Kohelet 7,15–18

Reihe I (Septuagesimae)  •  Sermon  •  Submitted
0 ratings
· 42 views
Notes
Transcript

1. Der Text: Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise

Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise
15* Beides sah ich in meinen flüchtigen Tagen: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit. 16* Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise. Warum willst du scheitern? 17 Sei nicht zu oft ungerecht, und sei kein Tor. Warum willst du sterben vor deiner Zeit? 18 Gut ist es, wenn du dich an das eine hältst und auch vom anderen nicht lässt. Wer Gott fürchtet, wird beidem gerecht.

1. Jahreshauptversammlung der Bibelautoren

2. Jahreshauptversammlung der Bibelautoren

Es war wieder so weit: Die, deren Bücher es ins Buch der Bücher geschafft hatten, trafen sich zu Ihrer Jahreshauptversammlung. Alle, wirklich alle waren gekommen. Das ließ man sich nicht entgehen. Paulus war da, auch Johannes. Man sah Jesaja und Jeremia ins Gespräch vertieft. Hosea und Amos bereiteten einen Antrag vor, künftig nicht mehr nur “kleine Propheten” genannt zu werden. Der geheimnisvolle Autor des Hebräerbriefs stand auch da. Petrus hatte ein paar Fische mitgebracht. Die Stimmung war gut. Man wartete, dass Mose die diesjährige Shortlist für den biblischen Buchpreis bekannt geben würde.
Bis er kam. Da wurde es einen Moment still. Als er kam. Paulus runzelte die Stirn, Lukas und Markus verdrehten die Augen. Er schon wieder. “Ich sage dir, es war ein Fehler, ihn aufzunehmen”, raunte eine der Psalmendichterinnen dem Salomo zu. “Es war einfach falsch. Der gehört hier nicht hin.”
Er! Kohelet war sein Name. Das heißt so viel wie Gemeindeleiter. Manche nannten ihn auch nur “den Prediger”. Dabei war er nichts weniger als ein Prediger oder Gemeindeleiter. Kohelet war ein sehr, sehr skeptischer Mensch. Er durchdachte alles bis zum Ende, mit scharfem Verstand und ohne Rücksicht auf fromme Gemüter, manchmal schon beißend in seinem Spott, schonungslos nüchtern. Alles stellte er auf die Probe, alles. Das konnte den anderen schon gehörig auf den Geist gehen. Faktencheck, das war sein Ding. Fromme Zuversicht muss man bei ihm mit der Lupe suchen. Die Quintessenz seiner Einsicht war: Alles ist eitel. Wir kommen nackt zur Welt, geben uns Mühe, sammeln Güter, versuchen gute Menschen zu sein, müssen trotzdem leiden und am Ende sicher sterben. That’s it. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, was wir tun ist Haschen nach Wind, das Altern ist schrecklich. Punkt. Das ist Gottes Wort?
Hat die Psalmendichterin Recht? Sollte man dem Kohelet die Lizenz entziehen?

3. Was ist denn die Pointe?

Hören wir hin! Kohelet will, davon bin ich überzeugt, uns zu einem geerdeten, erwachsenen, mündigen Glauben helfen. Unterstellen wir ihm also gute Absichten und hören hin. Es sind ein paar schlichte Beobachtungen, die er gemacht hat. Erstens: Nicht allen frommen Leuten geht es gut, nicht allen gottlosen Menschen geht es schlecht. Manchen frommen Leuten geht es sogar ausgesprochen mies, während die Fieslinge das Leben in vollen Zügen genießen. Kurzum: Wer an Gott glaubt und nach seinem Willen lebt, damit er ein gutes Leben bekommt, der erfährt: Das geht sich nicht aus. Zweitens: Schlussfolgerung! Sei nicht übergerecht, nicht allzu gerecht! Und sei nicht allzu weise, nicht neunmalschlau. Es lohnt nicht, du gewinnst nichts damit! Aber Vorsicht: Sei auch nicht allzu böse und gottlos und bitte auch nicht über die Maßen dumm und töricht. Das könnte nämlich nach hinten losgehen.
Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise? Das steht in der Bibel? Wir sind ja nicht zugelassen bei der Jahreshauptversammlung der Bibelautoren, aber man kann da schon die Stirne runzeln: Soll das heißen: Bleibt mittelmäßig fromm. Das wohltemperierte Christsein. Macht ruhig den einen oder anderen Kompromiss? Treibt es nicht zu schlimm, aber übertreibt es auch nicht mit dem Frommsein? Mittelmäßiges Christsein als biblisches Vorbild? Schon irgendwie bemüht, aber wenn dann z.B. der Karneval kommt, dann darf man mal die Sau rauslassen. Hinterher holt man sich ein Aschenkreuz und alles ist wieder gut. Schon irgendwie christlich, aber bitte nicht radikal, nicht 100% Hingabe, nicht Suche nach Einsicht um jeden Preis, nicht “näher, näher, mein Gott, zu dir”! Alles lieber etwas “piano”? Bleib sauber, aber werde mir bitte nicht so furchtbar fromm?
Na, da haben wir uns heute etwas vorgenommen!
Ich werde drei Anläufe nehmen zu verstehen, was der seltsame Prediger uns zu sagen hat. Das wird auch ein bisschen was zum Denken sein. Ein bisschen anstrengend! Also: Seid Ihr dabei? Gut!

