Sich Versöhnen

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Sich versöhnen

Liebe Gemeinde,
gepflasterte Gassen schlängeln sich an alten Häusern vorbei. Die Kleinstadt Herzogenaurach im Bundesland Bayern hat viele schöne Ecken.
Doch außerhalb der Stadt stehen riesige Gebäude mit großen Zufahrten und Kreisverkehren. Ständig fahren Lastwagen hin und her. Hier in Herzogenaurach sind nämlich zwei große Firmen zu Hause: die größten Hersteller für Sportartikel aus Deutschland: Adidas und Puma.
Die Geschichte der beiden Firmen begann vor fast hundert Jahren mit einem berühmten Brüder-Paar: Rudolf und Adolf Dassler. Sie begeisterten sich für Sport. In der Waschküche ihrer Eltern richteten sie sich eine kleine Werkstatt ein. Dort tüftelten sie an besonderen Sportschuhen. Für ihre Ideen gründeten die Brüder eine Fabrik und wurden zusammen erfolgreich.
Doch der große Erfolg sollte die Brüder nicht für immer binden: Es kam zum Streit. Die Dasslers teilten ihr Vermögen auf und gingen fortan getrennte Wege. Aus engen Partnern wurden Konkurrenten. Es heißt, die beiden hätten von diesem Tag an nie wieder ein Wort miteinander gewechselt. Rudolf nannte seine Firma Puma, Adolf gründete Adidas.
Jahrzehnte lang beherrschte der Streit die kleine Stadt. Auch nach dem Tod der Dassler-Brüder blieb die Trennung der beiden Firmen bestehen. Die Söhne der verstorbenen Brüder führten die Betriebe fort. Und aus dem Wettstreit zweier Brüder wurde der Wettstreit der Söhne.
Dass sich Menschen verkrachen, entzweien, das wissen wir. Wir kennen viele solcher Lebensgeschichten. Eine der gegenwärtig bekanntesten ist ja der Zwist von William und Harry vom englischen Königshaus. Oft sind es traurige Lebensgeschichten, die da erzählt werden. Auch in unseren eigenen Familien gibt es sie zu Genüge. Vielleicht gibt es auch bei uns in unserem eigenen Umkreis Menschen, mit denen wir seit Wochen, Jahren oder sogar Jahrzehnten nicht mehr geredet haben - oft sind es ganz nichtige Gründe, die dazu führten. Wir sollten einmal darüber nachdenken, ob es das wirklich wert ist?
Oder ob es nicht auch andersherum möglich ist? Mit Versöhnung? Mit aufrichtigem Verzeihen? Mit dem Aufeinanderzugehen? Mit einem Neuanfang?
Eine Geschichte, die uns das heute verdeutlichen will, ist die endgültige Versöhnung von Josef mit seinen Brüdern aus dem 1. Mosebuch Kapitel 50:
Mose 50,15-20:
15 Als Josefs Brüder begriffen, dass ihr Vater tot war, bekamen sie Angst. Sie dachten: »Hoffentlich ist Josef uns gegenüber nicht nachtragend. Sonst wird er uns all das Böse heimzahlen, das wir ihm angetan haben.«
16 Darum ließen sie ihm mitteilen: »Dein Vater hat uns vor seinem Tod aufgetragen,
17 dir zu sagen: ›Vergib deinen Brüdern das Unrecht und ihre Schuld! Ja, sie haben dir Böses angetan. Nun vergib ihnen dieses Unrecht. Sie dienen doch dem Gott deines Vaters!‹« Als Josef das hörte, fing er an zu weinen.
18 Da gingen seine Brüder zu ihm hin, warfen sich vor ihm nieder und sagten: »Wir sind deine Knechte.«
19 Aber Josef sagte zu ihnen: »Fürchtet euch nicht! Bin ich etwa Gott?
20 Ihr hattet Böses für mich geplant. Aber Gott hat es zum Guten gewendet. Er wollte tun, was heute Wirklichkeit wird: ein großes Volk am Leben erhalten.
21 Deshalb fürchtet euch nicht! Ich werde für euch und für eure Kinder sorgen.« Er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.
Joseph war als Kind der Lieblingssohn seines Papas Jakob. Er wurde ein wenig verhätschelt und bevorzugt. Da waren natürlich die anderen Söhne ganz schön sauer. Als 17jähriger hatte Joseph dann einen Traum, bei dem sich die Sonne, der Mond und elf Sterne vor ihn verbeugten. Das lässt sich doch nur “schwer” deuten, was das bedeutet. Alle in der Familie waren mächtig sauer. Selbst die Eltern. Also der Konflikt in der Familie ist vorprogrammiert. Doch dann überschreiten die Brüder die rote Linie: Gewalt, Lüge, Hass, Mordlust, Verrat. Alle sind daran beteiligt, alle sind Schuld - jetzt gibt es Täter und Opfer. - Trauer, Gram, Schmerz, Verlust. - Zur Tötung kommt es zwar nicht.
