Wenn überraschend Gäste kommen

Erntedank  •  Sermon  •  Submitted   •  Presented
0 ratings
· 20 views
Files
Notes
Transcript

Wenn überraschend Gäste kommen (Folie 1)

Liebe Gemeinde,
(Folie 2)
mit einer Suppe kann man eine ganze Menge anfangen. Wenn überraschend Gäste kommen, gibt man etwas Wasser dazu. Werden es noch mehr, kommt noch etwas Wasser hinein. Irgendwann serviert man dann warmes Wasser mit einer leichten Erinnerung an Gemüse. Aber die Gastgeber können immerhin sagen: Für alle ist etwas da!
Bei uns läuft das etwas anders. Tamara lädt gern Menschen ein, und ich schaue dann erst einmal in den Kühlschrank, ob für unsere Gäste noch etwas drin ist. Meistens finden wir tatsächlich etwas. Während sie schon die Menschen im Blick hat, beschäftige ich mich noch mit der Versorgungslage. Das ergänzt sich durchaus, auch wenn der Kühlschrank von der Einladung manchmal als Letzter erfährt.
(Folie 3)
Deshalb verstehe ich die Jünger in unserer heutigen Geschichte ziemlich gut. Sie sehen Tausende Menschen und einen Vorrat, der niemals reichen kann. Jesus sieht dieselbe Situation, aber er entdeckt darin mehr als eine unlösbare Versorgungsfrage. Hören wir Markus 8, die Verse 1 bis 9, nach der BasisBibel:

Textlesung Markus 8,1–9

(Folie 4)
»Zu dieser Zeit war wieder eine große Volksmenge bei Jesus zusammengekommen. Da die Menschen nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich. Er sagte zu ihnen: ›Ich habe großes Mitleid mit den Menschen. Sie sind nun schon drei Tage bei mir und haben nichts zu essen. Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen – denn einige sind von weit her gekommen.‹
(Folie 5)
Seine Jünger antworteten: ›Wo soll in dieser einsamen Gegend das Brot herkommen, um diese Leute satt zu machen?‹ Und er fragte sie: ›Wie viele Brote habt ihr?‹ Sie antworteten: ›Sieben.‹
(Folie 6)
Jesus forderte die Volksmenge auf, sich auf dem Boden niederzulassen. Dann nahm er die sieben Brote. Er dankte Gott, brach sie in Stücke und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen. Und die Jünger teilten das Brot an die Volksmenge aus.
Sie hatten auch noch einige kleine Fische. Jesus dankte Gott dafür und ließ sie ebenfalls austeilen.
(Folie 7)
Die Menschen aßen und wurden satt. Danach sammelten sie die Reste und füllten damit sieben Körbe. Es waren etwa 4000, die Jesus heimschickte.«
(Folie 8)

Jesus sieht, was uns fehlt

„Mich jammert das Volk“, heißt es an dieser Stelle in der Lutherübersetzung. Das klingt für unsere Ohren ungewohnt. Gemeint ist ein Erbarmen, das Jesus im Innersten bewegt. Der Hunger dieser Menschen geht ihm nahe.
(Folie 12)
Bemerkenswert ist, wie genau Jesus ihre Situation kennt. Einige sind von weit her gekommen, und er denkt bereits an ihren Heimweg. Seine Fürsorge reicht über die gemeinsame Zeit hinaus. Ihm ist wichtig, wie sie weitergehen können. So dürfen auch wir unsere Wege vor ihm ausbreiten, gerade die Strecken, vor denen uns bang ist.
Damit beginnt diese Geschichte: Jesus nimmt wahr, was Menschen brauchen, noch bevor jemand eine Bitte formuliert. Ihr knurrender Magen ist ihm ebenso wichtig wie ihre Fragen nach Gott. Wer bei Jesus nach dem Glauben sucht, muss seine alltäglichen Sorgen deshalb nicht vor der Tür lassen.
(Folie 13)
Das ist eine gute Nachricht für dieses Erntedankfest. Manche bringen Freude über eine gelungene Ernte mit, andere sind einfach froh, diese anstrengende Woche geschafft zu haben. Und einige sitzen hier, die in der Gemeinde seit Langem Verantwortung übernehmen und merken, dass ihre Kräfte nachlassen. Jesus sieht auch den Menschen hinter dem zuverlässigen Mitarbeitenden, der immer noch eine Aufgabe übernimmt. Bei ihm darf ausgesprochen werden: Ich brauche selbst jemanden, der mich stärkt.
Auch Fragen nach der Zukunft einer Gemeinde und ihrer pastoralen Begleitung dürfen wir ihm anvertrauen. Nicht alles muss bereits geklärt sein, damit wir zuversichtlich weitergehen können. Christus ist seiner Gemeinde auch auf einem offenen Weg nahe.
Die Jünger fragen, woher das Brot kommen soll. Ihre Rechnung ist verständlich, obwohl sie Jesus bereits bei einer früheren Speisung erlebt haben. Offenbar kann man Erfahrungen mit Gott machen und beim nächsten Problem trotzdem wieder ratlos sein. Auch das kennen wir. Jesus lässt seine Jünger mit ihrer Ratlosigkeit jedoch nicht stehen. Er fragt: „Wie viele Brote habt ihr?“
(Folie 14)

