen haben und bereit waren, dafür einen Preis zu zahlen.
Da gab es Leute, die haben mir theologische Bücher geschenkt.
Andere haben in mich investiert und eine Konferenz oder eine Schulung für mich bezahlt, die ich mir selbst nie hätte leisten können.
Sie haben Zeit, Geld und Vertrauen in die Hand genommen, weil sie etwas in mir gesehen haben.
Gottes Perspektive
Gottes Perspektive
Wenn wir in die Bibel schauen, sehen wir, dass Jesus genau diesen investierenden Blick für Menschen hatte.
Er hatte keine Checkliste mit Aufgaben, die er einfach an fähige Leute verteilen wollte.
Wir finden im Matthäusevangelium in Kapitel 4, Vers 19 eine Szene, die alles verändert.
Jesus geht am See Genezareth entlang.
Er sieht zwei Brüder, Simon und Andreas.
Gewöhnliche Fischer.
In unserer letzten Predigtreihe, den „Tiefgängern“, haben wir uns intensiv damit beschäftigt, was es heißt, Jesus ähnlicher zu werden.
Vielleicht erinnert ihr euch noch daran, wie das religiöse System zur Zeit Jesu eigentlich funktionierte.
Wenn jemand damals einem Rabbi nachfolgen wollte, musste er sich bewerben.
Er musste theologische Prüfungen ablegen und beweisen, dass er klug und gebildet genug war.
Das System sagte: Zeig mir erst, was du kannst, dann erlaube ich dir, dabei zu sein.
Jesus bricht dieses System hier komplett auf.
Er wartet nicht auf Bewerbungen.
Er geht dorthin, wo die Menschen leben und arbeiten.
Er tritt mitten in ihren Alltag am See.
Man muss sich das einmal plastisch vorstellen.
Da stehen diese Männer.
Ihre Hände sind schwielig von der harten Arbeit, sie riechen nach See und Fisch, sie flicken ihre Netze.
Für die damalige religiöse Elite in Jerusalem waren diese Männer völlig untauglich.
Sie waren einfache Handwerker.
Vielleicht waren sie als Kinder in der Synagogenschule nicht die Besten gewesen und wurden deshalb zurück in den Familienbetrieb geschickt.
Religiös gesehen waren sie nur zweite Wahl… ach, was sag ich?
Wahrscheinlich dritte oder vierte Wahl.
Jesus sieht das jedoch ganz anders.
Er sieht nicht primär, was sie in diesem Moment sind.
Er sieht, wer sie durch seine Kraft werden können.
Er ruft ihnen zu: „Kommt, folgt mir nach!
Ich will euch zu Menschenfischern machen.“
In unserer ersten Predigt zu dieser Serie haben wir uns an einen wichtigen Gedanken erinnert.
Wer immer alles alleine machen will, wird schnell zum Nadelöhr für andere.
Bei Jesus liegt die Sache natürlich etwas anders, denn er ist der souveräne Sohn Gottes.
Aber als Jesus Mensch wurde, hat er sich ganz bewusst den Begrenzungen von Raum und Zeit unterworfen.
Er konnte als Mensch am See Genezareth physisch nur an einem einzigen Ort gleichzeitig sein.
Er wusste genau: Wenn die gute Nachricht die ganze Welt erreichen soll, muss er sein Werk in die Hände anderer legen.
Er durfte nicht das Nadelöhr bleiben, durch das alles hindurchfließen muss.
Deshalb sucht er diese unfertigen Fischer auf.
Wenn wir genau hinhören, merken wir etwas Erstaunliches.
Jesus sagt nicht zu ihnen: „Kommt, folgt mir nach!
Ich mache euch zu hochgelehrten Theologen.“ Er nimmt das, was sie als Fischer ausmacht, und gibt dem Ganzen eine völlig neue Dimension.
Was sieht Jesus in diesen Männern, das sie selbst noch gar nicht sehen können?
Er sieht Menschen, die geduldig warten können, denn am See wartet man oft stundenlang auf den richtigen Moment.
