Predigt (unbenannt)

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Notes
Transcript
„Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.“ Amen.
Manchmal gibt es ganz besondere Momente im Leben.
Ich will euch von einem Jungen erzählen, der schwer verliebt ist. Kai liebt Klara. Er schwärmt für sie. Sie gehen in dieselbe Klasse. Er liebt ihr Gesicht, ihr Lachen, ihre Stimme, wie sie aussieht, aber er traut sich nicht, es ihr zu sagen. Wenn sie ihn anspricht, wird er rot. Sein Puls geht hoch, seine Stimme versagt. Wovon er nichts weiß: Sie liebt ihn genauso! Sie schwärmt für ihn. Klara liebt Kai und sie wartet darauf, dass er sie mal anspricht. Manchmal hat sie ihn schon auf dem Schulweg begleitet aber beide haben nur geschwiegen.
Aber dann, an einem Tag, zum Ende des Schuljahres, da ergibt sich die Chance, die Gelegenheit. Die Klasse macht einen Ausflug. Sie wandern. Sie machen eine Pause im Wald mit herrlichem Ausblick. Kai sitzt etwas abseits auf einer Bank, Klara setzt sich zu ihm, alle anderen sind weit weg. Da sagt Klara leise, aber deutlich, und Kai traut seinen Ohren nicht: „Du, Kai, ich habe gehört, dass der Umfang einer Frauentaille genau so lang ist wie ein Männerarm!“ Kai wird blass, sein Herz schlägt bis zum Hals! Dann springt er auf und ruft: „Warte, ich habe ein Metermaß, das kann ich holen, wir werden das Nachmessen!“
Chance verpasst. So eine Gelegenheit wird es so schnell nicht wieder geben! Das war sein „Kairos“. Kairos ist ein griechisches Wort. Kairos ist der besondere Zeitpunkt, die Gelegenheit, die „rechte reife Zeit, um zu handeln“. Kai hat seinen Kairos verpasst. Auch Gott schenkt uns solche Gelegenheiten, besondere Zeitpunkte, gefüllte vorbereitete Momente.
Wenn der Grieche „Chronos“ sagt, dann meint er die Zeit, die vergeht, die man messen kann. „Chronos“ kann man an der Uhr ablesen und da ist jede Minute ganz genau gleich wie jede andere. Ohne Unterschied. Mitten in dieser Zeit aber, die vergeht, im Chronos, gibt es besondere Zeiten, dichte, erfüllte Zeiten. Von einer solchen Zeit schreibt Paulus den Korinthern in unserem Predigttext: „Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tag des Heils geholfen. Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Paulus zitiert den Propheten Jesaja und sagt: Das ist heute passiert. Die Zeit der Gnade, von der Jesaja gesprochen hat, die ist jetzt.
Gnade – Gottes großes Geschenk
Ist es wirklich wahr, dass wir Menschen Gnade brauchen? Gibt es tatsächlich nichts Wichtigeres? Wenn wir in die Medien schauen, dann ist Gnade ein absolutes Nebenthema. Wenn ich mir von der Suchmaschine Google die Schlagzeilen zum Stichwort Gnade auflisten lasse, dann lese ich: „Elden Ring: Was sind Orte der Gnade? Alles zum Speichersystem im Spiel“ Orte der Gnade also, um Zwischenstände in einem Computerspiel zu speichern. Oder „Durch Gottes Gnade ist die Welt einer atomaren Katastrophe entgangen“. Die Überschrift eines Artikels in der „Zeit“ zu dem Angriff auf das Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine. Ansonsten geht es in unserer Gesellschaft eher gnadenlos zu. Wer im Berufsleben keine Leistung bringt, der steht schnell auf der Straße. Jeder spürt die Ellenbogen des anderen: Das fängt schon auf dem Schulhof an. Von klein auf lernen die Kids, sich zu behaupten und auf den eigenen Vorteil zu schauen. Die Rede von Gnade wirkt da wie ein schöner Traum, wie eine Illusion. Die Wirklichkeit sieht doch anders aus.
Und doch: In diesem Wort „Gnade“ liegt der entscheidende Sinn unseres Lebens. Gottes Gnade ist es, die unser Leben sinnvoll und lebenswert macht. Durch die Gnade wird der Leistungsgedanke, werden Normen, wie „kannst was, bist was“, die unseren Alltag bestimmt, außer Kraft gesetzt.
Gnade heißt: Wir sind mehr wert, als wir selbst aus uns machen können. Wir bekommen nicht nur das, was wir verdienen. Wir müssen nicht das Letzte aus uns herausholen. Wir werden nicht auf unsere Fehler und Schwächen festgenagelt, weil ein anderer ans Kreuz genagelt wurde: Jesus Christus. In ihm schenkt Gott uns seine Gnade. Paulus kann über dieses große Geschenk nicht genug staunen. Aber er schreibt seiner Gemeinde in Korinth auch, warum die Gnade so wichtig und notwendig ist. Im vorangegangenen Kapitel, Kapitel 5 steht es eindeutig: Wir Menschen sind vergänglich und verloren.
