All inclusive?
Notes
Transcript
Mt 6,11
Unser tägliches Brot gib uns heute.
τὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερον·
0. Einleitung
Ihr Lieben,
heute Teil 2 unserer Predigtreihe zum Vaterunser. Ich will zuerst noch ein paar allgemeine Gedanken zum Vaterunser vornweg schieben, bevor wir konkret auf das heutige Thema kommen. Das habe ich das letzte Mal unterschlagen.
Ich habe euch das Vaterunser auf der Folie mitgebracht. Ihr seht sieben Bitten, die wir beten sollen. Die ersten drei beziehen sich auf Gott… Die weiteren vier beziehen sich auf uns. Und am Anfang steht natürlich die Anrede: Unser Vater im Himmel. Luther kam bei seiner Übersetzung anscheinend auf die Idee, die griechische – und vor allem die damals gebräuchliche lateinische Wortfolge zu belassen, sodass wir heute mit „Vater unser“ beginnen. Ich möchte euch aber viel mehr für den Inhalt dieser Anrede sensibel machen: Mit zwei Worten werden hier zwei Dimensionen aufgerissen, von denen jede unverzichtbar ist und die beide engstens zusammengehören: Vater und Himmel, das bedeutet: Liebe und Macht.
Gott ist unser Vater, unser Papa. Jesus hat uns gezeigt und vorgelebt, was das bedeutet, wie intensiv Gottes Liebe für uns ist! Und gleichzeitig ist Er der Herrscher, der im Himmel Seinen Thron hat, der über allen Geschöpfen steht. Nichts und niemand ist Ihm auch nur annähernd gleich. Zu diesem allmächtigen Gott dürfen wir beten, mit Ihm dürfen wir reden – als geliebte Kinder mit unserem großartigen Papa. Diese Anrede steht über allem, was folgt.
Und Jesus zeigt uns hier auch, dass es das Beste ist, den Blick zuerst auf Gott zurichten. Zuerst kommen die Bitten, die sich auf Gott beziehen. Erst schauen wir auf den König der Welt, auf den, der für uns eintritt.
Vor drei Wochen sind wir mit der dritten Bitte eingestiegen: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“
Heute geht es nun mit der vierten Bitte weiter – die erste, bei der wir für uns selbst bitten: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ – Die Vollpension Gottes. Oder wie es auf unserem Flyer hieß: All inclusive?
Ich seh’ schon: Da läuft einigen bereits das Wasser im Mund zusammen. Bei Vollpension haben wir sofort prall gefüllte Hotelbuffets vor unseren Augen. Unmengen an Rührei und Bacon-Streifen schon zum Frühstück. Fünf verschiedene Hauptgerichte zum Mittagessen. Und wenn man es abends noch einmal schafft, sich bis in den Speisesaal zu schleppen, dann macht man zum dritten Mal an einem Tag die wundersame Erfahrung, dass das, was da auf dem Teller liegt, plötzlich viel mehr ist, als es eben noch am Buffet war…
Auch wenn die heimische Waage nach dem Urlaub wieder meckert, war es doch ganz nett – so ein Urlaub all inclusive.
Wie ist das bei Gott? Lasst uns diesen Vers, diese Bitte, die Jesus uns lehrt, einmal genau anschauen. Wir starten beim Wort täglich.
1. täglich/nötig
Dieses Wort ist tatsächlich das schwierigste Wort des ganzen Verses. Vielleicht nicht unbedingt inhaltlich, aber zumindest sprachlich. Man streitet sich nämlich darüber, was das Wort ἐπιούσιος, das hier im Griechischen steht, überhaupt bedeutet. Dieses Wort taucht im Neuen Testament genau zwei mal auf: Hier im Matthäus-Evangelium und dann noch bei Lukas, der das Vaterunser auch aufgeschrieben hat, wenn auch in einer etwas kürzeren Form. Außerhalb der Bibel taucht dieses Wort nirgends auf.
