Es färbt ab
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Anmerkung: Gottesdienst mit Verabschiedung aus dem Gemeindeunterrichts (GU) und Segnung.
Die Einleitung der Predigt stammt von L.F. , einem Absolventen des GUs.
1. Helden wachsen im Alltag (Einleitung durch L.F.)
1. Helden wachsen im Alltag (Einleitung durch L.F.)
Wir haben heute das Thema Heldenmacher und ich möchte euch erzählen von dem großen Propheten Elia, der mit Gottes Hilfe und in seinem Auftrag Elisa zu seinem Nachfolger macht und ihn auf seinem Weg zum Helden begleitet.
Vielleicht kennt ihr die Geschichte aus dem Alten Testament (1.Könige 19 und 2.Könige 2).
Elia hat auf dem Berg Horeb den Auftrag bekommen, Könige zu berufen und eben seinen Nachfolger Elisa.
Als Elia den Berg hinunterkommt, sieht er Elisa beim Pflügen.
Er wirft ihm seinen Mantel über.
Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.
Mir sind vier Dinge aufgefallen, die ich mal festhalten möchte, die auch für uns wichtig sind.
Zunächst ist festzuhalten, dass er einfach Gottes Auftrag ausgeführt hat, sehr stark mit Gott in Verbindung war und ihm gehorcht hat.
Wir müssen auch wie Elia auf Gottes Stimme lauschen und beten, dass er uns den richtigen Weg zeigt.
So können wir vorgehen, wenn wir andere Menschen zu Helden machen wollen.
Zudem hat Elia Elisa schon als großen Propheten gesehen, schon als Elisa noch ein ganz normaler, einfacher Mann war.
Er sieht Elisa als Helden, als dieser sich noch gar nicht so sehen kann.
Und er sich auch noch gar nicht als Held fühlt.
Auch bei anderen Berufungsgeschichten in der Bibel können wir anfangs von so einer gewissen Unwissenheit und von Unsicherheit lesen.
Elia hatte schon viele Jahre für Gott gewirkt und es ging jetzt darum, den Staffelstab weiterzugeben.
Er war sich im Klaren:
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“
Diese Worte hat der Prophet Johannes der Täufer gesagt, als er Jesus begegnete.
Elia tritt einen Schritt zurück, er ist bereit, in die zweite Reihe zu treten.
Das wird auch deutlich dadurch, dass er den Prophetenmantel abgibt.
Elia und Elisa arbeiten zunächst noch zusammen, dort steht: „Er diente ihm.“
Helden sind nicht mit einem Fingerschnipp da, sie wachsen.
Er begleitet ihn so lange wie möglich.
Elisa wiederum sagt mehrfach zu Elia:
„Ich verlasse dich nicht.“
Das heißt: „Helden machen“ hat auch mit weiterem Begleiten zu tun.
2. Leben an der Seite eines anderen: Mehr als nur Theorie
2. Leben an der Seite eines anderen: Mehr als nur Theorie
Danke dir für diese starken Beobachtungen!
Du hast da eben einen Satz gesagt, der mir sofort im Gedächtnis geblieben ist:
„Helden sind nicht mit einem Fingerschnipp da.
Sie wachsen.“
Und wie sie wachsen!
Sie wachsen abseits von Isolationszimmern, schnellen Seminaren und dem sturen Auswendiglernen von Merksätzen.
Elisa wächst in seine Lebensaufgabe hinein, weil er mit Elia unterwegs ist.
Er dient ihm, er geht die staubigen Straßen mit, er weicht ihm nicht von der Seite.
Er schaut Elia beim Leben, beim Beten, beim Ausruhen und vermutlich auch beim Zweifeln zu.
Wenn wir uns heute in der christlichen Welt umsehen, ganz besonders beim Blick auf das Buch zu unserer aktuellen Predigtreihe Hero Maker, neigen wir schnell dazu, aus solchen biblischen Wachstumsprozessen durchgestylte Konzepte zu machen.
Da werden dann 5-Stufen-Modelle entworfen, Systeme gebaut und Zielvorgaben aufgestellt.
Und wenn man theologisch ehrlich ist, wird in solchen Ratgebern an manchen Stellen reine Eisegese betrieben.
Da wird dann aus einem kurzen Bibelvers wie Johannes 3,22 künstlich eine Mentoring-Methode herausgepresst, die historisch an dieser Stelle gar nicht steht, nur um das eigene System biblisch zu begründen.