4. Mein erster Anlauf: Die Idee des Maßhaltens

Die Idee des Maßhaltens. Um es gleich zu sagen: Es geht nicht um Essen und Trinken. Es geht um Philosophie. Ja, da müsst Ihr jetzt durch. Philosophie: Da gab es also diesen Aristoteles, der lebte im 4. Jahrhundert vor Christus, im schönen Griechenland, und der schrieb ein Buch, das man bis heute kaufen kann, kurz gesagt eine Ethik, eine Lehre vom guten Leben. Und eine seiner Ideen war die Idee vom Maßhalten. Es ging dem Aristoteles immer um Maß und Mitte. Und um auch das zu sagen: Das ist etwas völlig anderes als Mittelmäßigkeit. Wie sieht das gute Leben aus, fragte Aristoteles? Es hält Maß und Mitte.
Der Junge hatte schon in der Schule ein “1” in Philosophie, der war richtig schlau. Vielleicht hatte er nur ein “4-” in Sport, aber man kann ja nicht alles haben. Schlau war er jedenfalls. Er hatte sich nämlich Folgendes ausgedacht: Bei jeder guten Eigenschaft gibt es ein Übermaß und einen Mangel. Und zwischen Übermaß und Mangel liegt die gesunde Mitte. Auch bei allen menschlichen Tugenden gibt es immer Übermaß, Mangel und Mitte. Das Übermaß ist ein Fehler, der Mangel ist zu tadeln, aber die Mitte ist das Beste.
Spielen wir es doch mal durch. Nehmen wir den Umgang mit unserem Geld und unseren Gütern. Das Übermaß heißt hier: Verschwendung, da steht man am Ende arm da. Der Mangel heißt Geiz, da steht man am Ende einsam da. Die Mitte aber heißt: Großzügigkeit. Das ist das gute Leben: Weder verschwenderisch noch geizig, aber großzügig. Klingt doch vernünftig, oder?
Nehmen wir eine Tugend: den Mut. Mangelt es an Mut, dann sind wir feige. Im Übermaß wird Mut zum Übermut, ja zur Tollkühnheit. In der Mitte ist die Tapferkeit.
Nehmen wir den Umgang miteinander. Wie nett sollen wir zueinander sein? Anders gefragt: Wie kommen Liebe und Wahrhaftigkeit zueinander? Mangelt es uns an dieser Stelle, dann schmeicheln wir dem anderen, sagen zu allem ja und amen. Haben wir Wahrheit im Übermaß, dann suchen wir mit Lust jeden Streit und sagen allen ins Gesicht, was wir für wahr halten. Das gute Leben blüht auf, wo wir einander die Wahrheit in Liebe sagen.
Also, das klingt doch irgendwie gut: Das Maß und die Mitte, das gute Leben abseits von Mangel und Übermaß.
Nur eins noch: Der Aristoteles (“1” in Philosophie!!) war schlau. Der weiß auch, wo das nicht klappt. Wo die Regel von Maß und Mitte nicht funktioniert. Wo ist das? Bei den Schlechtigkeiten, sagt Aristoteles. Bei Mord und Ehebruch gibt es kein Maß und keine Mitte, bei Schamlosigkeit und Ungerechtigkeit auch nicht. Nur bei der Tugend gibt es das: Maß und Mitte.
So, jetzt sind wir alle ein bisschen schlauer. Aber das ist hier ja keine Philosophiestunde, und wir müssen jetzt schon fragen: Verstehen wir jetzt den Kohelet besser? Ist das die Lösung: Suche Maß und Mitte in der Gerechtigkeit und in der Weisheit! Es klingt ja sehr ähnlich: Weder Mangel noch Übermaß. Weder übergerecht noch allzu gottlos. Weder allzu weise, aber auch kein törichter Mensch. Maß und Mitte! Meinst du das so?
Ich höre gerade den Petrus maulen: dann soll er doch sein Büchlein nehmen und zu den Philosophen nach Athen gehen, aber uns hier in Ruhe lassen.
Aber ich glaube, wir müssen ihn noch einmal selbst hören, den Kohelet, den Prediger.