Aber Josef wird an Sklavenhändler verkauft. Er kommt als Sklave nach Ägypten. Dort macht er Schlimmes durch. Nach einem Auf und Ab in seinem Leben, macht er Karriere und wird Vizepräsident des Landes. Das hängt alles auch mit der Hungersnot zusammen, durch die er die Ägypter mit einer guten Vorratswirtschaft führt. Diese Vorratswirtschaft ist so gut, dass auch noch Nachbarvölker etwas abbekommen können. So kommt auch die Familie von Jakob nach Ägypten. Dort trifft sie auf Josef. Man trifft sich doch im Leben 2 mal. Und Josef nimmt sie auf: - den alten Vater, die elf Brüder, alle - ohne Unterschied. Er versorgt sie. Der Bruder, den sie loswerden wollten, der wird ihr Lebensretter. Er wird ihr Versorger.
Der Traum des 17 jährigen Josef hat sich erfüllt. Doch er hat sich ganz anders erfüllt, als er gedacht hat. Er kann es nicht genießen, dass seine Familie vor ihm im Staub liegt. Denn er hat jetzt als älterer Mann ganz andere Werte: Mitgefühl und Fürsorge bestimmen jetzt sein Leben. Darum kann er ihnen jetzt auch so begegnen, von ganzen Herzen vergeben und sie trösten. Er sieht jetzt rückblickend seinen Lebensweg als einen Weg des Glaubens: “Nicht ihr seid es, die mich nach Ägypten geschickt habt”, sagt er, “sondern das war Gott selbst. Es war sein Plan und das war nötig. Damit kann ich für euch sorgen. Es war Gottes gute Absicht. Gott ist es, der aus Bösem Gutes werden lassen kann. Ich musste diesen Weg gehen.”
Aber eigentlich ist diese Geschichte doch etwas komisch. Wie kommen die Brüder darauf, dass nachdem Josef nun mit ihnen und dem Vater 17 Jahre in Ägypten in Frieden und in Eintracht gelebt hat und für sie alle gesorgt hat, sich nun an ihnen rächen will, für das, was sie ihm in seiner Jugend angetan haben?
War es nur der Respekt vor dem Vater, der die Brüder geschützt hat, der sie vor der Rache des Josef bewahrt hat? Denkt jetzt Josef etwa nach dem Tod des Vater Jakob: “Die Rache ist mein!”
Wenn wir die Brüder mit ihrer Vergebungsbitte hören, dann sahen diese das so. Denn sie beriefen sich dabei auf ihren Vater als Garanten der Versöhnung. Aber sie waren bereit auf Josef zu zugehen. Sie waren bereit, reinen Tisch zumachen. Sie waren bereit für ihr Versagen, für ihre Sünde und ihre Schuld einzutreten. Das Opfer hört - ja es war Unrecht. Die Täter lassen alle fadenscheinigen Entschuldigungen fallen, die ihnen sowieso keiner glaubte.
Jetzt kann es zur wahren und endgültigen Versöhnung kommen. Und wie schon gesagt, auch Josef ist ein anderer geworden. Er hatte sich mit seiner Lebensgeschichte versöhnt. Mit seiner Geschichte mit Gott. Er sah jetzt in ihr Gottes Plan. So kann er das ganze Geschehen rückblickend sehen. Darum ist es nun möglich, dass er seinen Brüdern ganz und gar vergeben und verzeihen kann. Er will weiter für sie und ihre Familien sorgen. Das sagte er seinen Brüdern sogar ausdrücklich zu. Sozusagen als Lebensversicherung.
Nun stellt sich für uns die Frage: Wo stehen wir? Auch wir als Christen sind herausgefordert in Versöhnung mit unseren Mitmenschen zu leben, nicht nur mit den Mitchristen, sondern mit allen Menschen - weil wir selber versöhnt wurden. Wir wurden durch Jesus Christus mit Gott, dem himmlischen Vater, versöhnt. Darum schreibt der Apostel Paulus an die Christen in Thessalonich:
1 Thessalonians 5:15 BasisBibel
15 Achtet darauf, dass niemand Böses mit Bösem vergilt. Bemüht euch vielmehr, einander und allen anderen immer nur Gutes zu tun.
Dass das nicht einfach ist, das wissen wir nur zugut und es ist immer wieder eine Herausforderung an uns als Christen. Dennoch macht das gerade unser Christsein aus:
Romans 12:17–19 BasisBibel
17 Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn. 18 Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt. 19 Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben. Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes. In der Heiligen Schrift steht ja: »›Die Rache ist meine Sache, ich werde Vergeltung üben‹ – spricht der Herr.«
Oft erkennen wir erst im Nachhinein, dass die Wege, die wir aufgrund von Benachteiligung oder sogar Verfolgung oder Behinderung durch unseren Glauben gegangen sind, die Wege sind, die Gott uns führen wollte und dass es die Wege sind, die uns den meisten Segen im Leben gebracht haben, während andere Wege, die wir gern gehen wollten, die uns aber verwehrt waren, uns vielleicht in die Irre geführt hätten. Vielleicht sogar weg von Gott.
Einer, der das von seinem Leben bezeugt ist Dietrich Bonhoeffer. Darum möchte ich mit einem Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer schließen:
Ich glaube (Bonhoeffer)
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Dietrich Bonhoeffer
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