Entdecken, was uns gegeben ist

Sieben Brote sind angesichts dieser Menge erschreckend wenig. Trotzdem nimmt Jesus sie in seine Hände und dankt Gott. Noch ist niemand satt geworden. Sein Dank gilt dem, was bereits da ist, während der Hunger noch auf eine Antwort wartet.
(Folie 15)
Wer einen Garten hat, kennt dieses Nebeneinander von eigener Arbeit und unverfügbarer Gabe. Wir lockern die Erde, pflanzen, gießen und entfernen Unkraut, das merkwürdigerweise auch ohne unsere liebevolle Pflege hervorragend gedeiht. Wir können viel für das Wachstum tun, aber wir können es nicht herstellen. Selbst eine sorgfältig gepflegte Tomatenpflanze nimmt keine Bestellungen entgegen.
Erntedank würdigt unsere Arbeit und erinnert uns zugleich daran, wovon sie lebt. Erde und Wasser, Saatgut, Sonnenlicht und die eigene Kraft stehen uns nicht grenzenlos zur Verfügung. Auch wer seine Lebensmittel kauft, lebt von diesem Zusammenspiel und von der Arbeit vieler Menschen. Der volle Einkaufskorb ist mehr als das Ergebnis einer erfolgreichen Kartenzahlung.
(Folie 16)
Im Psalm 104 wird das Leben als Empfangen aus Gottes geöffneter Hand beschrieben. So zu danken heißt, hinter dem Vertrauten wieder das Geschenk zu erkennen. Auch nach einem schweren Jahr dürfen wir wahrnehmen, was uns getragen hat, ohne das Schwere schönzureden. Wer heute vor allem Trauer oder Erschöpfung empfindet, muss keine festliche Dankbarkeit vorweisen. Die Gemeinde kann für ihn mitdanken und seine Klage mittragen.
(Folie 17)
Dabei hilft es, konkret zu werden. Wenn wir auf die vergangenen Monate zurückschauen: Welches Gespräch hat uns gutgetan? Wer hat angerufen, als wir uns zurückgezogen hatten? Wo ist nach einem Streit wieder eine Tür aufgegangen? Solche Erinnerungen lösen die gegenwärtigen Probleme nicht. Aber sie können uns davor bewahren, unsere ganze Lebensgeschichte nur noch von der heutigen Sorge her zu erzählen.
Auch Jesus wird seine Jünger später ausdrücklich an diese Mahlzeit erinnern. Als sie erneut wegen fehlenden Brotes besorgt sind, fragt er sie nach den übrig gebliebenen Körben. Das Erlebte soll ihnen helfen, ihn tiefer zu verstehen. Vertrauen wächst auch durch Erinnerung. Daraus kann ein leises, ehrliches Gebet werden: Gott, damals hast du mich getragen; hilf mir, dir auch jetzt zu vertrauen.
(Folie 18)
Allerdings stellt uns ein gedeckter Tisch auch vor eine unbequeme Frage. Warum können manche selbstverständlich auswählen, während andere rechnen müssen, ob das Geld bis zum Monatsende reicht? Unser Wohlstand beweist nicht, dass Gott uns lieber hätte. Und Armut ist kein Zeichen mangelnden Glaubens. Wo wir Gottes Gaben genießen, wächst deshalb auch Verantwortung dafür, dass andere Zugang zum Lebensnotwendigen haben. Ein Dankgebet darf uns für diese Frage empfindlicher machen.
(Folie 19)