5. Mein zweiter Anlauf: Kohelets Beitrag zum gesunden Glauben

Ihr habt noch nicht genau hingeschaut, sagt der Kohelet. Das mit Maß und Mitte, ja, das ist schon ganz nett, aber nicht meine Pointe.
Ich muss also ein paar Dinge klarstellen.
Zum einen muss ich klarstellen, dass ich nicht für ein mittelmäßiges Glaubensleben werbe. Keineswegs. Wenn Ihr begeistert seid, konsequent, in manchem kompromisslos, voller Erwartung Gott gegenüber, neugierig, mehr über Gott zu erfahren – wunderbar. Ich hoffe, Ihr werdet nicht enttäuscht, ich habe da nicht nur gute Erfahrungen gemacht, aber wunderbar!
Zum anderen muss ich klarstellen, dass mir euer Leben nicht egal ist. Ich bin nicht der Meinung, Ihr solltet ruhig ein bisschen ungerecht, gottlos, närrisch oder töricht sein. Keineswegs, guckt hin, das sage ich nicht! Es ist ein feiner Unterschied, aber ein Unterschied ist es. Keineswegs sage ich: Sündigt ruhig ein bisschen mehr, es kommt ja nicht darauf an.
Zum dritten muss ich klarstellen, dass ich zwar von den Extremen spreche: allzu gerecht, allzu gottlos – allzu weise, allzu töricht. Aber meine Lösung ist nicht Maß oder Mitte. Ihr müsst weiter lesen: Wer Gott fürchtet, der zieht die richtigen Konsequenzen. Gott fürchten. Darum geht es. Wer Gott fürchtet, der meidet das Böse und wird nicht dumm. Aber wer Gott fürchtet, der überzieht es auch nicht mit der eigenen Gerechtigkeit und der meint auch nicht, dass er alles weiß und versteht. Wo der, wie hieß er gleich: Aristoteles, von Maß und Mitte spricht, da spreche ich von der gesunden Ehrfurcht vor dem ewigen und großen Gott.
Lasst mich noch eines festhalten. Was ich euch sagen möchte, ist doch ganz einfach. Glauben ist gar nicht so leicht. Im Glauben in der Balance zu bleiben, ist etwas, auf das ihr ein Leben lang achten müsst. Man kann so leicht ins Rutschen kommen. Man kann so leicht driften. Und das Verrückte ist: Man kann nach beiden Seiten driften. Man kann allzu gerecht und weise werden oder plötzlich ziemlich weit weg von Gott auf törichten Pfaden wandeln. Man kann den Glauben sozusagen überhitzen und unterkühlen. Man kann religiöses Fieber bekommen oder geistlich erfrieren. Man kann – wie ging das? – am Übermaß oder am Mangel der Frömmigkeit erkranken! Davor warne ich. Ich weiß ja, sagt Kohelet (!), ich bin nicht der beliebteste unter den Autoren in der Bibel, aber ich habe eine Mission, ich habe eine Message: Nüchternheit, Balance, ein geerdeter Glaube. Und geerdet wird der Glaube, der Gott Respekt zeigt, der ihm ehrfürchtig begegnet, und der darum weder nach rechts noch nach links driftet.
Hm, möchten wir sagen, klingt irgendwie interessant, aber ehrlich: auch ein bisschen abstrakt. Kannst du das nicht mal konkreter sagen?
Naja, sagt der Kohelet, da lasse ich doch mal ein paar meiner Kollegen zu Worte kommen. Die mögen mich nicht besonders, dabei haben sie sich ganz ähnliche Gedanken gemacht.
Na, dann bin ich ja mal gespannt!