Aber wisst ihr was?
Das haben wir gar nicht nötig.
Die Bibel braucht keine künstlichen Management-Methoden, um uns zu zeigen, wie Leben weitergegeben wird.
Denn was Elia und Elisa uns zeigen und was genau der Übergang für euren Gemeindeunterricht heute ist, lässt sich auf eine ganz einfache Formel bringen: Wissen ist kostbar.
Die zwei Jahre Gemeindeunterricht haben euch ein Fundament gegeben.
Sie machen euch sprachfähig im Glauben.
Ihr wisst jetzt, wo Dinge in der Bibel stehen, ihr kennt die Begriffe, ihr habt ein Gerüst.
Wissen allein hat jedoch noch nie jemanden im Herzen angesteckt.
Man kann biblische Lehren komplett auswendig gelernt haben und im Leben trotzdem meilenweit von Gott entfernt sein.
Glaube lässt sich kaum dozierten.
Glaube färbt ab.
Glaube überträgt sich dort, wo Menschen einander beistehen und das echte Leben miteinander teilen.
Und genau an diesem Punkt nimmt uns der Apostel Paulus heute mit, wenn wir in sein Schreiben an die Gemeinde in Thessalonich schauen.
3. Die Thessalonicher und das geteilte Leben (1. Thessalonicher 2,1–12)
3. Die Thessalonicher und das geteilte Leben (1. Thessalonicher 2,1–12)
Schlagt bitte mit mir den 1. Thessalonicher-Brief auf, Kapitel 2.
Wir lesen die Verse 7 bis 8 und den Vers 11.
Um zu verstehen, wie revolutionär das ist, was Paulus hier schreibt, müssen wir einen kurzen Blick in die antike Stadt Thessalonich werfen.
Thessalonich war eine blühende Hafenstadt im Römischen Reich.
In solchen Städten gab es damals ein Phänomen, das man sehr gut mit heutigen Selbstoptimierungs-Gurus vergleichen kann: Es wimmelte von umherziehenden Wanderrednern und Philosophen.
Diese Männer kamen in eine Stadt, mieteten sich einen Platz auf dem Marktplatz, hielten rhetorisch brillante Reden, verkauften ihre Lebensphilosophien, kassierten von den Bürgern Geld, bauten sich eine Gefolgschaft auf.
Wenn das Interesse nachließ oder das Geld eingestrichen war, zogen sie weiter zur nächsten Stadt.
Sie nutzten die Menschen aus für ihren eigenen Ruhm und ihren eigenen Geldbeutel.
Vor diesem Hintergrund schreibt Paulus das zweite Kapitel.
Er sagt im Grunde:
„Erinnert euch doch mal daran, wie wir bei euch waren.
Wir kamen völlig anders zu euch, ganz ohne schmeichelnde Worte oder eine große Show.
Wir haben kein Geld verlangt und euch keine fertigen Konzepte verkauft.“
Um zu beschreiben, wie er stattdessen unter ihnen gelebt hat, wählt Paulus zwei Metaphern, die für einen Mann in der antiken Kultur und erst recht für einen angesehenen jüdischen Schriftgelehrten absolut gewagt und außergewöhnlich waren.
In Vers 7 schreibt er:
„Wir sind euch gegenübergetreten wie eine Mutter, die ihre eigenen Kinder wärmt und versorgt.“
Das griechische Wort trophos, das Paulus hier verwendet, bezeichnet eine stillende Mutter, eine mütterliche Pflegerin.
Es ist ein Wort für radikale Beziehungsnähe.
Eine Mutter, die ihr Säugling an die Brust nimmt, hält keine Vorträge über Erziehung.
Sie verzichtet auf große Argumente.
Sie gibt sich selbst.
Sie wiegt das Kind, sie spendet Körperwärme, sie beruhigt es bei Unruhe.
Das ist ein Bild fernab von distanzierter Leiterschaft.
Es zeigt tiefste Fürsorge, Hingabe und emotionale Verletzlichkeit.
Nur ein paar Verse später, in Vers 11, ergänzt Paulus die andere Seite dieses familiären Bildes:
„Ihr wisst doch, dass wir wie ein Vater jeden Einzelnen von euch ermahnt, getröstet und beschworen haben.“
Mutter und Vater.
Paulus nutzt hier das, was wir manchmal etwas steif als „geistliche Elternschaft“ bezeichnen.