Er sieht Menschen, die im Team arbeiten, denn diese schweren Netze konnte niemand alleine aus dem Wasser ziehen.
Er sieht Menschen, die Stürme aushalten, die zäh sind und nicht beim ersten Gegenwind aufgeben.
Jesus schaut Simon und Andreas an und sagt quasi: All das, was euren Alltag bisher ausgemacht hat, eure Ausdauer, eure Teamfähigkeit, eure Zähigkeit, genau das brauche ich.
Ich sehe diese Eigenschaften in euch.
Und ich sehe, wie Gott sie gebrauchen wird, um eine weltweite Bewegung zu starten.
Dabei dürfen wir eines nicht übersehen.
Jesus ruft hier keine Männer, die ab diesem Moment alles richtig machen.
Er ruft Simon Petrus, von dem wir wissen, dass er später zweifeln und im Wasser untergehen wird.
Er ruft einen Mann, der ihn in seiner schwersten Stunde verleugnen wird.
Jesus wusste das alles vorher.
Er sah die Schwächen.
Aber er sah eben auch das, was Gottes Geist aus Petrus formen würde.
Jesus verlangt bei der Berufung der beiden Fischer keinen Leistungsnachweis.
Er beginnt mit einem Zuspruch.
Er gibt Simon und Andreas eine völlig neue Identität, noch bevor sie überhaupt verstanden haben, worum es geht, und bevor diese Identität in ihnen Realität gewinnt.
Er gibt ihnen einen riesigen Vertrauensvorschuss und damit auch die Erlaubnis, Fehler zu machen.
Das ist der Beginn echter Jüngerschaft: Dass jemand größer von dir denkt, als du es in diesem Moment selbst tun kannst.
Deine konkrete Anwendung
Deine konkrete Anwendung
Was bedeutet das nun für uns in unserem ganz normalen Alltag?
Wenn wir diesen Blick Jesu übernehmen wollen, dann bedeutet das auch für uns, dass wir uns von unserem Perfektionismus verabschieden dürfen.
Wir müssen keine fehlerfreien Profis suchen, und wir müssen selbst keine perfekten Vorbilder sein.
Wir dürfen Menschen in unserem Umfeld ermutigen, wohl wissend, dass sie vielleicht stolpern werden.
Genau so, wie Jesus Petrus ermutigt hat.
Wie übersetzen wir dieses Ermutigen nun in unseren Gemeindealltag?
Das Buch „Hero Maker“, das mich zu dieser Predigtreihe inspiriert hat, beschreibt dafür eine Herangehensweise, die im ersten Moment fast schon zu simpel klingt.
Es ist das „Ich sehe in dir...“-Gespräch.
Das setzt etwas Grundlegendes voraus: Wir müssen unsere Augen öffnen und Beziehungen leben.
Du kannst niemandem ehrlich sagen, was du in ihm siehst, wenn du ihn nur oberflächlich kennst.
Wir müssen Zeit miteinander verbringen, uns unterhalten und ehrliches Interesse am anderen haben.
Und dann braucht es im ersten Schritt den Mut, überhaupt den Mund aufzumachen.
Oft behalten wir unsere positiven Beobachtungen ja für uns, weil wir denken, der andere weiß das schon, oder weil wir uns vielleicht ein wenig genieren.
Aber diesen Zuspruch wirklich über die Lippen zu bringen, das ist der entscheidende Moment.
Die zweite Frage ist dann: Wie sagen wir das, ohne dass es komisch wirkt?
Dieser Satz „Ich sehe in dir...“ klingt für uns im ersten Moment vielleicht etwas ungewohnt.
Niemand von uns geht nach dem Gottesdienst zu jemandem und sagt feierlich: „Ich sehe in dir eine große theologische Gabe.“ So reden wir nicht miteinander.
Wir dürfen diesen Gedanken also ganz entspannt in unsere eigene, persönliche Alltagssprache übersetzen.