Vergänglich – wir alle werden einmal sterben müssen. Verloren – unser Leben ist von der Sünde bestimmt. Deshalb brauchen wir nichts so sehr wie Gottes großes Geschenk. Nur durch die Gnade kann unser Leben neu werden.
Das sind harte Worte. Viele Menschen schütteln darüber nur den Kopf und wollen die Botschaft der Bibel nicht wahrhaben. Vergänglich und verloren – bin damit wirklich ich gemeint? Wir haben oft ein anderes Bild von uns. Es ist wie bei diesen Kratzbildern, die Jamina, unsere Tochter immer wieder gerne macht. Dazu bemalt man ein weißes Papier mit bunter Wachskreide. Dann wird das Ganze dick mit schwarzer Wachskreide übermalt. Wenn man anfängt die oberste Schicht wegzukratzen, entsteht ein schönes, buntes Bild.
Und genauso denken auch wir Menschen über uns selbst. Da sind schwarze Schatten; ja, es gibt dunkle Flecken in unserem Leben. Aber darunter sind wir hell und gut und wollen das Beste. Wenn unser wahrer Kern zum Vorschein kommt, dann ist doch alles gut. Doch halt! Gott sieht uns genau umgekehrt. Da ist der dunkle Untergrund, den wir mit uns herumtragen. Geschickt versuchen wir ihn mit hellen Farben zu übermalen. Doch immer wieder blättert der Lack ab, die Fassade bröckelt und das Schwarz bricht durch. Vergänglich und verloren – diese Selbsterkenntnis trifft mich immer wieder neu. Wie oft bin ich unzufrieden über mich selbst. Wie oft ärgere ich mich über Fehler und Versäumnisse. Paulus schreibt im Römerbrief: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich“. Vergänglich und verloren. Ist uns das bewusst? Ist mir bewusst, dass ich eines Tages sterben muss? Viel zu oft verdränge ich diese Gedanken. Sehe nur auf das hier und jetzt. Aber manchmal überkommt es mich, und dann macht sich ein ungutes Gefühl in der Magengegend breit und kann nur zu gut mit den Liedzeilen der Band „Fettes Brot“ mitfühlen, wenn sie rappen. „Manchmal, wenn ich Nachrichten seh′, passiert mit mir etwas Seltsames. Denn auch wir sind Eltern jetzt, haben ein Kind in diese Welt gesetzt Dann kommt es vor, dass ich Angst davor krieg, dass uns etwas geschieht, dass man den verliert, den man liebt, dass es das wirklich gibt.“
Gerade jetzt, wenn man die Nachrichten sieht, die Zeitungsberichte liest. Dann ist das Thema wieder viel präsenter. Plötzlich ploppen Bilder aus der Offenbarung auf und ich versuche das Geschehen irgendwie einzuordnen. Es bleibt beim Versuch. Und immer wieder der Gedanke, dass alles endlich ist, alles vergänglich. Es ist gut sich das immer wieder bewusst zu machen. Egal wie alt man ist. Und die Fragen zu stellen: Falls du heute Nacht sterben würdest – bist du dir hundertprozentig sicher, dass du in den Himmel kommst? Falls Jesus heute wieder kommen würde – bist du bereit dazu? - Was für ein großes Geschenk ist da die Gnade Gottes. Ich werde angenommen mit meiner Sünde und meiner Schwäche, die Vergebung verändert mein Leben, die Gemeinschaft mit Gott macht mich zu einem neuen Menschen. Und Paulus sagt den Christen in Korinth nicht: Das alles wird irgendwann einmal geschehen. Sondern er schreibt: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Das große Geschenk Gottes steht in Jesus Christus vor uns. Was für ein Trost, in einer sonst gnadenlosen Welt.
Gnade ist gefährdet
Gott ist gnädig – Gott sei Dank. Gott vergibt uns Menschen, Gott nimmt uns mit offenen Armen auf. Darüber freut sich Paulus und das können wir nicht oft genug wiederholen. Aber gefährlich wird es, wenn die Gnade billig und beliebig gemacht wird. „Vergebung, das ist Gottes Geschäft“ so hat der Philosoph Voltaire spöttisch gesagt. Kann ich wirklich tun und lassen, was ich will – Gott ist gnädig, er wird mir vergeben?
Wenn ich tue und lasse was ich will, wenn ich bleibe wie ich bin, dann komme ich nie heraus aus dem Kreislauf der Vergänglichkeit. Die Bibel sagt etwas anderes: „Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“. Wenn ich um Vergebung bitte und Vergebung erhalte. Dann geht es um Veränderung. Um das Einüben, Einlernen eines neuen Verhaltens. Vergebung bedeutet nicht, danke und jetzt mach ich weiter wie bisher.