Nehmen wir doch mal die fromme Patina von diesem Begriff weg.
Was macht denn eine Mutter?
Was macht ein Vater?
Eltern verzichten auf das morgendliche Flipchart und die Vorlesung über das Leben.
Sie leben es den Kindern im Alltag vor.
Sie sind am Frühstückstisch da, wenn die Laune im Keller ist.
Sie begleiten die Kinder durch Enttäuschungen, sie trösten beim ersten Liebeskummer, sie ermahnen bei überschrittenen Grenzen und sie freuen sich an den Fortschritten.
Kinder schauen sich das Leben im Alltag bei ihren Eltern ab.
Jetzt kommt Vers 8.
Das ist das absolute Herzstück dieses Textes, vielleicht einer der tiefsten Verse im ganzen Neuen Testament über die Weitergabe des Glaubens:
„Weil wir so große Sehnsucht nach euch hatten, waren wir entschlossen, euch nicht nur das Evangelium Gottes mitzuteilen, sondern auch unser eigenes Leben; denn ihr wart uns lieb geworden.“
Schaut euch mal genau an, wie sauber Paulus hier unterscheidet.
Er sagt erstens: „Wir waren bereit, euch das Evangelium Gottes mitzuteilen.“
Das ist die Botschaft.
Das ist die Lehre von Jesus Christus, das Kreuz, die Auferstehung, die Zusage der Vergebung.
Das ist das Fundament!
Ohne diese Botschaft gibt es keinen christlichen Glauben.
Das ist genau das, was ihr im Gemeindeunterricht gelernt habt: der Inhalt.
Paulus geht hier noch einen Schritt weiter.
Er ergänzt als zweiten Punkt, dass sie eben auch ihr eigenes Leben mitgeteilt haben.
Im griechischen Urtext steht an dieser Stelle das Wort psyche.
Psyche bedeutet im biblischen Verständnis das Leben, die Seele, das eigene Ich, die eigene Existenz.
Paulus sagt der Gemeinde in Thessalonich:
„Wir haben unser Leben für euch geöffnet.
Wir haben euch in unseren Alltag hineinschauen lassen.
Ihr habt gesehen, wie wir arbeiten, wie wir müde sind, wie wir mit Verfolgung umgehen, wie wir beten bei völliger Ratlosigkeit.
Wir haben unsere Seele mit euch geteilt.“
Und warum hat Paulus das getan?
Der letzte Teilsatz gibt die Antwort auf sein Motiv: „...
denn ihr wart uns lieb geworden.“
Glaubensweitergabe nach dem Neuen Testament ist schlicht eine Beziehungsentscheidung aus echter menschlicher und geistlicher Zuneigung.
Glaube färbt dort ab, wo Menschen ihr Leben miteinander teilen und Programme in den Hintergrund treten.
4. Geistliche Elternschaft am Küchentisch
4. Geistliche Elternschaft am Küchentisch
Jetzt stellt sich für uns heute Morgen die ganz praktische Frage: Wie sieht so etwas im Jahr 2026 bei uns aus?
Was bedeutet es für dich und mich ganz konkret, die Psyche, also das eigene Leben, miteinander zu teilen?
Ich kenne uns doch.
Wenn wir in Freikirchen über solche Themen sprechen, meldet sich bei vielen im Raum sofort das schlechte Gewissen.
Man sitzt in der Bank und denkt:
„Oje, jetzt soll ich auch noch jemanden geistlich begleiten?
Ich habe doch jetzt schon keine Zeit!
Mein Terminkalender platzt aus allen Nähten mit Beruf, Familie, Haushalt, Gemeindeaufgaben.
Wo um alles in der Welt soll ich denn jetzt noch Zeit hernehmen für wöchentliche Mentoring-Treffen oder strukturierte Glaubenskurse?“
Falls du gerade so denkst, habe ich eine Befreiungsnachricht für dich: Der Schlüssel liegt im Gegenteil.
Du darfst entspannen.
Du öffnest die Tür zu dem Leben, das du sowieso schon führst, einfach einen Spalt weit.
Geistliche Elternschaft passiert nämlich extrem selten in offiziellen Sitzungszimmern.
Sie passiert am Küchentisch.
Der Küchentisch ist wahrscheinlich der ehrlichste Ort der Welt.
Am Küchentisch wird gekrümelt.