Empfangen, bevor wir weitergeben

Dabei lohnt sich ein Blick auf eine unscheinbare Anweisung: Jesus lässt die Menschen auf dem Boden Platz nehmen. Bevor die Jünger austeilen, darf die Menge sich niederlassen. Niemand muss sich sein Brot erkämpfen oder erst beweisen, dass er etwas geleistet hat. Jesus wird zum Gastgeber in einer Gegend, in der niemand einen gedeckten Tisch erwartet hätte. Die Menschen dürfen sich von ihm versorgen lassen. Darin liegt eine Einladung auch an uns: Wir dürfen vor Gott zur Ruhe kommen, statt ständig für alles selbst sorgen zu müssen.
(Folie 20)
Jesus gibt das Brot nun seinen Jüngern, damit sie es austeilen. Sie müssen die Fülle nicht erzeugen. Sie bekommen etwas in die Hände, das sie weiterreichen können. Ihr Beitrag ist wichtig, aber die Menschen werden durch Jesu Gabe satt.
(Folie 21)
Diese Reihenfolge schützt gerade engagierte Christen vor einer gefährlichen Vorstellung: Wenn wir uns nur genug anstrengen, können wir jede Lücke schließen. Wer so lebt, verbraucht irgendwann seine letzte Kraft und fühlt sich dabei noch schuldig. Aus dieser Geschichte lässt sich kein Auftrag ableiten, die eigenen Grenzen ständig zu überschreiten. Auch Mitarbeitende gehören zu den Menschen, für die Christus sorgt. Sie dürfen Unterstützung annehmen und Aufgaben abgeben. Eine Gemeinde kann im Vertrauen auf ihn auch entscheiden, eine Veranstaltung ausfallen zu lassen, damit Menschen wieder Luft bekommen.
(Folie 22)
Doch worauf gründet dieses Vertrauen? Schließlich erleben wir, dass trotz unserer Gebete manches offenbleibt. Eine Krankheit dauert an, ein Mensch bleibt einsam, und eine erhoffte Veränderung lässt auf sich warten. Markus gibt uns mit dieser Speisung keine Garantie für einen reibungslosen Lebenslauf. Er zeigt uns, wer Jesus ist.
(Folie 23)
Sein Erbarmen führt ihn weiter als bis zu dieser Mahlzeit. Später wird er wieder Brot nehmen, Gott danken und es seinen Jüngern geben, beim letzten gemeinsamen Mahl vor seinem Tod. Sein ganzes Leben wird zur Gabe. Am Kreuz trägt er unsere Schuld und geht in die tiefste menschliche Verlassenheit hinein. In seiner Auferstehung öffnet Gott Zukunft über den Tod hinaus. Darum hängt unsere Hoffnung an Christus selbst, auch dort, wo wir seine Hilfe noch nicht erkennen.
(Folie 24)
Wir müssen uns bei Gott keinen Platz verdienen. Christus hat uns den Zugang zu ihm eröffnet. Wer davon lebt, kann sich beschenken lassen, ohne sich dafür zu schämen. Und aus dieser Gewissheit kann die Freiheit wachsen, etwas abzugeben, ohne dabei ständig den eigenen Wert beweisen zu müssen.
(Folie 25)

Ein Platz an unserem Tisch

Euer offener Mittagstisch, der heute zum Gottesdienst gehört, gibt diesem Glauben eine anschauliche Gestalt. Essen und Gottesdienst gehören hier zusammen. Ein Mensch bekommt eine Mahlzeit und erlebt zugleich: Für mich ist Platz. Ich darf mich dazusetzen, auch wenn ich hier noch niemanden kenne.
Gerade in einer Kleinstadt, in der viele einander kennen, kann es schwerfallen, eine Notlage einzugestehen. Niemand möchte beim gemeinsamen Essen als derjenige gelten, der sich selbst nichts leisten kann. Ein offener Tisch schützt deshalb auch die Würde der Gäste: Niemand muss seine Bedürftigkeit erklären, und niemand wird auf seine Schwierigkeiten festgelegt. Wir essen miteinander, hören voneinander und entdecken Menschen, die weit mehr mitbringen als ihre Sorgen.
(Folie 26)
Das kann über diesen Sonntag hinausgehen. Wenn im Garten mehr Äpfel wachsen, als wir selbst verwerten können, lässt sich daraus ein Anlass für eine Begegnung machen. Und wer keinen Garten hat, kann jemanden zum Essen einladen, der sonst allein am Tisch sitzt. Dazu braucht es weder ein großes Haus noch ein aufwendiges Menü. Eine einfache Suppe lässt genügend Raum für ein gutes Gespräch.
Gastfreundschaft bedeutet dabei auch, sich selbst einladen zu lassen. Wer gerade keine Kraft zum Kochen hat, darf an einem anderen Tisch sitzen. Gemeinschaft wächst dort, wo Geben und Empfangen zwischen uns wechseln dürfen.
(Folie 27)
Am Ende der biblischen Geschichte werden alle satt, und sieben Körbe bleiben übrig. Markus erklärt uns nicht, wie Jesus das Brot vermehrt. Er erzählt ein Wunder, das sich nicht auf geschickte Organisation oder menschliche Hilfsbereitschaft reduzieren lässt. Jesus schenkt mehr, als die Jünger bereitstellen können. Sie erfahren an diesem Tag, dass ihre begrenzten Vorräte seine Möglichkeiten nicht begrenzen.
(Folie 28)
Deshalb könnt ihr den nächsten Schritt gehen, auch solange noch Fragen offen sind. Vertraut euch Christus an; eure Zukunft liegt in seinen Händen. Und wenn ihr in den kommenden Tagen den Tisch deckt, denkt an einen Menschen, den ihr gern dabeihättet. Sprecht die Einladung aus. Im Kühlschrank findet sich oft noch etwas, und eine gemeinsame Mahlzeit kann der Anfang neuer Zuversicht sein.
Amen.
Related Media
See more
Related Sermons
See more
Earn an accredited degree from Redemption Seminary with Logos.