Gott schenkt seine Gnade voraussetzungslos, aber Gnade bleibt nicht ohne Folgen. Mein Leben wird in die Gemeinschaft mit Gott gestellt. Ich höre auf sein Wort, ich befolge seine Gebote, ich frage nach seinem Willen. Paulus schreit den Korinthern am Anfang des Predigttextes: „Wir ermahnen euch aber, auch als Mitarbeiter, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt.“ „Ermahnen“ ist eigentlich nicht das richtige Wort. Paulus ermuntert vielmehr, ruft zu, ruft auf zum Durchhalten, zum Dranbleiben am Evangelium. Denn Gottes Heil und Erlösung sind ja jetzt greifbar nahe, seit Jesus in die Welt gekommen ist. „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“, schreibt der Apostel. Er hofft und vertraut darauf, dass dieser mahnende Zuruf die Korinther wieder fester an Christus bindet. Er hofft, dass dieses Wort, das er ihnen zuruft, den Glauben stärkt, denn Paulus weiß: Gnade ist gefährdet, wenn ich Gott nicht ernst nehme; Gnade ist gefährdet, wenn ich Vergebung ohne Veränderung möchte. Aber genauso gefährlich ist es, wenn ich mir die Gnade Gottes verdienen möchte; wenn ich meine, ein besonders guter Christ sein zu müssen. Ich kann zu Gottes großem Geschenk nichts, aber auch gar nichts hinzufügen. Gnade ist ganz und gar Gnade, 100 % ohne Wenn und Aber. Und doch ist die Gnade gefährdet, wo sie nicht in ihrem Ernst begriffen wird. Gnade ist umsonst, aber nicht kostenlos: Gott schenkt uns Vergebung um den Preis seines Sohnes.
Gnade ist keine Garantie für Glück
Die Fortsetzung von Paulus Predigt über die Gnade ist merkwürdig. Eigentlich würde ich erwarten, dass er das Leben als Christ in den schönsten Farben beschreibt. Dass er begeistert. Es muss doch wunderbar sein, in der Gemeinschaft mit Gott zu leben. Doch Paulus erzählt von seinem Dienst als Apostel. Und da gibt es nichts von Glanz und Gloria zu berichten. Trübsal, Not, Angst, Schläge, Gefängnis, Verfolgung – sind wir im falschen Film? Sieht so ein Leben in der Gnade Gottes aus? Nein, Paulus schreibt keine Erfolgsgeschichte. Er verschweigt nicht, dass Gottes Gnade keine Garantie für Glück ist.
Paulus ist keiner von denen, welche die harten und oft grausamen Züge der Wirklichkeit leugnen.
In diesen Tagen beginnt die Passionszeit im Kirchenjahr. Diese Zeit erinnert uns an die Leiden, die Jesus erlitten hat. Und sie erinnert uns zugleich daran, dass das Leiden zu unserem menschlichen Leben gehört: Traurig sein; Sterben müssen; zusehen müssen, wie andere sterben; Angst haben: All das zeichnet und prägt unser Leben eben auch. Paulus blendet diese Seiten des Lebens nicht aus. Und dennoch deutet und empfindet er die eigene Gegenwart als eine Zeit der Gnade, als einen Tag des Heils.
Paulus ist kein Theoretiker. Paulus lässt uns nicht an irgendwelchen philosophischen Ergüssen teilhaben. Paulus hat es am eigenen Leib erfahren, was es heißt, zu leiden. Er hat es erlebt, ausgeliefert zu sein: den Gewalten der Natur, den Grausamkeiten der Menschen, der Willkür der Einflussreichen.
Wie kommt es, dass er dennoch die eigene Gegenwart so positiv einschätzt? Eine Zeit der Gnade, ein Tag des Heils? Paulus zählt nicht nur auf, was er alles zu tragen hat. Sondern er sagt auch, wie er das alles aushalten kann: In Geduld, in Freundlichkeit, in der Kraft des Heiligen Geistes. Paulus muss die Schwierigkeiten seines Lebens nicht auf die eigenen Schultern laden. Er braucht nicht zu verzweifeln, wenn scheinbar alles schief geht. Denn er kann sich mit den Augen Gottes sehen. Er spürt die Gnade, die stärker ist als Not und Leid. Und so kann er sagen: „Ich erlebe Kummer und bin doch fröhlich. Ich bin arm und mache doch viele reich. Ich besitze nichts und habe doch alles.“ Nichts kann unser Leben sinnlos machen, wenn wir mit Jesus verbunden sind. Was wir erleben ist kein blindes Schicksal oder dummer Zufall. Sondern unser Leben steht unter der Gnade Gottes. Wir sind gehalten in seiner guten Hand. Das ist Grund zur Freude und das gibt Zuversicht für den Weg, der vor uns liegt. Gott schenkt uns, was wir vor allem anderen brauchen: Seine Gnade.
Diese Gelegenheit, diese Chance sollten wir nicht verpassen. Hören wir damit auf anderen etwas beweisen zu wollen. Lasst uns den Arm um dieses Geschenk legen und es ganz nah an uns heranziehen. Gott schenkt uns seine Gnade. Amen.
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