Am Küchentisch steht manchmal noch das dreckige Geschirr vom Morgen.
Am Küchentisch sitzt man im gemütlichen Alltagspullover.
Genau dort werden die echten Gespräche geführt.
Wie sieht das aus, wenn Glaube im Alltag abfärbt?
Es passiert zum Beispiel dann, wenn du abends in der Küche stehst und dir eine einfache Hirse-Gemüse-Pfanne oder ein Curry auf den Herd stellst.
Du sagst zu einem jüngeren Menschen aus der Gemeinde oder aus deiner Nachbarschaft: „Hey, hast du Hunger?
Komm einfach rüber, schnippel mit mir das Gemüse und iss mit.“
Während ihr die Karotten würfelt und das Essen kocht, redet ihr völlig ungezwungen über eure Woche, aktuelle Ermutigungen im Glauben oder offene Fragen.
Es passiert, wenn bei dir zu Hause die Birne im Backofen den Geist aufgibt oder der Geschirrspüler mal wieder einen seltsamen Fehlercode anzeigt.
Du erledigst diese Reparatur gemeinsam mit jemandem und sagst: „Komm kurz mit anpacken, vier Hände sehen mehr als zwei.“
Während ihr am Boden kniet und das Problem löst, sprecht ihr über das Leben.
Es passiert, wenn du dich abends entspannen willst, deine Akustikgitarre nimmst, ein paar Akkorde ausprobierst oder versuchst, ein Lied in eine andere Tonart zu transponieren.
Du lädst jemanden dazu ein, der auch gerade ein Instrument lernt.
Ihr macht zusammen Musik, redet über den Songtext und darüber, was euch im Alltag Glaubensmut gibt.
Es passiert, wenn du am Samstag sowieso zum Fußballplatz fährst, um ein Spiel zu schauen, oder wenn du einen Ausflug machst.
Du nimmst einfach jemanden auf dem Beifahrersitz mit.
Siehst du den Unterschied?
Du brauchst kein Extra-Zeitfenster im Kalender.
Du nimmst andere Menschen einfach in den Alltag mit hinein, den du ohnehin lebst.
Junge Menschen und Glaubenseinsteiger lernen von Personen, die ehrlich und unperfekt mit Jesus unterwegs sind.
Sie lernen von dir, wenn sie beobachten können: Wie geht dieser Mensch eigentlich mit Stress um?
Wie reagiert er bei geplatzten Plänen?
Wie betet jemand bei einem schweren Herzen ganz ohne fromme Floskeln?
Wo echte Nahbarkeit da ist, wo gekrümelt werden darf, da färbt Glaube ab.
5. Eine Gemeinde der offenen Türen
5. Eine Gemeinde der offenen Türen
Wir stehen heute an einem Punkt, an dem sich zwei Dinge berühren.
Zuerst an euch, liebe Abgänger des Gemeindeunterrichts:
Eure Unterrichtszeit schließt sich heute.
Der theoretische Teil ist abgeschlossen.
Euer Glaubensleben fängt jetzt im Alltag erst so richtig an!
Ihr dürft unfertig bleiben und noch nach den passenden Antworten auf die schweren Fragen des Lebens suchen.
Jetzt braucht ihr vor allem Orte, an denen ihr andocken könnt.
Sucht euch Menschen in dieser Gemeinde, an deren Küchentisch ihr sitzen könnt.
Schaut euch bei den Älteren ab, wie man mit Gott durch Sturmtage und durch Sonnentage geht.
Seid mutig und fragt einfach: „Kann ich bei dir mal mitmachen?“
Und an uns als Gemeinde, ganz besonders an die Erfahrenen, die Älteren unter uns:
Wer von uns ist bereit, seine Tür einen Spalt weit aufzumachen?
Die nächste Generation sucht keine perfekten Kirchenprofis oder durchgestylten Jugendprogramme.
Sie suchen geistliche Mütter und Väter.
Sie suchen Menschen, die bereit sind, ihr Leben und ihre Psyche großzügig zu teilen.
Stellt euch eine Gemeinde vor, in der Glaube weit über den Sonntag hinausgeht.
Eine Gemeinschaft, in der Glaube beim Gemüseschnippeln, beim Handwerken, beim Musikmachen und beim gemeinsamen Kaffeetrinken ganz natürlich von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Eine Gemeinde, in der wir unser Leben miteinander teilen.
Weil Menschen uns lieb geworden sind.
Amen.