6. Mein 3. und letzter Anlauf: Der geerdete Glaube, der Gott fürchtet und in der Balance bleibt

Zwei konkrete Beispiele. Und ich konzentriere mich auf die interessantere Seite: den Glauben mit Fieber, der allzu gerecht und allzu weise sein möchte.
Das erste Beispiel steuert Lukas bei, der Erzähler der Lebensgeschichte Jesu. Er erzählt einmal von einem Pharisäer, der zum Tempel kommt. Da gibt es auch noch einen Zöllner, aber der kümmert uns heute nicht. Aber der Pharisäer. Ich kürze das ab: Pharisäer waren keine Karikatur von Glauben. Pharisäer waren Menschen, die es ernst nahmen: Keine Kompromisse! Null Toleranz für Sünde. Volle Hingabe an Gott! 100%, nicht 95%. Und Jesus nahm diese Menschen ernst. Wäre es anders, hätte er sich nicht so mit Ihnen beschäftigt. Warum aber sind die Pharisäer ein Beispiel für die allzu Gerechten und den überhitzten Glauben? Antwort: Weil man an ihnen sehen kann, wohin Gerechtigkeit ohne Gottesfurcht führt. Der Pharisäer weiß, was er ist. Er ist gerecht. Sein Einsatz hat sich gelohnt. Sein Leben hat er im Griff. Die Gebote hält er peinlich genau ein. Seinen Platz bei Gott hat er sich redlich verdient. Er ist eben nicht so wie dieser … dieser Zöllner, der allzu gottlos und töricht lebte und sich nun kaum in die Kirche traut! Hah, so einer ist er nicht.
Jesus, so hören wir von Lukas, Jesus aber wendet sich dem armen Sünder zu, dem Zöllner, der Gott sein verkorkstes Leben hinhält und um Erbarmen bittet, der Gott so dringend braucht und der ohne Gottes Gnade nicht mehr ein noch aus wüsste. Der, so Jesus, der ist Gott recht. Warum aber ist es der Pharisäer nicht? Warum könnte Jesus nicht beiden sagen, dass alles gut ist? Weil der Pharisäer Gottes Erbarmen nicht mehr braucht! Weil er auch ohne Gnade ganz gut zurecht kommt! Weil er in seiner Gerechtigkeit selbstgenügsam wurde! Er hat solange an seiner Gerechtigkeit geschraubt, bis er zum Selbstversorger wurde. Im Extrem wartet das Gegenteil. Er braucht Gott nicht. Er ist von Gnade unabhängig. Und genau da verliert er Gott. Er dient Gott so heftig, dass Gott ihn nicht mehr mit dem beschenken kann, was sein größtes Geschenk ist: Gnade, Jesus, Vergebung, Annahme - nur aus Gnade, nur im Glauben, nur durch Jesus.
Vielleicht findet Ihr das abstrakt. Aber es ist alles andere als abstrakt. Immer wieder, seit es Christen gibt, gab es das: ein Streben nach vollkommener Heiligkeit, das in Hochmut und falscher Selbstsicherheit endete. Die Gott am nächsten sein wollten, liefen am Ende vor ihm weg. Noch einmal, ich ringe jetzt um Euch: nichts gegen Hingabe, konsequente Nachfolge. Aber immer mit Gottesfurcht! Gott fürchten heißt: nicht allzu gerecht sein. Nicht allzu gerecht sein heißt: Ich weiß, ich bleibe ein unvollkommener, gebrochener Mensch. Ich weiß, noch meine besten Taten sind infiziert von meinem alten Leben fern von Gott. Es ist noch nicht vorbei. Solange ich lebe! Was immer ich tue, auch das Allerbeste, auch in der schönsten Mitte – es kann nicht bestehen, ohne Gnade, ohne Jesus. Gott fürchten heißt aber auch sich unbändig zu freuen: Ich, der ich weder allzu gerecht noch allzu weise bin, bin Gott recht. Er schließt mich in die Arme. Mehr muss nicht sein. So bleibt der Glaube nüchtern, geerdet, in der Balance und gesund.