Es ist ein zusammengesetztes Wort und wenn man es ganz wörtlich zu übersetzen versucht, dann müsste es am ehesten heißen: zum Sein. Das, was ich zum Sein brauche. Das, was ich zum Leben brauche. Manche Bibel-Übersetzer haben sich deshalb dafür entschieden, „unser nötiges Brot“ zu schreiben. Also das, was ich nötig habe.
Wir bitten hier also sehr wohl um eine All inclusive-Versorgung, aber nicht um ein völlig überfrachtetes Hotel-Buffet. Es geht nicht darum, dass wir im Überfluss leben und Völlerei betreiben, uns immer viel zu viel auf den Teller hauen können. Sondern wir bitten Gott, dass Er uns gibt, was wir zum Leben brauchen, was wir zum Leben nötig haben. Das ist gleichzeitig eine gute Erinnerung wertzuschätzen, was Gott uns schenkt und dankbar zu sein, dass wir so reich versorgt sind. In diesen Wochen werden überall Erntedankfeste gefeiert – wie bei uns letzte Woche in Brockau. Heute haben wir zur Erinnerung daran – und auch passend zum Thema – hier einen Tisch mit Erntegaben aufgestellt. Gott versorgt uns mit dem Nötigen, mit dem, was wir zum Leben brauchen – und oft tatsächlich noch mit so viel mehr!
Doch auch die Übersetzung mit „täglich“ anstelle von „nötig“ ist schon uralt, wurde – damals noch auf Latein – von den Kirchenvätern geprägt. Und wenn man sich etwas reindenkt, ist sie ja durchaus passend: Wir essen jeden Tag. Täglich brauchen wir unsere Nahrung. Täglich haben wir sie nötig.
Wir werden jetzt deswegen natürlich auch nicht das Vaterunser ändern und anders beten, aber es ist ganz spannend, darum zu wissen. Denn im „nötigen“ schwingt nicht nur der Zeitpunkt mit – eben das tägliche Brot –, sondern es schwingt viel stärker noch die Menge mit: Wir bitten um ausreichend Nahrung, wir bitten darum, dass wir ausreichend zu essen, ausreichend zum Leben haben. Wir bitten um das nötige Brot.
Und die Übersetzung „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ – also mit täglich – ist auch insofern naheliegend, da es sich auf das „heute“ am Ende des Satzes bezieht – womit wir zum zweiten Wort kommen.
2. heute
Manchmal, wenn ich das Vaterunser abends mit unserem Großen bete, denke ich mir in dieser Zeile: „Mist, jetzt ist heute schon vorbei.“ Und dann bin ich sehr glücklich, dass der Kühlschrank auch am nächsten Morgen gefüllt ist. :-)
Wir dürfen für heute bitten! Gott weiß, was wir heute brauchen. Es ist nicht vermessen, bei Gott für etwas einzustehen, das ich heute brauche. Wir dürfen auch mit den dringenden Bitten zu Ihm kommen. Gott ist rechtzeitig da, Er sorgt sich immer rechtzeitig um uns.
Ja, manchmal testet Er uns auch, ob wir Ihm immer noch vertrauen, wenn „heute“ in drei Minuten zu Ende ist – und Seine Antwort auf unser Gebet noch aussteht. Ihr merkt schon: Ich bin jetzt nicht mehr nur bei der Nahrung für den Magen. Ich stand vor knapp 15 Jahren vor der Frage, ob ich jetzt Theologie an der Uni studieren sollte, um Pfarrer werden zu können – oder nicht. Den ganzen Sommer über habe ich gerungen und in meinem Inneren hat es mehr und mehr getobt – eine Antwort blieb jedoch aus. Für Ende September hatte ich mir eine Deadline gesetzt. Und Gott hat geantwortet. Nicht schon im Juli oder August, sondern Ende September. Rechtzeitig. Damals sozusagen in meinem heute. Gott gibt uns rechtzeitig, was wir brauchen.
Und gleichzeitig ist dieses Wort heute für uns auch eine Ermutigung, uns tatsächlich auf heute zu konzentrieren – und uns nicht schon Sorgen darüber zu machen, ob wir auch in 14 Tagen genug haben werden. Gott wird auch dann dafür sorgen. Es genügt, für heute zu bitten.