Das kann dann so klingen: „Weißt du, ich beobachte an dir, dass du eine unglaubliche Ruhe ausstrahlst, wenn es bei uns mal wieder drunter und drüber geht.“
Oder: „Mir ist aufgefallen, wie aufmerksam du heute zugehört hast.
Du bist so warmherzig, du hast echt ein Händchen dafür, Menschen das Gefühl zu geben, dass sie willkommen sind.“ Oder ganz praktisch: „Ich kann mir richtig gut vorstellen, dass du beim nächsten Mal den kurzen Impuls in unserem Hauskreis übernimmst – du hast immer so kluge Gedanken.“
Jeder Mensch sehnt sich danach, gesehen zu werden.
Wir alle brauchen manchmal jemanden, der uns an die Hand nimmt und sagt: „Probier das aus.
Ich glaube an dich.“
Und wenn wir jemandem so etwas zusprechen und ihn ermutigen, dann lassen wir ihn danach natürlich nicht im Regen stehen.
Ab da beginnt ein echtes, gemeinsames Unterwegssein.
Nehmen wir noch einmal das Beispiel mit dem Impuls im Hauskreis.
Wenn der andere sich darauf einlässt, wie sieht so eine Begleitung dann aus?
Eigentlich ganz praktisch: Beim ersten Mal machst du den Impuls, und der andere schaut einfach nur zu.
Beim nächsten Mal setzt ihr euch bei einer Tasse Kaffee zusammen und bereitet ihn gemeinsam vor.
Ein paar Wochen später hält er den Impuls, und du sitzt einfach nur stärkend daneben, bereit, einzuspringen, falls er den Faden verliert.
Und irgendwann macht er es ganz alleine – und du sitzt einfach nur noch stolz im Raum und freust dich.
Genau so funktioniert Ermutigung.
Genau so bauen wir einander auf.
Unsere gemeinsame Vision
Unsere gemeinsame Vision
Stell dir vor, was für eine Atmosphäre in unserer Gemeinde herrschen würde, wenn wir alle mit diesem Blick durch die Reihen gehen.
Eine Gemeinde, in der wir nicht darauf warten, dass sich Dinge von allein regeln.
Sondern eine Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig aufmerksam beobachten und fördern.
Eine Gemeinde, in der Ältere den Jüngeren Mut zusprechen.
Eine Gemeinde, in der wir uns erlauben, auch mal unperfekt zu sein, weil das Vertrauen, das uns entgegengebracht wird, viel größer ist als die Angst vor dem Versagen.
Ich habe mir für den nächsten Sonntag jedenfalls etwas vorgenommen:
Wenn ich durch diese Türen komme, möchte ich meinen unsichtbaren Countdown ganz bewusst für einen Moment stoppen.
Ich möchte versuchen, nicht zuerst meine Checkliste und die Aufgaben zu sehen, sondern euch.
Und ich lade euch ein, diesen Blick Jesu ebenfalls zu üben.
Lass uns in der kommenden Woche genau das tun.
Schau dich um, wen Gott dir in deinem Alltag anvertraut hat.
Lerne die Menschen kennen.
Und dann fass dir ein Herz und sprich aus, was du an Gutem, an Gaben und an Potenzial in diesem Menschen siehst.
Amen.
Segen
Segen
Geht in diese neue Woche mit dem Frieden Gottes.
Der Herr segne euch und behüte euch. Er schenke euch wache Augen für die Menschen an eurer Seite und ein weites Herz für die, die er euch anvertraut.
Jesus Christus, der tiefer sieht als wir und der unser Leben mit all seinen Ecken und Kanten liebevoll ansieht, gehe jeden eurer Schritte mit euch. Er schenke euch die Freiheit, mit euren Fehlern umzugehen.
Der Heilige Geist gebe euch den Mut, gute Worte auszusprechen, und die Gelassenheit, auf Gottes unsichtbares Wirken zu vertrauen.
So segne und begleite euch der allmächtige und gnädige Gott: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.