Das zweite Beispiel steuert Matthäus bei, der will sich auch nicht lumpen lassen. Er hat schließlich die wichtigste Rede des Herrn aufgeschrieben. Die Rede auf dem Berg. Und da redet Jesus über eine andere Form von “allzu gerechtem” Glauben, von geistlicher Überhitzung. Es geht um das Gebet. Jesus bringt seinen Wegbegleitern das Beten bei. Und dann warnt er sie. Er warnt sie davor zu meinen, ihre Chancen bei Gott stiegen, wenn sie viele Worte machen. Anders herum: Sie könnten meinen, ihre Anliegen kämen nur deshalb nicht zu Gottes Ohr und Herz, weil sie nicht genug Worte machen. Ihr Gebet könnte zu kurz ausfallen, zu wenig engagiert, nachhaltig. Wenn wir nur mehr beteten, dann würden wir auch mehr erleben. Wohl verstanden: Es gibt auch das andere, dass wir nichts empfangen, weil wir nicht beten, es gibt auch eine Armut an Gebet, die wirklich töricht ist. Aber das ist hier nicht dran: Es gibt eben auch dieses, das Prinzip des Quantum im Gebet. Mehr hilft mehr. Wenn wir 24/7 beteten, was würde hier alles geschehen. Jesus sagt: Macht nicht viele Worte. Der Vater weiß, was ihr braucht. Der Vater weiß. Betet. Betet auch gerne, leidenschaftlich und oft. Aber wer Gott fürchtet weiß: Nicht viele Worte machen. Im Extrem wartet das Gegenteil. Im Extrem wird aus Vertrauen Misstrauen: Ich muss mehr beten, sonst hört Gott nicht. Jesus sagt: Vater weiß.
Auch das ist nicht abstrakt. Wie gut, wenn uns das Gebet wichtig wird. Wie gut, wenn wir füreinander und für andere beten. Ich bin so dankbar, dass ich wissen kann, für mich beten Menschen. Und ich selbst wüsste nicht mehr ein noch aus, wenn ich nicht Gott in den Ohren liegen dürfte. Aber: nicht die Menge macht’s. Der Vater weiß.
Ich könnte die Reihe noch fortsetzen. Mit der Weisheit. Sei nicht allzu weise. Das müssten wir mal unter uns Theologen anschauen. Sei nicht allzu weise, aber fürchte Gott. Unsere Texte und Reden klingen manchmal so, als säßen wir bei Gott am Mittagstisch und wüssten alle seine Geheimnisse. Paulus, einer der Größten unter den Theologen, sagt: Stückwerk ist unsere Erkenntnis. Vieles verstehen wir nicht im Ansatz, vieles ist Gottes Geheimnis. Was wir wissen müssen, das lesen wir in der Bibel. Durch sie redet der Herr mit uns. Da ist Klarheit und genug Weisheit. Aber darüber hinaus wissen wir viel weniger, als wir manchmal zu wissen vorgeben.
Warum aber das alles? Nun, dieses Bibelwort ist den evangelischen Gemeinden heute aufgegeben. Kohelet, diese seltsame Gestalt am Rande des Alten Testaments. Ich will zum Schluss sagen, warum ich gesagt habe, was ich gesagt habe. Ich habe es nicht gesagt, weil ich die unter uns, die nach einer tieferen Beziehung zu Gott suchen, die mehr von ihm erwarten und mit ihm im Alltag erleben möchten, belehren oder beschämen möchte. Ich bin nicht der Prediger des Mittelmaßes. Aber ich habe den Eindruck, dass wir gerade darum ringen, wie das aussieht: Jesus konsequent nachfolgen, lebendig und mündig Christ sein, sein Leben in die Waagschale werfen. Da bin ich dabei. Da aber möchte ich ein Schüler der ganzen Bibel sein, auch ein Schüler Kohelets. Seinen Beitrag zur Bibel möchte ich als meinen Beitrag zum Gespräch in unserer Gemeinde zu Gehör bringen. Habt acht auf eure Frömmigkeit, sagt Jesus. Euer Glaube kann driften, er kann unterkühlt alles hinter sich lassen, was euch einmal heilig war. Nicht gut! Euer Glaube kann driften, er kann überhitzt, ja fiebrig, werden, ins Extrem laufen, ins Gegenteil fallen, sei es, dass er Gottes Gnade nicht mehr braucht, sei es, dass er Gott betend so misstraut, dass er immer mehr Worte macht. Auch nicht gut. Habt das im Sinn auf eurer geistlichen Reise. Fürchtet Gott, oder klarer noch: Haltet euch an Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, und an das klare Wort der Bibel. So bleibt der Glaube geerdet, nüchtern, in der Balance.

7. Schluss

Ach ja, die Jahreshauptversammlung der Bibelautoren ging dann doch friedlich weiter. Kohelet wurde freundlich in der Runde begrüßt. Lukas und Matthäus räumten grummelnd ein, dass Kohelet schon auch etwas zu sagen hat. Er gehört dazu, wenn er auch eher als Grenzwächter am Rand der biblischen Botschaft taugt. Auf die Shortlist für den Bibelbuchpreis hat er es wieder nicht geschafft. Da standen dann doch die kleinen Propheten.
Danke für eure Geduld. Und: Amen!
Related Media
See more
Related Sermons
See more