Vorletzter Punkt: Wir bitten um Brot.
3. Brot
Auch hier: Wir sollen Gott nicht um Überfluss bitten, nicht um ein Schlaraffenland. Wir sollen um das bitten, was wir wirklich brauchen. Brot, vor allem Fladenbrot, war das Hauptnahrungsmittel schlechthin, als Jesus vor 2.000 Jahren in Galiläa gelebt hat. – Wir bitten um Brot.
Müssen wir das überhaupt noch? … Wir hier in Mitteleuropa haben doch ohnehin viel zu viel! Niemand von uns ist so arm, wie manche Leute damals in Galiläa, diesem ärmlichen Landstrich Israels. Könnten wir diese Zeile aus dem Vaterunser nicht einfach weglassen? …
Drei Gedanken dazu:
Erstens leben wir in einer Zeit, die wirtschaftlich immer herausfordernder wird. Manche von uns spüren es vielleicht schon sehr deutlich, auf jeden Fall leben auch hier in Netzschkau Menschen, denen das Geld jetzt schon immer knapp wird, bevor der Monat zu Ende geht. Und wenn es – Gott sei Dank – hoffentlich nicht bei der Nahrung im Supermarkt eng wird, so doch zum Beispiel an der Tankstelle. Diese Bitte an Gott schließt ein, dass Er uns versorgt – mit allem, was wir zum Leben brauchen.
Zweitens – wenn wir immer noch das Vorrecht des Überflusses genießen, lehrt uns diese Bitte Bescheidenheit. Sie lenkt unsere Augen wieder auf das Nötigste und ermahnt uns, nicht gierig zu werden und immer mehr zu wollen, sondern voller Dankbarkeit zu sein. Dankbar, dass Gott uns versorgt. Dankbar gegenüber Gott auch, dass es uns durch den technischen Fortschritt immer leichter fällt, Nahrung zu produzieren. Dankbar, dass Gott Pflanzen und auch Tiere wachsen lässt; das haben wir selbst gar nicht in der Hand.
Und drittens: Wir dürfen diese Bitte auch mit mehr füllen als nur dem Brot zum Essen. Wir dürfen sie mit allem füllen, was wir zum Leben brauchen. Wir dürfen sie mit allem füllen, was unsere Seele zum Leben braucht. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt“, zitiert Jesus selbst aus dem Alten Testament. Auch wenn Jesus im Vaterunser zuerst unser leibliches Wohl im Blick hat – übrigens als erste Bitte, die uns selbst betrifft –, dürfen wir diese Bitte dennoch füllen: Gott möchte uns mit allem versorgen. Er möchte auch geben, was unsere Seele braucht.
Wir kommen zum letzten Punkt:
4. unser/uns
Jesus lehrt uns im ganzen Vaterunser, in diesem ganzen Gebet, dass es nicht um uns allein geht. Jeder Christ betet hier „als Teil der Gemeinschaft“. Das heißt, ich bete, dass die gesamte Gemeinde von Jesus – und nicht nur ich selbst! – an diesem Tag das nötige Brot empfängt. Ich kann nicht für mein Brot beten und dabei die Bitte um das Brot für meinen Nächsten außer Acht lassen!
Und darin haben wir so eine große Stärke, so eine große Kraft: Wir sind als Christen miteinander unterwegs – wie ein Familie. Wir freuen uns gemeinsam, wir trauern gemeinsam, wir teilen das Leben miteinander, wir beten miteinander und füreinander. Wir müssen uns nicht in uns selbst verlieren, nur noch auf unser – vielleicht kümmerliches – Leben schauen, sondern wir dürfen uns umblicken, zueinander schauen und wahrnehmen, dass wir miteinander unterwegs sind.
Und gemeinsam schauen wir auf Gott. Gemeinsam treten wir füreinander vor Ihm ein. Gemeinsam bitten wir füreinander um das, was wir zum Leben brauchen. Für das, was unser Körper braucht und für das, was unsere Seele braucht. Jesus selbst hat uns gelehrt, dass wir dafür bitten dürfen – ja bitten sollen: „Unser Vater im Himmel … Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Amen.
